„Ein Mensch, wie man ihn nicht oft im Leben trifft.“

Nachrufe auf Willi Fährmann

Der Schriftsteller Willi Fährmann ist tot. Er starb an Christi Himmelfahrt im Alter von 87 Jahren in Xanten. Zu den bekanntesten seiner über 80 Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene dürften „Der lange Weg des Lukas B.“ und „Der überaus starke Willibald“ gehören.

Er Willi Fährmann bei einer Lesung anlässlich seines 80. Geburtstags gab auch den Anstoß für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis, den die Deutsche Bischofskonferenz 1977 unter Mitwirkung der katholischen Büchereiverbände einrichtete. Für „Der lange Weg des Lukas B.“ bekam er 1981 selbst den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis und  außerdem den Deutschen Jugendliteraturpreis. Diese unvollständige Auflistung würdigt den Schriftsteller, sagt aber nur wenig über den Menschen aus. Wer ihn auf Lesungen oder Tagungen traf, erlebte einen neugierigen, kontaktfreudigen Menschen und einen begnadeten (mündlichen) Erzähler. Als einen Menschen, „wie man ihn nicht oft im Leben trifft“, beschrieb ihn Albrecht Oldenbourg, seit 2002 Fährmanns Verleger bei Arena. Davon und von weiteren „Ansichten“ Fährmanns soll in diesem Nachruf die Rede sein. Wir haben einige langjährige Weggefährten um persönliche Worte gebeten: Die Kinder- und Jugendbuchexpertin Monika Born, Albrecht Oldenbourg, Rolf Pitsch (Bonifatius Verlag), Vera Steinkamp (Medienforum des Bistums Essen), und Christoph Holzapfel aus dem Lektorat des bv.

Monika Born, Jugendbuchexpertin:

„Mit Willi Fährmann verbindet mich eine Zusammenarbeit über Jahrzehnte und schließlich eine wirkliche Freundschaft - mit ihm und seiner Frau Elisabeth.

Willi und ich haben uns in vielen Veranstaltungen gemeinsam für die Förderung des Lesens von Kinder- und Jugendbüchern in Familien und Schulen eingesetzt, vor allem viele Jahre bei der Xantener Kinderbuchtagung und bei der „Spurensuche“ in der Mülheimer Wolfsburg.

Ich durfte einige seiner Bücher vorstellen und bei festlichen Anlässen die Laudatio halten. Dabei ging es mir um seine Positionen (oft verbunden mit biografischen Zusammenhängen), die in seinen Büchern eine wichtige Rolle spielen. Zu vielen seiner Bücher habe ich didaktisch-methodische Kommentare verfasst und dabei vor allem Wert darauf gelegt, seinem wichtigen Anliegen - der literarischen Qualität - gerecht zu werden.

Diese Zusammenarbeit hat uns eng miteinander verbunden. Von meiner Seite war dabei die große Wertschätzung seiner aufrechten, durch nichts zu verbiegenden Persönlichkeit besonders wichtig, die Verwurzelung auch im katholischen Glauben, die in seinen Büchern ganz selbstverständlich und zugleich unaufdringlich zum Ausdruck kommt.

Dann seine letzte schwere Krankheit, die er - wie seine Frau bezeugt - in Gelassenheit getragen hat, ohne seinen inneren Frieden zu verlieren, wie es nur einem Menschen möglich ist, der aus tiefem Gottvertrauen lebt. Sein Tod am Fest Christi Himmelfahrt wird viele schmerzen. Ich bin sehr dankbar für die Verbundenheit mit Willi Fährmann und seinem literarischen Werk.“

Christoph Holzapfel, Borromäusverein e.V.:

„Tief in mein Gedächtnis eingegraben haben sich die Abende in der katholischen Bildungsstätte «Norberthaus» in Xanten, mit der Familien Impulse für die Gestaltung der Advents- und Weihnachtszeit bekamen. Fester Programmpunkt am Samstag Abend: Lesung mit Willi Fährmann. Aber was heißt schon Lesung? Im großen Tagungsraum saßen die Erwachsenen in einem weiten Kreis auf Stühlen, während wir Kinder auf dem Teppich saßen oder lagen. In der Mitte ein kleiner Tisch mit einer Schreibtischlampe, der einzigen Lichtquelle im Raum, auf dem Stuhl dahinter Willi Fährmann. Doch er las nicht, er erzählte. Von seiner Oma, die Erfinderin war. Von dem Mietshaus in Duisburg, in dem sich die Toilette auf der Ebene zwischen den Stockwerken befand und das Toilettpapier aus alten Viel gelesene Fährmann-Bücher Zeitungen zurechtgeschnitten wurde (für uns Kinder der achtziger Jahre eine völlig abwegige Vorstellung). Von dem Hausschlüssel, der in Zeitungspapier gewickelt auf die Straße geworfen wurde, wenn abends noch jemand ins Haus musste. Und, ganz wichtig, vom Badefest vor Nikolaus, bei dem ein Fährmann nach dem nächsten in das gleiche Badewasser stieg und zwischendurch der Schmand mit der Schöpfkelle abgeschöpft wurde.

