Täglich die Times of Swaziland lesen

Interview mit Kirsten Boie

Antje Ehmann

Kirsten Boie im Gespräch über ihre Arbeit, ihr Projekt Swasiland, die Möwenweg-Stiftung und wie sich ihre Erfahrungen, nicht nur in Afrika, auf das Schreiben ausgewirkt und ihren Blickwinkel auf das Leben in Deutschland verändert haben. Schreiben Sie mir, wie es Ihnen gefallen hat. Ihre Ulrike Fink, Redaktion.

Was mögen Sie besonders an Ihrer Arbeit?

Eigentlich alles! Bis heute schreibe ich leidenschaftlich gern  - und Lesungen sind auch immer ein Vergnügen (wenn auch nicht immer unanstrengend!), weil Kinder da einfach so wunderbar neugierig und in ihren Reaktionen ehrlich sind.

Hätten Sie vor 20 Jahren gedacht, dass Sie einmal eine solch erfolgreiche Autorin werden?

Nie im Leben!

Gibt es Wünsche, Visionen für die nächsten 10 Jahre?

Dass der Spaß am Schreiben bleibt und dass es dann auch immer noch Leser gibt, die meine Bücher lesen mögen.

Was hatten Sie für ein Bild von Afrika, bevor Sie selbst dort waren?

Vermutlich ein klischeehaftes (das in Teilen ja durchaus auch stimmt), obwohl ich durch umfangreiche Lektüre ziemlich gut informiert war. Inzwischen ist mir Swasiland sehr vertraut, vieles dort ist uns sehr viel näher, als wir glauben – anderes aber auch noch deutlich viel fremder. Es ist diese Mischung, die immer wieder verblüfft und mich gelehrt hat, dass ich das Land, geschweige denn den Kontinent Afrika, vermutlich niemals ganz verstehen werde.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, nach Swasiland zu reisen?

Ich unterstütze dort seit 2007 das AIDS-Waisen Projekt Hand in Hand Swaziland, das ca. 4000 Kinder betreut, ihnen täglich eine warme Mahlzeit und Vorschulunterricht gibt und eine medizinische Versorgung anbietet. inzwischen trägt meine Möwenweg-Stiftung dieses Projekt zusammen mit einer anderen Stiftung, der TES in Fulda.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck erinnern?

Ich war überwältigt. Damals lag der kleine Flughafen von Swasiland noch relativ im Zentrum in der Nähe der „großen“ Städte, es gab Straßenmärkte, Frauen mit Lasten auf dem Kopf, barfüßige Kinder, alle Erwartungen schienen bestätigt. Nach den ersten Besuchen einiger unserer Kinderbetreuungshäuser (Neighbourhood Carepoints, NCPs) war ich dann sehr erschüttert – und gleichzeitig beeindruckt davon, was hier geleistet wurde.

Wie kam es, dass Sie sich entschlossen haben, sich mit der Möwenweg-Stiftung zu engagieren?

Swasiland hat nach wie vor die höchste HIV-Prävalenz weltweit, fast die Hälfte aller Erwachsenen sind infiziert, nach letzten offiziellen Angaben sind 43% der Fünfzehnjährigen Waisen.

Was genau sind Ihre Aufgaben dabei?

In Deutschland: Kontakte knüpfen und Spenden generieren, da die Möwenweg-Stiftung gemeinsam mit der TES in Fulda das Projekt finanziell nicht stemmen kann. In Swasiland: Austausch mit den Swasi Mitarbeitern vor Ort, Planung des weiteren Vorgehens, der nächsten Projekte (z.B. in den letzten beiden Jahren eine einwöchige pädagogische Fortbildung für 200 der 700 Betreuerinnen der Kinder durch Referentinnen des Swasi Bildungsministeriums; Installation von 5000-Liter-Wassertanks an allen 100 NCPs), dazu Gespräche mit Partnern wie UNICEF (die uns einige der Häuser finanziert haben), Ärzte ohne Grenzen (die uns ein Ambulanzfahrzeug überschrieben haben), weiteren NGOs im Land, Ministerien.


