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Filmtipp

Nur ein Tag

Eine Fabel vom Glück und Sinn des Lebens

Gutgelaunt beginnt das Wildschwein seinen Tag, rhythmisch orchestriert mit swingenden Klängen im Stil von Stéphane Grappelli. Zu früher Stunde gräbt es im Wald Trüffeln aus. Gleich wird es sie zu duftenden Puffern verarbeiten, sie mit seinem reinlichen Mitbewohner, dem Fuchs, teilen. Aber die gelöste Stimmung verdüstert sich schnell. Denn heute ist zugleich der Schlüpftag der Eintagsfliegen. Als eine dieser Spezies dem Gewässer vor ihren Häuschen entsteigt, werden die beiden unweigerlich mit philosophischen Fragen konfrontiert. Wie soll man einem Todgeweihten begegnen? Und wie sollte man einen Tag am besten verbringen, wenn man weiß, dass es der letzte ist?

Eine ausweglose Situation, vor der man schnell mit einer Notlüge kapituliert. So ist es jetzt der Fuchs und gar nicht mehr die Eintagsfliege, dessen letztes Stündchen schlagen wird. Das Insekt mit dem sonnigen, hilfsbereiten Gemüt weiß sofort, was zu tun ist. Der letzte Tag soll für den Fuchs ein glücklicher sein.

„Nur ein Tag“ ist eine Fabel, die vom Glück und vom Sinn des Lebens handelt. Davon erzählt sie poetisch, optimistisch und traurig zugleich, nicht nur für Kinder. Mit der geglückten Verfilmung präsentiert der renommierte Kinderbuchautor und Illustrator Martin Baltscheit sein Kinodebüt. Es basiert auf seinem eigenen Theaterstück, das er 2016 in Buchform veröffentlichte, mit Illustrationen von Wiebke Rauers.

Wer mit dem Buch im Kopf aber einen Zeichentrickfilm erwartet, wird überrascht. Denn Baltscheit hat die Rollen der Tiere mit Schauspielern besetzt und bezieht sich formal mehr auf das Theaterstück. So führt er dem jungen Publikum nicht nur vor Augen, dass die Fabel übertragen werden muss und auf das menschliche Leben anzuwenden ist. Der Regisseur zaubert aus diesem Kontrast auch große Einsichten hervor.

Vorwärts! Das ganze Glück in 24 Stunden. (Oder in 75 Filmminuten). Von Links: Karoline Schuch (Eintagsfliege), Aljoscha Stadelmann (Wildschwein), Lars Rudolph (Fuchs)

Für das junge Publikum ist es komisch, wenn ein Mensch als Tier ausgegeben wird und sich auch ganz selbstverständlich wie ein solches verhält, während sein eigentliches Sein doch bewusst bleibt. Damit changiert die Tragik des menschlichen Lebens in aller heiteren Ernsthaftigkeit, womit sie vielleicht leichter auszuhalten ist. Gleichzeitig spürt der Film durch diesen Kontrast auch dem Zusammenhang von Kunst und Spiel nach. Kinder gehen selbstredend davon aus, dass im Spiel alles möglich ist: Ein Mensch kann ein Wildschwein darstellen. Dasselbe gestattet die Kunst. Sie ist der Ort, an dem sich auch Erwachsene im Spiel der Möglichkeiten verwirklichen oder auch distanzieren können. Indem das Kunstwerk so den Gestaltwandel denkbar macht, imaginiert es ihn zugleich als transzendente Idee; es gibt auch eine Vorstellung davon, wie die Anthropomorphisierung als künstlerisches Verfahren funktioniert.

Welche Möglichkeiten dem ästhetischen Spiel innewohnen, wie Sein und Zeitlichkeit ineinandergreifen, wird auch durch die famose Kameraarbeit sichtbar gemacht, wenn sie an verschiedenen Stellen mit Rahmungen arbeitet. Wenn sie etwa durch Kaschierung den Blick durch ein Fernglas imitiert oder in der Rückblende die Erfahrungen der Eintagsfliege als Film im Film inszeniert.

Während in der Realität alle Erfahrungen endlich sind, ist der Lauf der Zeit im Bild aufgehalten, werden die Erinnerungen an die jeweiligen Glücksmomente konserviert. Zugleich aber wird das Leben als ununterbrochener Fluss durch das Medium selbst simuliert.

Was zeichnet das menschliche Glück in Baltscheits Fabel aus? In der kinderliterarisch vereinfachten Form werden die grundsätzlichen Dinge benannt, zumeist abenteuerliche Schwellensituationen, welche die Gesellschaft mit gemeinschaftlichen Ritualen begeht. Der Fuchs muss zur Schule gehen und lernen, sich seine Nahrung selbst zu beschaffen. Er feiert seinen Geburtstag, sucht sich einen Partner oder eine Partnerin, heiratet, übernimmt die Rolle von Vater oder Mutter, wird mit dem Gefährten alt und muss um ihn trauern.

Die drei Figuren spielen diese Situationen wie Kinder im Rollenspiel durch, beseelt vom Wunsch, den anderen glücklich zu machen, und lassen ihren Gefühlen freien Lauf. Schade ist, dass Baltscheit seiner Fabel am Ende Zügel anlegt. Das geschieht in dem Moment, als das Spiel Ernst annimmt, wenn sich die Eintagsfliege ihrer Bestimmung bewusst wird und damit die Übertragung von Tier auf Mensch nur noch einen Weg zulässt.

Ab dem 29. Juni im Kino.

Heidi Strobel
Filmdienst
30. Juni 2017

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