Vive la France - im Herbst zu Gast in Frankfurt

Ob in einer Pariser Buchhandlung, dem „Salon du livre“, oder in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse - einfach faszinierend zu entdecken, was französische Autoren/innen und Illustratoren/innen im Kinder- und Jugendbuch auf die Beine stellen. Einige Neuerscheinungen liegen auch auf deutscher Übersetzung vor. Antje Ehmann hat sich für den Borromäusverein umgeschaut und präsentiert Ihnen eine Auswahl. Die medienprofile-Rezensionen zu den erwähnten Büchern finden Sie - sofern vorhanden - am Ende der Seite.

Mein Bruder aus dem Gurkenglas

„Da war ich noch ledig und ohne Kind, als mir die Idee zu dieser Geschichte kam,“ so Emilie Chazerand, Autorin von „Mein Bruder aus dem Gurkenglas“. „Ich dachte mir einfach, dass es doch viel unkomplizierter wäre, wenn Kinder im Supermarkt zu finden wären: beispielsweise in einem Gurkenglas gleich zwischen den Oliven und dem Senf.“ So beginnt die Geschichte von Hieronymus, Einzelkind mit dem sehnlichen Wunsch nach Geschwistern! Ganz anders dagegen lebt sein Freund, dem mit sechs Schwestern manchmal nach etwas mehr Ruhe wäre. Illustratorin Aurélie Guillery gibt dem Bilderbuch einen ganz eigenen Anstrich. So macht bereits das originell gestaltete Cover neugierig: keck schaut ein Junge - Archibald - aus dem geöffneten Deckel heraus und als Gurkenglasetikett getarnt erscheint der Titel. „Das war unsere erste Zusammenarbeit und ich bin immer wieder begeistert über ihre Bildideen“, so ergänzt die Autorin noch.

Der Arbeitsplatz von Aurélie Guillerey.

Frida

Atemberaubende Bildideen in ganz anderem Stil hat Benjamin Lacombe. In Frankreich und Spanien begeistert er eine große Fangemeinde, in Österreich gestaltet er Kaufhausschaufenster. Nun hat er sich einer Künstlerin gewidmet, die viele kunstinteressierte Menschen fasziniert. „Frida“ Kahlo ist eine mexikanische Malerin, die seit ihrem Tod 1954 zum Mythos geworden ist und zu den berühmtesten Malerinnen des 20. Jahrhunderts zählt. Von Sébastien Perez geschrieben und mit Seidenbezug versehen liegt ein prachtvoller, großformatiger Band vor den Betrachtern. „Neun Themen kristallisierten sich heraus, die das Rückgrat ihres Werkes, ihres Lebens und dieses Buches sind,“ so Lacombe: es geht u.a. um den tragischen Busunfall, ihre Tiere, die Liebe zu Maler Diego Rivera und ihren unerfüllten Kinderwunsch. Frida Kahlo war Zeit ihres Leben von Tieren umgeben, mit denen sie in einem Haus gelebt hat.

Bestiarium

Julie Colombet hat sich für ihr „Bestiarium der kleinen und großen Tiere“ auch intensiv und über vier Jahre hinweg mit der Tierwelt beschäftigt. Ihr Prinzip: sie vergleicht die Tiere und macht so verschiedene Größen, Gewichte oder besondere Eigenschaften deutlich. Ein Katta ist so groß wie das Auge eines Riesenkalmars, ein Zwergseidenäffchen so groß wie ein Straußenei und der Kopf eines Pottwals wiegt so viel wie drei Elefanten. Das dann jeweils illustriert zu sehen, ist sehr eindrucksvoll und anschaulich zugleich. Schön, wie Colombet so viel Ausdruckskraft und Humor in die Augen legt. Kleine, gut formulierte Texte liefern die Sachinformationen dazu. Ein großes Buch im Querformat, das nach oben aufgeklappt wird, zum Staunen für die ganze Familie!

Wie war das?

Mitmachen können auch alle bei den Bilderbüchern von Olivier Tallec. Die Reihe „Wer war's wo?“, „Wer war's?“ und „Wie war das?“ begeistert ebenfalls im Querformat, wenn auch deutlich schmaler. Besonderheit des französischen Illustrators sind die originellen, unverkennbaren Figuren, gezeichnet mit Buntstift und Acrylfarbe. „Grundidee war es, Kinder und Tiere in einer Szene zu präsentieren und sie ohne Probleme zusammen spielen zu lassen,“ erzählt Tallec. Einerseits war es sein Ziel, die Tiere ähnlich wie Kuscheltiere wirken zu lassen und sie mit komischen Accessoires auszustatten. Andererseits wollte er anregen, sich die Dinge genau zu merken und zu beobachten. So muss man überlegen: Wer hat mit der Katze gespielt? Wer hat sich wehgetan? Oder: Wer macht Quatsch? Und Spaß machen alle Bücher des Pariser Illustrators. „Ich habe Kinder beobachtet, die noch nicht lesen konnten, die einfach die Bilder angeschaut haben und zu lachen begannen,“ fügt er noch hinzu.