Welche besonders erfreulichen Ereignisse und welche Schwierigkeiten gibt es?

Großartig ist, dass sich das Projekt ständig weiter entwickelt hat, dass zu der ursprünglichen Versorgung der Kinder mit Nahrungsmitteln z.B. jetzt eine frühpädagogische Betreuung und die medizinische Versorgung und HIV-Testungen hinzugekommen sind; extrem schwierig ist im Augenblick, dass nach der Dürre der letzten Jahre die Nahrungsmittel fehlen – und dass das Nothilfeprogramm der Vereinten Nationen, das unsere Betreuungshäuser bisher mit Maismehl beliefert hat, dies durch das Flüchtlingsproblem weltweit nicht mehr leisten kann.

Wie haben diese Erfahrungen Ihren Blickwinkel auf das Leben in Deutschland verändert?

Wir leben auf einer für die meisten Menschen in Swasiland absolut unvorstellbaren Insel der Seligen. Damit meine ich nicht nur die materielle Situation und die soziale Absicherung, sondern auch die Verlässlichkeit. Auch dass bei uns Korruption nur eine geringe Rolle spielt und Planungen daher ein solides Fundament haben, weiß ich nach regelmäßigen Aufenthalten in Swasiland enorm zu schätzen!

Haben Sie (Kinder-) Bücher über Afrika gelesen?

Ja, viele. Ich habe aber auch Analysen der Wirtschaft Afrikas oder der Wirkung von Entwicklungshilfe durch afrikanische Wirtschaftswissenschaftler gelesen – gerade dadurch habe ich sehr viel gelernt. Und ich lese online täglich die Times of Swaziland, um immer auf dem Laufenden zu sein.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen zu schreiben?

Zunächst war es eine Möglichkeit für mich selbst, das in Swasiland Erlebte zu verarbeiten, das ich mit meinen bisherigen Vorstellungen von der Realität einfach nicht zur Deckung bringen konnte. Dann habe ich beschlossen, dass die Geschichten auch für Jugendliche sinnvoll sein könnten – damit sie ein bisschen besser begreifen, wie Gleichaltrige an anderen Orten auf der Welt leben müssen. Das war allerdings erst sechs Jahre nachdem mein Swasiland-Engagement begonnen hatte.

Was war besonders leicht, was besonders schwer bei diesem Buch?

Es war für mich eine großartige Möglichkeit, das Erlebte noch einmal aus der Perspektive der Betroffenen durchzuspielen, mich quasi in sie hineinzuversetzen – einfach, um mir klar zu machen, wie diese Kinder und Jugendlichen ein solches Leben ertragen und bewältigen. Für sie ist dieses Leben, das uns so unglaublich schwer erscheint, ja selbstverständlicher Alltag.


2007 wurden Sie für Ihr Gesamtwerk mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises geehrt. Was bedeutet Ihnen dieser Preis und hat sich danach etwas verändert?

Ich habe mich unglaublich darüber gefreut! Eine schönere Wertschätzung kann man als Kinderbuchautorin in Deutschland ja kaum erfahren. Beim Schreiben hat sich nichts verändert – aber das Preisgeld war dann der Einstieg in die Arbeit in Swasiland.

Haben Sie viele Briefe zu Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen bekommen und welche Aspekte wurden da von den Kindern/Jugendlichen genannt?

Nicht so viele wie zu lustigen Büchern. Genau wie bei Lesungen aus dem Buch wollen die Kinder in Briefen das Unvorstellbare  immer noch mal beglaubigt bekommen: Und es ist wirklich so? Die müssen ihre Geschwister allein aufziehen? Die bekommen kein Geld vom Staat, müssen jeden Tag sehen, woher sie ihr Essen bekommen? Die müssen eine Schuluniform haben, obwohl sie keinen Cent besitzen? Da gibt es wirklich Schlangen und Krokodile?

Dein Spiegel Bestsellerliste, Leipziger Lesekompass für Thabo - wie sehr freuen Sie sich über solche Rückmeldungen?

