Über das Vergnügen, von Büchern zu sprechen

Literatur im Fokus - Literaturwochenende mit Denis Scheck

Heinrich Wullhorst

„Über das Vergnügen, von Büchern zu sprechen“ lautet der Titel der Veranstaltung „Literatur im Fokus“, des Borromäusvereins Mitte Mai im Kölner Maternushaus. Für die 33 Teilnehmerinnen und den einen Teilnehmer, ist der Umgang mit Büchern und das Reden über sie ohnehin der größte Spaß. Deshalb engagieren sie sich hauptberuflich oder ehrenamtlich im katholischen Büchereiwesen. Wie es gelingen kann, die eigene Leidenschaft am Lesen anderen schmackhaft zu machen, darum geht es an zwei Tagen in der Domstadt mit Workshops, Impulsvorträgen und vielen Gesprächen.


Wie lernen sich Menschen heute kennen? Einige zumindest tun das beim sogenannten Speed-Dating. So beschreibt man den Versuch, jemanden in zwei Minuten von sich zu überzeugen und für sich einzunehmen. Und so geht es am Freitagabend darum, das jeweils schnell wechselnde Gegenüber vom eigenen Lieblingsbuch zu begeistern. Schon da wird die breite Palette der Geschmäcker deutlich: Teilnehmer in Köln Sie reicht von sanfter Poesie über fesselnde Belletristik, bis hin zum nüchternen Sachbuch. Wer Bücher liebt, der weiß, dass die Entscheidung für einen Lesestoff immer etwas sehr Persönliches ist. Man schätzt einen Autor oder seine Art zu schreiben, Dinge auf den Punkt zu bringen, die Spannung und Tiefe eines Buches, das, was den jeweiligen Leser berührt.

Wann sprechen Menschen im Alltag über Bücher? Diese Frage beantworten die Teilnehmer aus ihren unterschiedlichen Zugängen heraus. Dabei sind sie sich einig: „Das Buch gehört zu meinem Alltag.“ Viele haben immer ein Buch dabei, wenn sie unterwegs sind. Andere haben sogar eine Büchersammlung auf der Gästetoilette stehen. „Da darf sich unser Besuch dann auch mal Zeit lassen“, erklärt eine der ehrenamtlich Engagierten. Und schließlich gibt es Menschen, die ihren Tag nicht ohne Lesen beenden können. „Ich brauche ein Buch zum Einschlafen“, berichtet eine Teilnehmerin. 

Die Bewertung eines Buches ist immer sehr persönlich


Weil Bücher immer einen Anlass zum Gespräch bieten, informiert die Veranstaltung über unterschiedliche Formen der Literaturpräsentation. Die Teilnehmer berichten über ihre Erfahrungen mit Literaturkreisen, Frühstücken oder Dämmerschoppen, in denen es um Bücher geht. Bei der Beschäftigung mit sechs unterschiedlichen Werken in verschiedenen Workshops geht es im Kern um die Frage, wie eine Auswahl von Büchern sinnvoll erfolgen kann und welche Kriterien man über bestehende Rezensionen hinaus bei der Auswahl von Büchern zugrunde legen sollte. Bei vielen dieser Einschätzungen sei es schwierig, sich auf ihre Bewertungen zu verlassen „Man hat oft das Gefühl, die haben ein anderes Buch gelesen.“ So wird deutlich, dass die Bewertung eines Buches immer eine sehr persönliche ist. „Literatur ist relativ“, sind sich die Teilnehmer überwiegend einig. „Man kann sie kaum nach objektiven Kriterien bewerten.“ Deshalb berichten einige, dass sie über die Bücher, die sie für ihre Büchereien einkaufen, immer in einem ungerade besetzten Gremium abstimmen lassen. „So entsteht dann wenigstens keine Pattsituation.“ Die Engagierten in Sachen Buch finden es schwer, neutrale Einschätzungen über ein Buch abzugeben. Wichtiger sei es, wenn der Büchereikunde ein Vertrauen zu der Person entwickle, die ihm Lesevorschläge unterbreite.


Sendemitschnitt zur Tagung des Borromäusvereins im Maternushaus.
Im Interview Elke Wachner und Katharina Dörnemann.

Bereitgestellt vom Domradio Köln
johannes schröer, stv. Chefredakteur, domkloster 3, 50667 Köln


Abenteuer Buch und Bücherei


Die Besucher der Tagung in Köln lernen im Austausch miteinander viel über die unterschiedlichen Veranstaltungsformate. Eines davon ist „Bibfit“, eine Aktion der katholischen öffentlichen Büchereien zur frühen Leseförderung. Hier sind Vorschulkinder eingeladen, sich auf das Abenteuer Buch und Bücherei einzulassen. Aber auch Denis Scheck für Lesekreise Erwachsener bieten sich unterschiedliche Inhalte und Formen an. So macht es oftmals Sinn, in einen Lesekreis nicht gleich mit einem Roman, sondern zunächst mit einem Märchen oder Gedicht einzusteigen. Eine bewährte Idee ist es auch, die Kunden der Büchereien in einem Lesekreis zu versammeln. „Wichtig ist immer die konkrete Ansprache der Leser, um ihr Interesse an solchen Leseevents zu wecken“, betonen die drei Referentinnen aus den Fachstellen für katholische Büchereiarbeit, Elke Wachner (Erzbistum Köln), Marita Borkens (Bistum Aachen) und Katharina Dörnemann (Bistum Mainz). Sie weisen auf die unterschiedlichen Arbeitshilfen hin, die die Engagierten auf der Internetseite des Borromäusvereins finden können.