Heute kann man das in den diversen Oma-Büchern nachlesen (die erwähnten Episoden meines Wissens in Meine Oma war Erfinderin), aber es war doch etwas ganz anderes, dem Erzähler Fährmann zuzuhören, der sein Publikum immer wieder einbezog. Wir Kinder hingen ihm an den Lippen und ich nehme an, die meisten Erwachsenen auch. Er hat dann auch noch gelesen, zuerst für uns Kinder, später für die Erwachsenen. Der überaus starke Willibald ist mir von so einem Abend in Erinnerung geblieben.

Erst sehr viel später verbanden sich diese Abende mit Fährmanns religiösen Kinderbüchern wie Nikolaus und Jonas mit der Taube über das Getreidewunder von Myra, Roter König, weißer Stern über den vierten König, Paco baut eine Krippe über einen Jungen aus Lateinamerika, der mit den einfachsten Mitteln eine Krippe baut, und mit seiner Tätigkeit als Lektor und Pfarrgemeinderatsmitglied in Xanten zu einem Gesamtbild von einem Christen, dem die Weitergabe des Glaubens an die nächsten Generationen sehr am Herzen lag. Und dessen Figuren in den Romanen oft wie selbstverständlich auch katholisch waren und sich entsprechend verhielten.

Da Fährmann mit meinen Eltern befreundet war, gab es viele Fährmann-Bücher bei uns zu Hause. Samson kauft eine Straßenbahn, Abenteuer auf dem Schiff der Tiere und Ein Platz für Katrin waren die ersten Bücher von ihm, die ich als Kind gelesen habe. Es mag sein, dass sie keine schriftstellerischen Meisterleistungen waren (über Abenteuer auf dem Schiff der Tiere sagte er mir viele Jahre später, dass er mit dem Buch überhaupt nicht zufrieden gewesen sei). Als Kind war mir das egal. Ich konnte mich zu Daniel und Michael auf Niks «Arche» träumen und mit ihnen den Rhein hinunter fahren. Oder mit Friedrich zusammen zu Samson spazieren und dessen Bienen im alten Straßenbahnwagen besuchen. Und Katrin habe ich um ihren «Puppenstimmenhorchfleck» beneidet.“

Albrecht Oldenbourg, Arena Verlag:

„Das Besondere am Autor Willi Fährmann war für mich immer, dass er seine Berufung als Schriftsteller stets im gesellschaftspolitischen Zusammenhang verstand. Die Einflussnahme grundlegender, meist politischer Umwälzungen auf den Lebensweg des Einzelnen und dessen Festhalten an moralischen Grundwerten selbst in dunklen Zeiten, das war die Botschaft, die man aus seinen Romanen herauslesen musste. Gleich einem verlässlichen Kompass weist der Augenzeuge eines der verheerendsten Kapitel der Menschheitsgeschichte nachfolgenden Generationen die Richtung, wie Moral und Rechtschaffenheit auch unter widrigen Umständen zu sichern ist.

Für mich war er ein wichtiger Gesprächspartner, der bestimmt und detailliert in der Sache argumentierte, aber immer dem Menschen zugewandt. Mit Willi Fährmanns Tod verliert nicht nur der Arena Verlag einen seiner bedeutendsten Autoren, wir alle verlieren, gerade heute, in dieser zunehmend unübersichtlichen Zeit, mit ihm eine überragende moralische Instanz von unersetzlichem Wert.“

Rolf Pitsch, Bonifatius Verlag, bis 2012 Direktor des Borromäusvereins e.V.:

„Für mich ist Willi Fährmann weniger der große Autor und auch nicht so sehr der faszinierende Vorleser. Für mich war er ein fordernder Förderer seiner Kirche, damit sie Bildung und Literatur in ihrer Eigengesetzlichkeit und jenseits kirchlicher Eigeninteressen ernster nehme. Intensiv manifestiert sich sein Wirken in dieser Hinsicht bis heute im Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis, der auf einen Klagebrief Fährmanns Anfang der 1970er Jahre an den damaligen Medienbischof Heinrich Tenhumberg (Münster) zurückgeht. Die Kirche setze sich ungenügend mit den aufbrechenden Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre auseinander. Und vor allem, sie vergesse diejenigen in den eigenen Reihen, die - gerade auch außerhalb binnenkirchlicher Kreise - professionell das Christliche in der Welt in Wort und Tat umsetzen.