Enorm! Es sieht immer aus, als hätte ich so viele Auszeichnungen bekommen – aber ich schreibe ja auch schon seit 31 Jahren, da verteilt es sich dann ziemlich, und jeder Preis ist immer wieder eine neue Überraschung und Freude!

Wie wichtig ist Ihnen Ihre facebook Seite bzw. insgesamt die Internetpräsenz?

Sie ist wichtig zur Information interessierter Mütter, Buchhändler, Bibliothekare und manchmal zum Austausch mit ihnen oder mit Kollegen.

Mit wem tauschen Sie sich aus, während Sie ein Kinderbuch schreiben?

Ganz ehrlich? Mit niemandem. Ich bin bis heute unglaublich leicht zu verunsichern, und schon mehrfach habe ich nach Gesprächen über ein Manuskript im Entstehen aufgehört zu schreiben, weil ich überzeugt war nicht umsetzen zu können, was mein Gesprächspartner an Vorschlägen gemacht hat.


Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit den Illustrator/innen vorstellen, beispielsweise Maja Bohn?

Illustratoren sind Künstler – wenn sie zu einem Buch eine Vision haben, dann mische ich mich mit meinen Wünschen und Vorschlägen nicht ein. Das bedeutet, dass ich am Ende in der Regel von den Illustrationen nicht nur überrascht werde, sondern auch sehr begeistert bin. – Maja Bohn war ein Glücksgriff – sie hat ganz unterschiedliche stilistische Möglichkeiten, und das erschien dem Verlag und mir für dieses Buch „Thabo“ sinnvoll.

Und nun zu Thabo: Wann erscheint der dritte Band und auf wie viele Bände ist die Reihe angelegt?

Wenn alles gut geht, erscheint der dritte Band im Herbst 2017. Weitere Bände sind von mir erstmal nicht geplant, obwohl ich noch viele Ideen zu Verbrechen habe, die so nur in Afrika passieren könnten. Aber drei Bände erscheinen mir erstmal genug – auch um mich selbst wieder auf andere Themen stürzen zu können!

Wie schafft man es, bei einer Reihe das Niveau zu halten? Ist der erste Band leichter zu schreiben als die Folgebände?

Das kann ich nicht beantworten – ich weiß ja nicht, ob es mir geglückt ist! In der Regel empfinde ich die Folgebände als einfacher, da ich mit dem Personal wie dem Ton ja schon vertraut bin.

Haben Sie mit der CD-Produktion etwas zu tun bzw. schätzen Sie es, wenn zum Buch die CD erscheint?

Ich halte Hörbücher für eine gute Methode, auch solche Kinder in Geschichten einzuführen, deren Eltern ihnen nicht vorlesen – bevor sie dann selbst lesen sollen. Insofern freue ich mich über Hörbücher.

Was für ein Termin wartet im November auf Sie?

Viele! Lesungen in Hamburg, NRW, Brandenburg und schließlich in Mexiko, wo ich zur Kinderbuchmesse und einer UNESCO-Diskussion zum Thema Flüchtlinge eingeladen bin.

Welche Reisepläne nach Afrika stehen für das nächste Jahr schon fest?

Im Februar werde ich an den deutschen Schulen in Südafrika und Namibia Lesungen durchführen; und sehr freue ich mich darauf, dass ich im Anschluss in Johannesburg einen Workshop (organisiert von World Reader, Bookdash und dem Goethe-Institut) für potentielle Kinderbuchautoren aus sub-saharischen afrikanischen Ländern durchführen werde, aus dem dann konkrete Buchprojekte entstehen sollen. Im Anschluss gibt es noch einige Lesungen an Schulen in Townships. - Danach kann ich dann gleich nach Swasiland weiterreisen!

Gibt es Buchprojekte, über die Sie schon reden können?

Da bin ich immer sehr geheimniskrämerisch! Aber ich freue mich schon sehr darauf, auch irgendwann mal wieder genügend Zeit zum Schreiben zu haben.


Herzlichen Dank für das Gespräch!

Antje Ehmann
Dezember 2016
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