Immer stärker rücken Veranstaltungsformate, die Senioren in den Blick nehmen, in den Fokus. Hier können zum Beispiel Kinder Senioren Erzählungen vorlesen, die allerdings nicht zu lang sein sollten. Neben dem Interesse an Literatur kann so auch das Zusammenleben der Generationen gestärkt werden. Einen stärker therapeutischen Ansatz verfolgt das Konzept des „shared reading“. Hier lesen zumeist leseungewohnte Menschen, angeleitet von einem Moderator, gemeinsam, laut und langsam eine Geschichte vor. Sie reagieren spontan, sprechen über ihre Gedanken und Gefühle und tauschen sich aus.

Es gibt keine richtige oder falsche Meinung über ein Buch


Dass es nicht immer leicht ist über Bücher zu sprechen oder zu streiten, wird deutlich, als sich die Teilnehmer Ausschnitte aus unterschiedlichen Fernsehformaten ansehen, in denen es um die Besprechung von Teilnehmer im Gespräch Literatur geht. Dabei wird schnell deutlich, dass es eben keine richtige oder falsche Meinung über ein Buch gibt, sondern widerstreitende Positionen, für die die unterschiedlichen Seiten zumeist jeweils gute Argumente vortragen können. Aus Sendungen wie dem „lesenswert“-Quartett, das vom SWR-Fernsehen produziert wird, könne man einiges über den streitigen Umgang mit Literatur lernen. Andere Beispiele für solche Formate sind das „Literarische Quartett“ im ZDF oder die Sendung „Westart live“ im WDR-Fernsehen. Einer der Protagonisten solcher Sendungen ist der bekannte Literaturkritiker Denis Scheck. Ihn hatte der Borromäusverein nach Köln eingeladen, um sein persönliches Vergnügen, über Bücher zu sprechen, zu beschreiben. „Wenn ich Bücher empfehle, komme ich mir oft vor, wie ein Heizdeckenverkäufer“, erklärt er gleich zu Beginn. Scheck, bekennender Konsument von 150 bis 180 Büchern im Jahr, liest selber, „weil ich wissen will, wie ein Buch ausgeht“. Mit seinen Kritiken richtet er sich an die Konsumenten, nicht an die Autoren. Dabei geht es ihm nicht darum, Recht zu haben, sondern seine Meinung zu einem Buch deutlich zu vertreten. In seiner Sendung "Druckfrisch" in der ARD wirft der Kritiker gelegentlich Bücher, die er in seinem "Doofelregal" einsortiert hat, in den Papierkorb.

Literaturformate im Fernsehen sind Inszenierungen


„Gegenüber dem, was so einige Autoren uns Kritiker zumuten, ist das ‚in die Tonne Werfen’ fast eine zärtliche Handlung“, macht Scheck seinen Zuhörern klar. Werke von Autoren wie Donald Trump und Daniela Katzenberger befinden sich in diesem Schrottregal und die Leseproben, die er aus den Büchern vorträgt, die seiner Bewertung zum Opfer gefallen sind, zeigen, dass er Recht hat. Das unterstreicht das lautstarke Lachen der Teilnehmer, als er die Zitate der Autoren vorträgt. Weitere Bücher dieser Art trügen, so Scheck, oft Titel wie „Schlank im Schlaf“, „Jedes Kind ist hochbegabt“, oder „Selber atmen“. In ihm komme bei der Lektüre solcher Stoffe öfter der Wunsch hoch, einmal ein Buch mit dem Titel „Nüchtern werden durch mehr Saufen“ zu schreiben. Bei den Literaturformaten im Fernsehen müsse man natürlich wissen, dass es sich bei ihnen um Inszenierungen handelt. „Das, was wir dort machen, ist schließlich nicht Literatur, sondern nur das Sprechen über sie.“ Selbst die Auswahl der Gäste für diese Sendungen gestalte sich oft problematisch. „Einige Autoren wollen gar nicht interviewt werden“, berichtet Scheck.

Die schärfste Waffe eines Kritikers ist Schweigen


Für ihn hat übrigens „jede Form von Literatur ihre Berechtigung“. Die Qualität eines Buches lasse sich, so der Kritiker, nicht danach bemessen, wo es auf der Bestenliste stehe, weil hier nur die Verkaufszahlen eine Rolle spielen. Ein gutes Buch verbreite sich zumeist auf einem der ältesten Informationskanäle, durch Mundpropaganda. Im Gespräch mit seinen aufmerksamen Zuhörern verrät Scheck dann noch die schärfste Waffe eines Kritikers: „das Schweigen“. Er selbst hat übrigens eine interessante Auswahl auf der Agenda, wenn es darum geht, welches Buch man unbedingt einmal gelesen haben muss. Für ihn gehören dazu die Werke von Homer, das Alte Testament, das er literarisch besser findet „als die schwächere Fortsetzung im Neuen Testament“ und die Stücke von Shakespeare.

Am Ende der Veranstaltung bringen die Teilnehmer noch einmal ihre Begeisterung über den „hervorragenden Verlauf“ der beiden Tage zum Ausdruck. Es sei tatsächlich „ein Vergnügen gewesen, über Bücher zu sprechen“, ziehen sie ein Fazit, verbunden mit dem Wunsch, ein solches Austauschforum künftig regelmäßiger und an wechselnden Veranstaltungsorten anzubieten.

Heinrich Wullhorst
Agentur WuKomm – Redaktion & Kommunikation
Mai 2017

Literatur im Fokus
Ein Veranstaltungskonzept mit wechselnden Themen und Gästen. Das Konzept wurde im Sachausschuss Literatur und Medienkompetenz, einem Gremium des Dachverbandes Borromäusverein e.V. in Bonn, entworfen und umgesetzt.