Martin Walser als Reiter auf dem Lenk-Brunnen in Überlingen

„Glauben heißt, die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist.”

Martin Walser zum 90. Geburtstag

„Jenseits der Liebe“ heißt ein Roman von Martin Walser aus dem Jahr 1976. „Jenseits der Literatur“ war die Kritik in einer großen deutschen Tageszeitung überschrieben, die kein gutes Haar an diesem Roman ließ. Sie stammte von Marcel Reich-Ranicki, der fortan zu Walsers Lieblingsfeind wurde. Der Autor war zutiefst getroffen: Er sah in dem Kritiker den Erzengel, der ihn, so heißt es in Walsers Tagebuch, „mit dem Flammenschwert aus dem einzigen Bereich, in dem ich leben will, vertreibt“. Wenig später, 1978, erschien „Ein fliehendes Pferd“, eine Urlaubsgeschichte mit viel Erotik und etwas Esoterik, vom selben Kritiker als Meisternovelle gelobt, zweimal verfilmt und auch für die Bühne zubereitet. 2010 schließlich kam Walsers Novelle „Mein Jenseits“ heraus, ein literarisches Glaubensbekenntnis des Autors. Der Autor, der am 24. März 2017 neunzig Jahre alt wird, hat es offenbar mit dem „Jenseits“. Ist er im Alter etwa gläubig geworden? Und was lohnt, aus einem so reichhaltigen Werk, die Lektüre unter den Vorzeichen der Religion?

Grundeinstellung: Bekenntnis

Dazu muss man zunächst den Erzähler Martin Walser kennen. Der im katholischen Milieu am Bodensee aufgewachsene und früh vaterlose Walser ist ein „sanfter Wüterich“ (Enzensberger), der seinen Figuren viel – manche sagen: zu viel – Raum lässt. Es sind kleine oder mittlere Martin Walser 2012 Angestellte unter Anpassungsdruck, die ihr „Ja zum Nein der Welt“ kultivieren und es immer wieder schaffen, durch tragikomische „Unterlegenheitsanfälle“ das drohende Unglück von sich abzuwenden. Sie heißen Anselm Kristlein, Franz Horn, Xaver Zürn, Helmut Halm, Feinlein und Fink, und es ist kein Wunder, dass sie der Autor gerne zu jenen Glaubenszweifel-Büchern greifen lässt, die auch ihm lieb und teuer sind: Kierkegaard und der späte Nietzsche vor allem. Im „Fliehenden Pferd“ liefert der dänische Philosoph das Motto und die Grundeinstellung von Walsers Erzählen: das Bekenntnis. Es kommt dem Autor nicht darauf an, den Leser mit einer vermeintlich besseren Weltanschauung zu überzeugen, sondern darauf, ihm (oder ihr) ein offenes Gottesbild vorzustellen, ihm zu vermitteln, dass er Teil von etwas Größerem ist, das über ihn hinausweist, ohne Missionarismus, ohne private Bekenntnisse, aber mit einem starken Glauben an sich selbst: „Kein Kriminalroman ist so spannend wie ich für mich.“

Walser ist aber keiner, der die Öffentlichkeit mit seinen Weltschmerzen betupft. Wohl aber ein provozierender, ein polemischer Zeitgenosse, der sich in seiner Paulskirchen-Rede (1998) und mit dem Roman „Tod eines Kritikers“ (2002) weit aus dem Fenster herausgelehnt und, wie manche unterstellten, rechtslastigen, ja sogar antisemitischen Deutungen Vorschub geleistet hat. Doch hinter Walsers Politik steht meistens Walsers Glauben. Er kommt in den Altersromanen immer stärker zum Tragen. Nicht von ungefähr kreisen sie um eine unorthodoxe, Paulus und Dionysos versöhnende Form von Liebe, „Der Lebenslauf der Liebe“ (2001), „Der Augenblick der Liebe“ (2004), „Ein liebender Mann“ (2008).

Unheilige Allianz von Bürgertum und Christentum

Die religiöse Position von Walser zeichnet sich bereits in der Rede ab, die er 1981 unter dem Titel „Woran Gott stirbt“ zur Verleihung des Büchnerpreises hielt (hier nachzulesen). Walser sah eine unheilige Allianz von Bürgertum und Christentum am Werke, die Gott verharmlose und an Wissenschaft, Kirche und Sprache ausliefere. Barmherzigkeit und Mitleiden seien daher verschwunden. „Gott … stirbt daran, daß er nicht hilft“, schreibt Walser. Dieses Credo führt nicht mehr nach oben, sondern nach innen: in eine philosophisch angehauchte Merksatz-Sprache. „Glauben heißt, die Welt so schön zu machen, wie sie nicht ist“, heißt es in einer späten Novelle.

