Wozu Lyrik heute?

Über das Vergnügen, Gedichte zu lesen

Michael Braun

Man kennt das, aus der eigenen Schule oder der der Kinder: Unter dem Deutschaufsatz steht "Thema verfehlt". Die Gedicht-Interpretation ist versemmelt, die Note lautet "ausreichend" oder schlechter. Ist der Lehrer schuld oder der Dichter? Pech jedenfalls, wenn die betroffene Schülerin die Tochter des Metzgers ist. Denn da kauft Hans Magnus Enzensberger ein. Er hat das Gedicht geschrieben, das die Schülerin, in den Augen ihres Lehrers zumindest, völlig falsch verstanden hat. Und der Dichter bekam die Quittung: zähe Steaks. Schreiben Sie mir, wie es Ihnen gefallen hat. Ihre Ulrike Fink, Redaktion.

"Lyrik nervt"

Enzensberger erzählt diese Anekdote mit einem Zwinkern. Er muss es wissen. Vor 60 Jahren, 1957, hat der jetzt betagte, geistig stets quicklebendige Autor die Lyrikszene mit seinem Debütband "verteidigung der wölfe" aufgemischt. Er zog gegen die lammfrommen Natur- und Liebesdichter zu Felde, bewaffnet mit Sprachwitz und Bildphantasie. Er empfahl den Schülern, keine Oden, sondern Fahrpläne zu lesen. Er sammelte und übersetzte Gedichte als die "Weltsprache der Poesie". 2004 publizierte er den Band "Lyrik nervt", eine Art Erstehilfekursus für gestresste Leser. Der Titel des Buches war dementsprechend in ein rotes Kreuz eingekeilt.

Natürlich ist das hochironisch. So schwer es doch die Lyrik zu haben scheint, wenn man die Seufzer auf Schulhöfen, in den Buchverlagen, in Bibliotheken und den Feuilletons hört, so leicht ist es andererseits, die Lyrik jenseits von Lehrplänen und Nutzkalkulationen zu betrachten. Es geht auch anders. Lyrik ist cool, kostenlos, umweltfreundlich, sie kommt wie gerufen und darf alles, ja manchmal hilft sie sogar aus der Klemme.

Warum? Nun, zunächst ist die Lyrik allgegenwärtig. Unauffällig in Werbesprüchen versteckt, harmlos zugegen in Abzählversen und Kinderreimen, gruppenbildend in Rap-Texten, staatstragend in Nationalhymnen, nobelpreiswürdig in Dylon-Songs. Keine reine Sache für Experten also, kein Grund, mit Klassizität einzuschüchtern. Vielmehr soll es um den Spaß an der Sache gehen. Und das kann man sich sogar auf heiter-lehrreiche Weise vormachen lassen. Enzensberger hat es getan, schelmischerweise wie bei seinem "Lyrik nervt"-Buch unter dem Pseudonym Andreas Thalmayr: in dem Buch "Das Wasserzeichen der Poesie". Hier erfährt man viel über die Tricks der Dichter aus der Rhetorikkiste, über Reim und Rhythmus, über Sprachbilder und -figuren. Und über die Freiheit der Poesie. So heißt es programmatisch:

"Die einzig richtige Art, Gedichte zu lesen, gibt es nicht. Sie ist nur ein pädagogisches Phantom. Soviele Köpfe, soviele Lesarten, eine richtiger als die andere."


"Aktion am Sandsack"

Was eigentlich Lyrik ist, weiß keiner. Die Antworten verwirren eher. "Lyrik gibt es nicht", sagt Erich Fried, dessen Gedichte in den 1960er und 1970er Jahren so berühmt waren, dass sie auf Jutetüten gedruckt wurden. Eine "Aktion am Sandsack", brummte Dr. Gottfried Benn, der seine lyrischen Einfälle gerne abends, bei einem "kühlen Hellen", auf Speisekarten oder Rechnungen notierte. "Wer Lyrik schreibt, ist verrückt, / wer sie für wahr nimmt, wird es", schrieb Peter Rühmkorf, der uns einen letzten Lyrikband mit dem wunderbar verrückten Titel "Paradiesvogelschiß" hinterlassen hat. "Das Gedicht will schön sein und die Zeit besiegen", sagt es etwas vornehmer der Schweizer Germanist Peter von Matt. Das Gedicht ist eine "Geistersprache", deren Ursprung in Zauberspruch, Beschwörungsformel und Gebet wir vergessen haben, meint sein Stuttgarter Kollege Heinz Schlaffer.

