Collage: Borromäusverein, Einzelnachweise siehe am Ende der Seite.

Verlust und Fremde

Nachruf auf Peter Härtling

von Bettina Kraemer

„Mit seinem Gesamtwerk hat er einen bedeutenden Beitrag zur literarischen, intellektuellen und politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland geleistet. Mit seinen scharfsinnigen, geistreichen Essays und mit populären Literatursendungen in Rundfunk und Fernsehen ist er auch ein großer Vermittler von Literatur.“

(Edmund Stoiber über Peter Härtling in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des „Ehrenpreises des Bayrischen Ministerpräsidenten des Internationalen Buchpreises Corine“ 2007.)

Ein äußerst produktiver und vielfältiger Schriftsteller

Peter Härtling, am 13. November 1933 in Chemnitz geboren, hat in seinem mehr als 60-jährigen Schaffen unzählige Essays, Gedichte, Prosa und Erzählungen für Erwachsene sowie zahlreiche Kinderbücher veröffentlicht.

In vielen seiner Romane und Erzählungen hat Härtling ein Stück seiner eigenen Biografie, wichtige Stationen seines Lebens, v.a. die Zeit des Krieges und der Vertreibung, aufgearbeitet. Prägend im Schaffen und Leben des Flüchtlingskindes waren dabei sicherlich die Erfahrungen von „Verlust und Fremde“. Härtling ging es beim Schreiben immer darum, sich der Menschen anzunehmen, die am Rande leben, die Fremde erfahren haben, wie auch er Fremdsein erfahren hat. Peter Härtling 2011. Foto: Christophpeter/wikipedia.de cc BY-SA 3.0

Ein weiteres wichtiges Grundthema seines Schreibens war das Erinnern, das viel mit der deutschen, aber auch seiner eigenen Geschichte zu tun hat. Er wollte Geschichte deutlich machen und gegen das Vergessen anschreiben, auch aus der Wut heraus, die er als Halbwüchsiger empfand, über das allzu schnelle Verdrängen und die Wandlung einer ganzen Generation Erwachsener hin zu einer neuen „demokratisch eingefärbten Selbstgerechtigkeit“, wie Härtling im Gespräch mit Börsenblatt-Redakteur Stefan Hauck vor Jahren erklärte.

Kinderbuchautor

Härtling, der seit 1974 als freier Schriftsteller in Walldorf bei Frankfurt lebte, schrieb mit seiner alten Schreibmaschine auf einer aufgebockten Sperrholzplatte seine zahlreichen Bücher. Unter ihnen nehmen seine Kinderromane eine besondere Stellung ein. In den siebziger Jahren gehörte Härtling zu den Wegbereitern einer neuen, realitätsbezogenen Kinderliteratur.

Mit dem Schreiben von Kinderbüchern begann er, als seine eigenen Kinder mit dem Lesen anfingen. Härtling war damals entsetzt über den Zustand der Kinderliteratur, die Realität entweder ganz aussparte oder zumindest beschönigte, Härten harmonisierte und Unglück verharmloste oder zu einem guten Ende brachte. Sein Anspruch an Literatur für Kinder war, die Wirklichkeit darzustellen und aktuelle soziale und politische Probleme zu thematisieren. Mit seinem 1973 erschienenen ersten Kinderroman „Das war der Hirbel“ gelingt ihm gleich ein sehr beeindruckendes Beispiel für diese neue problemorientierte Kinderliteratur. Nach „Hirbel“ schrieb Härtling eine ganze Reihe exzellenter Kinderromane, in denen wiederum das Kriegskind, der Verlassene entdeckt werden kann. So stellt er seinen Kinderfiguren immer wieder Erwachsene an die Seite, die Orientierung bieten und den Kindern helfen, ihren eigenen Weg zu finden. Solche Menschen gab es auch in seiner Kindheit und Jugend, die für ihn wie „kleine Öfen waren, die Wärme ausstrahlten, aber auch große Erfahrung, vor allem eine große Sicherheit und Ruhe, und die einen in den Arm nehmen konnten.“ Zwei solche Menschen waren Bronka und Krücke, auch die Oma aus dem gleichnamigen Kinderroman, 1976 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, hat es gegeben oder Tante Tilli aus dem 1997 erschienenen Roman „Tante Tilli macht Theater“.

In seinen Kinderfiguren findet man auch immer ein bisschen das Kind Peter wieder, seine Aversionen, Phobien und Erinnerungen. Seine Figuren sind oft auch Außenseiter, an den Rand gedrängte, verlassene oder einsame Kinder.
Bis zuletzt war es Härtlings Bestreben, nah an seiner Zielgruppe zu sein. 2013 erschien sein Jugendbuch „Hallo Opa, Liebe Mirjam“, ein E-Mail-Roman zwischen Großvater und Enkelin, der vom Aufwachsen und Abschiednehmen erzählt und auch aktuelle Probleme heranwachsender Jugendliche wie Internet-Mobbing nicht ausspart.

„Djadi, Flüchtlingsjunge” (2016) hieß sein letztes Buch, das sich dem Schicksal eines minderjährigen, unbegleiteten Flüchtlingsjungen annimmt, und einem der älteren Deutschen, auf die der 11-Jährige aus Afghanistan im Frankfurter Alt-68er Milieu trifft, hat Härtling mit seinen eigenen Zügen ausgestattet.

Am Montag ist Peter Härtling nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren in Rüsselsheim am Main verstorben.

10. Juli 2017
Redaktion


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Bildnachweis Header

Collage Borromäusverein unter Verwendung eines Fotos von Phil Ortenau (Quelle: Härtling beim Heidelberger Streichquartettfest des Heidelberger Frühlings, 25. Januar 2013, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Peter_H%C3%A4rtling?uselang=de#/media/File:Peter_H%C3%A4rtling_Heidelberger-Fr%C3%BChling-2013-Bild-02.jpg) CC BY-SA 3.0

und eines Autogramms von Peter Härtling, Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Peter_H%C3%A4rtling?uselang=de#/media/File:Peterhaertling001.jpg