Man muss Walsers ästhetischem Glaubensbekenntnis nicht in allen Windungen folgen. Aber wenn man die Strategie erkennt, die der Autor verfolgt, kann das Lesen seiner Bücher einen religiösen Mehrwert gewinnen. Walser sieht die Literatur im Dienste eines Glaubens, der nicht privat ist, sondern repräsentativ, nicht säkular, aber auch nicht christlich. Die Religion, meint Walser, war einmal ein „Aufrüstungstext, eine Kraftquelle“. Nun sei die Religion beerbt durch die Theologie, die Kirche durch das zeitgeistbesorgte Fernsehen, die Beichte durch das Interview, das Genie durch den Star. Dagegen setzt Walser seinen „Hölderlin-Mut“, durch Zustimmung schön zu werden. Und sein Bekenntnis zum Ritual:

„Ich bin an den Sonntag gebunden    
Wie an eine Melodie
Ich habe keine andere gefunden
Ich glaube nicht, aber ich knie“

Walsers literarisches Jenseits

In der Novelle „Mein Jenseits“ (2010) ist Walsers poetisches Glaubensbekenntnis wohl am besten aufgehoben. Das hat auch mit der Gattung zu tun. Am glücklichsten schlägt Walser in der kurzen Form auf. Augustin Feinlein ist Professor in der Psychiatrie, will aber Mesner werden. Er schreibt an einem Buch über Reliquien, stiehlt aus der Ortskirche eine Blutreliquie und flieht nach Rom. Wie Walser diesen entlaufenen Glaubensmutbürger aufbaut, ohne ihn bloßzustellen und dem Spott der rationalen Wutbürger auszuliefern, ist schon ein Kunststück für sich.

Um die Novelle hat Walser dann den Roman „Muttersohn“ (2011) gebaut. „Großer Gott, Walser!“, war die Rezension in der „Zeit“ überschrieben (14.7.2011). Aus dem Mysterium der Glaubenserzählung wird ein Werk der epischen Mystik. Das ist eine literarisch bedenkliche Tat, die dem Leser einiges zumutet. Im Mittelpunkt des Romans steht Anton Percy Schlugen, ein Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik in Südwestdeutschland. Der Leiter der Klinik, der schon bekannte Augustin Feinlein, ist ein ausgesprochen religiös musikalischer Mensch, der seinem Ersatzsohn deshalb nicht nur Latein, sondern gleich auch das Orgelspiel beibringt. Hinzu kommt ein schweigsamer Patient, der Motorradfahrer, politischer Redner, Suizidkandidat, Briefpartner von Percys Mutter Fini ist, die ihren Sohn ohne Zutun eines Mannes, so heißt es, empfangen hat. Doch auf eine Romanhandlung mit Figurenentwicklung und Dialogen wartet der Leser vergebens. Percy, der „Jesus vom Bodensee“, erscheint als ein „Engel ohne Flügel“, als vaterloser „Mutter-“ und Mariensohn, der ein Leben in der reinen Gegenwart und statt der Kritiker (die „Heruntermacher“) nur die Zustimmenden liebt. In diesem „Religionstheater“ gibt es von Böhme und Seuse inspirierte Worte aus der Mystik und schöne Aphorismen („Glauben, das ist eine Gleichung, die nie aufgeht“), aber inmitten absurder Einfälle (ein Motorradverein, der das Bike als „Erlösung“ preist und die Losung ausgibt, den Nächsten statt sich selbst zu hassen), religiöser Reden und hoher seelischer Leidensfrequenzen ist das für einen guten Roman einfach zu wenig. Als mystischer Roman ist das Buch missglückt, doch der Mittelteil „Mein Jenseits“ lohnt das Lesen.

