Entschleunigung und Achtsamkeit

Unverplante Zeit und wahr-nehmen was ist

„Mittwochs darf ich spielen“ - so lautete der Titel von Kirsten Boies Kinderbuch. Was vor über 20 Jahren galt, ist auch heute noch aktuell. Kinder, Familien, Eltern, Großeltern - sie sind beschäftigt und oft überlastet vor lauter Terminen, Zeitdruck und Zeitnot. Wie kann man Tempo aus dem Alltag nehmen und so zu mehr Lebensfreude finden? Antje Ehmann hat sich für den Borromäusverein umgeschaut. Die Titel geben vielseitige Ideen und Anregungen.

„Für mich bedeutet Entschleunigung im Wald spazieren zu gehen, die Vögel singen zu hören, die Luft zu riechen und den Waldboden bewusst wahr-zunehmen. In der Beziehung zu anderen bedeutet Achtsamkeit für mich, dass man einander wirklich zuhört und versucht zu verstehen, was der andere meint. Einfach im Augenblick des Gespräches ganz da sein“, sagt die Autorin Andrea Schomburg. Ihr neues Kinderbuch trägt den Titel Lisa und das Fluff. Das Mädchen ist überfordert und hat das große Glück, eines Tages einem Fluff zu begegnen. Besser gesagt: Sie filzt es es in Mias Handarbeitsladen und fortan hilft ihr das Fluff, bei Stress Ruhe zu bewahren. „Die Tochter einer Freundin hat mir an einem unverplanten Nachmittag das Filzen beigebracht. Ohne diese Erfahrung hätte ich das Buch bestimmt ganz anders geschrieben“, so die Autorin.

 

Jörg Mühle holt sich Inspiration bei seiner eigenen Tochter. Ohne sie wäre er nicht auf die Idee mit den Hasenbilderbüchern gekommen. „Tupfst du noch die Tränen ab?“ (Beltz 2017) ist Teil drei der überaus erfolgreichen Papptrilogie. „Meine Tochter hat mich sehr motiviert, endlich meine eigenen Buchideen umzusetzen und mir viele Anregungen geliefert. Mit dem Thema Mitgefühl bin ich zum Abschluss der kleinen Reihe ganz glücklich“, so der Frankfurter Illustrator. Und glücklich sind auch die Kinder, die Hasenkind trösten können.

„Aua! Hasenkind ist hingefallen! Hoffentlich ist nichts passiert!“ - in solchen Momenten ist man ganz automatisch konzentriert und kümmert sich - hier nun ganz spielerisch: Nachschauen, pusten, Pflaster draufkleben, streicheln, Zauberspruch aufsagen und natürlich dem goldigen Hasenkind das Näschen putzen. Vor lauter Weinen ist das wirklich nötig. Schön, wenn man so helfen kann.

 

Die beiden Kinder in Zoran Drvenkars neuem Bilderbuch helfen zwei Füchsen, die einen Unfall hatten. In „Weißt du noch“ (Hanser 2017) ist das nur eine von zahlreichen Situationen, die sie intensiv erlebt haben und an die sich die beiden Kinder erinnern. Jutta Bauer, eine ausgezeichnete Künstlerin, malt prächtige, feinfühlige und fantasievolle Aquarelle dazu.

„Wer Dinge genau beobachtet, auf Details achtet, Gefühle stark wahrnimmt und zum Ausdruck bringt, der wird sich auch länger daran erinnern. Genauigkeit ist Liebe, so würde ich das formulieren, und vom Leben habe und behalte ich mehr, wenn ich auf Kleinigkeiten achte und genieße“, so Saskia Heintz, Leiterin Kinder- und Jugendbuch im Carl Hanser Verlag.

Beim gemeinsamen Vorlesen können Erwachsene und Kinder in die fabelhaften Geschichten eintauchen und sich auf die Art und Weise eine schöne, gemeinsame Erinnerung schaffen.

 

Nicht um Erinnerung, sondern um wichtige Lebensfragen geht es bei Britta Teckentrup. Worauf wartest du? stellt diese und schafft so Momente des Innehaltens und des Nachdenkens.

Die Berliner Künstlerin lebt trotz vieler Aufträge schon so: „Ich mache mir über Achtsamkeit und Entschleunigung bewusst gar keine Gedanken“, so Teckentrup.

„Sich Zeit nehmen, Menschen zu beobachten, Dinge einfach kommen lassen und abwarten - das sind Aspekte, die sowieso zu meiner Arbeit und zu meinem Leben gehören.“ Vor allem mit Ihren Illustrationen schafft sie es, Betrachter in ihren Bann zu ziehen.

Wieso spüre ich, dass du da bist? Werden wir uns wieder vertragen? Warum habe ich Angst vor dem, was ich nicht kenne? - das sind nur drei Beispiele aus der interessanten Mischung, die zum Dialog zwischen Eltern und Kindern oder auch Großeltern anregen.

 

Mit seinem Opa hat der kleine Junge in Sam Ushers „Regen“ (Annette Betz 2017) richtig Glück. Der ist das komplette Gegenteil von einem gestressten Erwachsenen. Ganz in Ruhe macht der alte Mann seine Post und bleibt zu Hause. An solch einem Regentag eine gute Idee! Doch der Junge kann es gar nicht erwarten, endlich rauszugehen. Damit die Zeit schneller vergeht, schaut er sich ein Buch mit Bildern von Venedig an. Und tatsächlich, seine Geduld wird belohnt. Gemeinsam mit seinem Opa wird der Gang zum Briefkasten zu einer wundervollen Reise.