Ahmed

Wenig zu lachen hat „Ahmed“, die Hauptfigur einer Geschichte von BARROUX, für die eine reale Person Vorbild war. Sein Sohn hat ihn auf die Situation des Obdachlosen in Paris aufmerksam gemacht. Auf dem gemeinsamen Weg in die Kita sind die beiden tagtäglich an ihm vorbeigegangen, bis er 2006 verschwunden war. Erfroren. Auch den Jungen im Bilderbuch beschäftigt der geheimnisvolle Mann. In seiner Fantasie ist er König eines fernen, orientalischen Landes. Andreas Illmann hat ein Faible für die einfachen, zugleich vielschichtigen und stilsicheren Illustrationen BARROUXS. „Er schafft es, große und kleine Probleme mit Kinderaugen zu sehen, spielerisch damit umzugehen und überraschende Antworten zu entwickeln,“ so der Verleger des Schaltzeits Verlags. Für ihn ist es auch wichtig, Kindern politische und gesellschaftskritische Bilderbücher zu zeigen.

Steinsuppe

Als Klassiker kann man ohne Zweifel Anais Vaugelades „Steinsuppe“ bezeichnen, der so beginnt: „Es ist Nacht. Es herrscht Winter. Ein alter Wolf nähert sich dem Dorf der Tiere.“ Im Jahr 2000 erschienen und von Tobias Scheffel auf Deutsch übersetzt, dann 2001 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, liegt es mittlerweile in der 11. Auflage und als minimax Ausgabe vor. „Ich habe die bekannte Erzählung - in meinem Fall die Version aus Südfrankreich - mit Erinnerungen an meinen 96 Jahre alten Großvater angereichert, der immer sagte: „Das Problem am Alter ist nicht, dass man nicht mehr will, sondern dass man nicht mehr kann“, so die französische Autorin und Illustratorin. Interessant sind die Reaktionen, die Anais Vaugelade seit 20 Jahren bekommt: etliche Versionen der Volkssage aus vielen Ländern und aus Deutschland ganz häufig die Interpretation, dass der Wolf Böses im Schilde führt und das Huhn fressen will.

Tobias Scheffel

Ins Kino kommt „Simpel“ - Filmvorlage ist das erfolgreiche Buch der französischen Autorin Marie-Aude Murail. Das Hörbuch ist großartig von Martin Baltscheit interpretiert und gelesen, die Verfilmung hatte im Juni Weltpremiere und läuft ab November hierzulande im Kino. Tobias Scheffel, einer der renommiertesten Übersetzer für französische Kinder- und Jugendliteratur, hat auch dieses Jugendbuch übersetzt und beantwortet für den Borromäusverein drei Fragen:

Wie sind Sie zum Übersetzen von Bilderbüchern aus dem Französischen gekommen?

Da war ich schon eine Weile Übersetzer, fand aber immer wieder französische Illustratoren bzw. Autoren toll – ohne, dass sich zunächst eine Möglichkeit ergeben hätte, einen oder eine davon auch zu übersetzen. Dann bin ich schließlich bei der Frankfurter Buchmesse zu einem französischen Verlag gegangen, dessen Bilderbücher ich besonders interessant fand, und habe mich erkundigt, mit welchen deutschen Verlagen sie zusammenarbeiten. An die habe ich mich dann gewandt und schließlich wurde irgendwann etwas daraus.

Was macht daran am meisten Spaß, was ist die größte Herausforderung?

Mich reizt die besondere Rolle des Textes, der ja in aller Regel eher reduziert ist und im besseren Fall mit den Bildern zusammen eine Geschichte erzählt. Am schönsten finde ich es, wenn genau das geschieht: Manches erzählen die Bilder, manches der Text, jeder auf seine Weise. Das Übersetzen solcher Bilderbücher hat für mich den Reiz, dass ich mich intensiv mit ganz wenigen Zeilen oder Seiten beschäftige. Nach dem zunächst beglückenden Gefühl „heute Vormittag habe ich ein ganzes Buch übersetzt“ feilt man noch lange an Kleinigkeiten und liest das Ganze immer auch laut, weil Bilderbücher in aller Regel auch vorgelesen werden. Kurz gesagt: Ich kann und muss mich mit einer Intensität damit beschäftigen, die bei langen Texten an den einzelnen Sätzen kaum möglich ist.

Welche Bedeutung hat der Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für Ihr Gesamtwerk 2011 für Sie und was hat er konkret verändert?

Mit diesem Preis ausgezeichnet zu werden, war schon eine ziemlich phantastische Sache. Den Deutschen Jugendliteraturpreis an sich kenne ich ja schon aus meiner Kindheit (als er noch „Deutscher Jugendbuchpreis“ hieß). Spätestens als Erwachsener habe ich nicht nur den Preis, sondern auch den Arbeitskreis für Jugendliteratur als eine Institution kennen und schätzen gelernt, die sich sehr engagiert für anspruchsvolle Kinder- und Jugendliteratur einsetzt. So hat die Auszeichnung durch diese Institution und noch dazu für mein gesamtes bisheriges Werk eine sehr große Bedeutung für mich gehabt. Aber konkret verändert hat er eigentlich nicht viel – abgesehen davon natürlich, dass einem eine Zeit lang ein gewisser ökonomischer Druck genommen wird. Interessanterweise war es aber so, dass ich nach der Verleihung ziemlich genau ein Jahr lang keinen einzigen Auftrag für das Übersetzen eines Kinder- oder Jugendbuchs bekommen habe. Ob das daran lag, dass Verlagsleute sich dachten, „jetzt kann er sich vor Aufträgen kaum retten“, weiß ich natürlich nicht, aber so war es - vielleicht war es aber auch Zufall.

Antje Ehmann
Oktober 2017

Tobias Scheffel (Foto privat)

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