Vielleicht konnte er so erfolgreich Klage führen, weil ihm einerseits das selbstverantwortliche Denken für und mit der Kirche selbstverständlich war und ihm durch die berufliche Tätigkeit als Lehrer, später Schulrat eine große Unabhängigkeit gegeben war.

Unabhängigkeit und Mut sind denn auch wichtige Themen seines für mich nicht literarisch, aber programmatisch wichtigsten Buches Der überaus starke Willibald (Arena Verlag, 1983): In einer großen Mäuseschar widersetzt sich Lillimaus dem tyrannischen Treiben des muskelstarken Willibald und seiner Unterstützer. Wie gelingt ihr das? Eingesperrt in das nahrungsärmste Zimmer des Hauses, der Bibliothek, lernt sie in der Not das Lesen und entdeckt so die Welt außerhalb der kleinen Mäusewirklichkeit. Daraus schöpft sie Kraft, die sie in das eigene Überleben, das Wehren gegen die Tyrannei und das Überleben der Mäusefamilie steckt. Manche Sentenzen im «Willibald» erinnern deutlich an den Nationalsozialismus und Willi Fährmann hat bei vielen Veranstaltungen keinen Hehl daraus gemacht, dass wir für die Erfahrungen dieser Zeit aufmerksam bleiben müssen. Und wahrscheinlich war ihm deshalb schon lange vor nationalen Kampagnen die alltägliche Leseförderung so wichtig. Sein mit Ottilie Dinges herausgegebenes Werk Kinder lernen Bücher lieben (Echter Verlag, 1977) war für viele Pädagogen lange das Grundlagenwerk zur Leseförderung.

«Weißt du, in jeder Geschichte findest du ein Stück von dir selbst. Du lernst dich selbst besser kennen», berichtet Lillimaus ihrer Schwester Friederike als sie diese von ihrer Lesebegeisterung anstecken möchte. «Wenn ich (die Geschichten) in der Länge und Breite gelesen habe, dann lese ich sie in der Tiefe. Da ist, glaube ich, noch manche Überraschung zu erwarten.» Ein bleibender Appell Willi Fährmanns für seine Leserinnen und Leser.”

(gekürzte Fassung des in „Der Dom“ (Paderborn) erschienen Nachrufs; mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Vera Steinkamp, Medienforum des Bistums Essen:

„Willi Fährmann hat als vielfach ausgezeichneter Kinder- und Jugendbuchautor mit seiner christlichen Überzeugung, seiner Kompetenz und seinem Engagement bereits 1989 die im Bistum Essen jährlich stattfindende Kinder- und Jugendbuchtagung „Spurensuche – Religion in der Kinder- und Jugendliteratur“ ins Leben gerufen. Diese gemeinsam vom Medienforum des Bistums Essen und der Katholischen Akademie Die Wolfsburg getragene Tagung ist bis heute hinsichtlich ihres Selbstverständnisses und ihrer inhaltlichen Ausrichtung bundesweit einzigartig.

Gern erinnere ich mich an die Vorbereitungstreffen der jeweils nächsten Tagung im Hause Fährmann in Xanten. Mit großer Gastfreundschaft begegneten Elisabeth und Willi Fährmann den Mitgliedern des Vorbereitungsteams der Tagung in ihrem Hause. In dieser Atmosphäre der Gastlichkeit wurden von Willi Fährmann gemeinsam mit dem Team viele Tagungsthemen überlegt und ungezählte Ideen zur Umsetzung entwickelt. Das Treffen war stets eine kreative „Ideenschmiede“, in der Themen kontrovers diskutiert, Meinungen und Positionen miteinander ausgetauscht wurden, manches verworfen und anderes wieder neu gedacht wurde. Und stets waren es die Fragen nach dem Religiösen und dem Verständnis von Religiosität in der Kinder- und Jugendliteratur, die die Gespräche geleitet und letztendlich zu einer konstruktiven Weiterentwicklung der Tagung geführt haben.

Für diese Gespräche und diesen Austausch bin ich Willi Fährmann dankbar. Denn bis heute ist die Tagung in Vorträgen und Workshops immer wieder von diesem steten Ringen um den Begriff des Religiösen im Kinder- und Jugendbuch geprägt.

Mit Willi Fährmann ist ein außergewöhnlicher Geschichtenerzähler gestorben, der eine Lücke bei allen hinterlässt, die ihn als Leserinnen und Leser und nicht zuletzt als Mensch und Menschenfreund geschätzt haben.“

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