Liebesleiden und Glaubensgewinn

Ein Meilenstein in Walsers religiöser Biographie ist „Das dreizehnte Kapitel“ (2012), ein nicht ganz pathosfreies Glaubensbuch, getarnt als Liebesleidensgeschichte. Es geht um ein Paar, einen erfolgreichen Schriftsteller namens Basil Schlupp und eine evangelische Theologieprofessorin Maja Schneilein, beide glücklich verheiratet, er mit der schreibambitionierten Iris, sie mit dem Molekularbiologen und Firmengründer Korbinian (schon die Namen sind eine Sache für sich). Schlupp und Schneilein lernen sich im grandiosen Eingangskapitel bei einem Empfang in Schloss Bellevue kennen: beim Bundespräsidenten. Darunter macht es Walser nicht, der auch den Bundestagspräsidenten CC BY 2.0 | Dierk Schäfer /flickr.com mit auftreten lässt. Die Ausgangslage ist religiös infektiös, so Walser in einem Vorab-Interview: „Das ist ein Paar, das kann moralisch nur existieren, wenn ihre Beziehung unmöglich bleibt. Denn die sind beide glücklichst gebunden, und schreiben sich trotzdem aufeinander zu – weil sie feststellen, dass sie einander etwas sagen können, was sie sonst nirgends sagen können.“

Und was haben sie sich zu sagen? Natürlich geht es um die Suche nach einer gemeinsamen Sprache der Liebe in liebestötenden Zeiten, um das Verhandeln der Religion jenseits von Dogma und Konfession, darum, „gute Miene zu einem Spiel (zu machen), das uns böse macht“. Die Briefe, die sich das Paar schreibt, kreisen um das Thema der Rechtfertigung, das Walser auf diese Weise aus der Theologie für den Roman zu retten sucht. Der Theologe Karl Barth, einer der Lieblingsautoren der Theologin in Walsers Roman, hat einen berühmten Römerbrief-Kommentar geschrieben. Walser hat sich darauf in seiner brillanten Harvard-Rede „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ (2011, Text auf faz.net) eingelassen. Wie Barth sieht er den Menschen als Angeklagten vor einer höheren Instanz, wie Barth will er aus dem System des Rechthabenmüssens aussteigen und eine „ungerechtigkeitsabweisende Empfindlichkeit“ praktizieren.

Es gibt viele Bezüge des Romans zum Römerbrief, auch zu dessen 13. Kapitel über Nächstenliebe und moralischem Wandel. Doch Walser konzentriert den Dreiklang  „Glaube, Liebe, Hoffnung“ auf die Liebe im globalisierten Zeitalter. „Das dreizehnte Kapitel“ stammt aus dem großen Buch über die Unmöglichkeit der Liebe, das deren Möglichkeit in der Ehe nicht verschweigt; in Goethes „Wahlverwandtschaften“ beginnt ja im 13. Kapitel der Ehebruch mit einem „geheimen Briefwechsel“. Martin Walsers Briefroman inszeniert die Unmöglichkeit, von einer solchen Liebe zu erzählen.

Und was sagt die Theologie dazu?

Der 2012 verstorbene Fribourger Pastoraltheologe Michael Felder hat sich Walsers „Jenseits“-Novelle mit großem Schwung angenommen. Wer will, kann darin das Schauen als Modus der Jenseits-Annäherung beobachten, Bezüge der Pilgermadonna zu Caravaggio entdecken, über Zeit und Alter und die Ambivalenz von „Religionswörtern“ nachdenken. Was indessen Theologie und Literatur bei allen Verschiedenheiten für Walser zusammenbringt, erläutert der Schriftsteller und studierte Theologe Arnold Stadler in seinem Nachwort: „Der Theologe will verstehen, und nicht irgendetwas. Der Schriftsteller weiß, dass es nichts zu wissen gibt. Und doch. Er will glauben können. Und glaubt. Und schreibt manchmal davon, Bücher, die ,Mein Jenseits‘ heißen.“

Einend sind also der Glaube ans Wort und die Empathie, die bei Theologen, Erbarmen‘ oder, Gnade‘ heißt. Und weil der Glaube die Welt schöner macht als sie ist, ist das Jenseits des Schriftstellers: die Literatur. Diese Einsicht in die Religiosität von Literatur, die ein gutes Stück von einer Ästhetik der Theologie hat, verdanken wir solchen Kommentaren wie denen von Michael Felder. Vielleicht bringt er die kundigen Leser ja auch dazu, Walsers Roman „Muttersohn“, in den die Novelle „Mein Jenseits“ eingebettet ist, einmal als Glaubensroman zu lesen: der „Muttersohn“ etwa als literarisierter „Menschensohn“?

Michael Braun
März 2017

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