Sam Usher fängt die Stimmung zwischen Regen und Sonnenschein behutsam und mit Leichtigkeit auf seinen Illustrationen ein. Schön auch, wie das Cover gestaltet ist. Die Regentropfen und die Buchstaben des Wortes „Regen“ kann man ertasten und somit spüren. Sichtlich zufrieden sitzt der Junge vor dem Regen geschützt unter seinem Schirm und schaut in aller Ruhe den Regentropfen zu.

 

Ruhig werden die Kinder auch, wenn sie die Ideen von Stephanie Vortisch erleben dürfen. Die „Bildaktionskarten Konzentration und Achtsamkeit. Fühlen - Wahrnehmen - Entspannen zu 5 Bilderbüchern“ (Beltz Nikolo 2017) sind eine wahre Fundgrube für alle, die mit Kindern arbeiten.

Ausgehend von fünf Bilderbüchern (Augen zu, kleiner Tiger; Steinsuppe; Guten Tag, liebe Welt; He Duda; Wenn Du Sorgen hast, rolle einen Schneeball) bietet die erfahrene Theaterpädagogin und Yogalehrerin vielfältige Anregungen. „Entschleunigung bedeutet für mich in erster Linie tief atmen. Besonders in Stresssituationen wie z.B. Theaterproben mit zwanzig Schülern. In solchen Momenten bringe ich die Achtsamkeit auf mich und nach innen, nehme mich wahr und atme mehrmals tief ein und aus“, so Vortisch.

Grandios sind die 32 Aktionsimpulse mit den Bilderbuchgeschichten verknüpft. In die Rolle der Fische geschlüpft, können Kinder zu „Guten Tag, liebe Welt“ mit Jongliertüchern als Schweif und Flossen immer wieder neue Varianten ausprobieren. „Ich bin sehr dankbar wenn ich beobachten kann, wie die Kinder von sich aus in verschiedene Achtsamkeitsübungen gehen und sie in ihren Alltag mitnehmen.“

 

Seinen Alltag hat der Bär Linus schon genau so gestaltet. Er hält sich aus vielem heraus, lebt ganz nach seinem Geschmack und tut alles in aller Seelenruhe und stets mit Bedacht. Linus im Glück zeigt Kindern, wie glücklich und zufrieden man sein kann.

„Ich glaube, der Leistungsdruck auf jüngere Kinder hat zugenommen und ist für den ein oder anderen manchmal schwer auszuhalten. Dem wollte ich mit meiner Geschichte etwas entgegensetzen“, so die Autorin Hanna Jansen. Schön, wie der braune Bär immer lächelt und mitten auf der Straße Purzelbäume schlägt.

Die bunten Illustrationen von Britta Gotha strahlen eine gute Portion Humor, Warmherzigkeit und Charme aus. „Kinder haben, wenn sie noch unbefangen sind, viel von Linus. Sie möchten auch am liebsten in den Tag hinein leben und die Ordnung in ihren Kinderzimmern hat nicht selten Ähnlichkeit mit Linus' Höhle“, ergänzt Jansen.

 

Genau diesen Aspekt der äußeren Aufgeräumtheit greift Kristina Dumas in Aufräumen für Anfänger - Ein Buch über Ordnung und Chaos auf. Auszumisten ist kein allzu schlechter Anfang, um wieder konzentrierter und achtsamer zu werden. Schon auf dem Cover sieht man, welch unfassbaren Mengen sich im Kinderzimmer angesammelt haben!

„Es ist wunderbar, wenn Zimmer aufgeräumt sind. Man fühlt sich freier und klarer im Kopf“, so Dumas. „Ich versuche immer mehr, Achtsamkeit in unser Familienleben zu integrieren. Je weniger man hat, umso sorgsamer geht man mit den Dingen um. Ich achte auch darauf, dass die Materialien schön sind und haptisch Freude machen“, ergänzt die Autorin.

Doch es geht auch um Tiere und viele andere Bereiche, die geordnet besser funktionieren: Ob im Meisennest, dem Bienenstock oder bei den Menschen in der kleinen Jurte. Interessant auch der Tipp, eine „Berufsaufräumerin“ zu beauftragen. Aber vielleicht schafft man das eigene Zimmer ja auch so - mit guter Musik und der Belohnung, etwas wiederzufinden, das man schon lange gesucht hat. Ein schöner Moment, den man nicht so schnell vergisst!

 

Noch eine Empfehlung der Autorin, erschienen im Juli 2017 "Die kleine Raupe Nimmersatt - Mein kleines Buch der Ruhe" (gebundenes Buch) von Carle, Eric aus dem Gerstenberg Verlag.

Unser Alltag ist auch für die Kinder oft zu hektisch. Da tut es gut, einfach mal zur Ruhe zu kommen. Die kleine Raupe Nimmersatt nimmt die Kinder mit auf eine Gedankenreise, bei der sie durch bewusstes Atmen und Gedankenbilder ruhig werden und entspannen.

Antje Ehmann
Dezember 2017
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Im Artikel genannte Titel (so weit besprochen)

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