Lyrik zum Hören

Nun denn, fest steht jedenfalls, dass die Lyrik aus ihrer Nische längst herausgekommen ist und auf Poesie-Festivals oder bei Slam Poetry Wettbewerben fröhliche Urständ feiert. Ein Lyriker, Jan Wagner, erhält den renommiertesten deutschen Literaturpreis, den Büchnerpreis. Ein anderer Meister von Lyrics, Bob Dylan, hat den Nobelpreis erhalten und in seiner verspäteten Dankrede im Juni 2017 betont, er verstehe oft ein Gedicht nicht, aber Hauptsache, es würde gut klingen ("bit it sounds good").


Auch das ist wichtig: Lyrik ist ein Medium fürs Ohr, ein Impuls an die menschlichen Anklangsnerven. Man muss Gedichte hören oder laut aufsagen, um sich ihnen besser zu nähern. Manchmal ist das eine lebensrettende Maßnahme. Mithilfe der Balladen Schillers hat die 1931 geborene Ruth Klüger als KZ-Insassin die endlosen Appelle in Auschwitz überstanden. Mit ihnen konnte sie stundenlang in der Sonne stehen. Sie fiel nicht um, weil es "immer eine nächste Zeile" zum stillen Aufsagen gab. Die Form, die gebundene Sprache gab ihr eine Stütze. Die Gedichte wurden ihre "Appellgedichte". Auch für Hilde Domin (1909-2005) waren das Gedichtelesen und Gedichteschreiben im Exil "Nur eine Rose als Stütze". So nämlich nannte sie nach der Rückkehr nach Deutschland, 1959, ihren ersten Lyrikband.  

Es gibt wohl nichts, was nicht zum Gedicht werden oder was nicht in ein Gedicht gehen kann. "Regentonnenvariationen" (Jan Wagner) und "Grund zu Schafen" (Marion Poschmann) heißen aktuelle Lyrikbände. Peter Handke hat seinerzeit die Zeitgenossen provoziert, indem er die Lottozahlen vom Samstag und die "Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968" durch bloßes Darstellen in Versen als Gedicht präsentierte. Man sieht es einem Text also auch an, wenn er ein Gedicht sein will. Wobei natürlich nicht immer ein annehmbarer Lyriktext herauskommt. Gut gemeinte Lyrik ist das Gegenteil von Kunst. Lyrik ist die einzige Schreibgattung, bei der es mehr Produzenten als Konsumenten gibt.

Wie geht es dem deutschen Gedicht?

Über den Zustand der Lyrik in Deutschland wird manchmal gestritten. Vor sieben Jahren hat Iris Radisch, die Feuilletonchefin der "Zeit", eine bittere Zwischenbilanz gezogen. Sie sprach von einer Boulevardisierung der Poesie, vom Ernüchterungsstil, von dekorativer Kunstsprache und der Simulation von Mündlichkeit. Stimmt das? In Einzelfällen vielleicht. Aber warum sollte es der Lyrik schaden, wenn sie in den Alltag geht? Die Welle der Alltagslyrik, die aus der "Neuen Subjektivität" in die Literatur schwappte, ist zwar längst verebbt; zu viel Innerlichkeit tat den Gedichten nicht gut, kapselte sie ab, statt sie zu öffnen. Doch Gedichte sind immer schon ein Laboratorium für das Gewohnte, das es in Form und damit in eine neue, aufmerksame und merkbare Gestalt zu bringen gilt.


Religiös musikalische Lyrik zum Beispiel

„Es ist Sonntag ich denke daran Gott zu beweisen“, so beginnt ein Gedicht von Nora Bossong. Sie beruft sich darin auf den Gottesbeweis des Oxforder Philosophen Robert Swinburne. Und das ausgerechnet in Rom, im nächtlichen Park unter den vogelbezwitscherten Bäumen der Villa Borghese. Doch wer beweist ihr, was es genau für Vögel sind, die dort in den Bäumen sitzen?
Nora Bossong hat ein Ohr für die religiös musikalische Moderne und ist ihr doch nicht hörig. Geboren 1982 im norddeutschen „Protestantenland“, greift sie gerne Motive aus katholischen Bildwelten auf, um sie neu zusammenzusetzen. Ihre Gedichte sind Mosaikporträts mit Madonnen und Ministranten.

Ausgewählten Porträts der 265 Päpste in der römischen Basilika San Paolo fuori le Mura ist der Titelzyklus „Sommer vor den Mauern“ gewidmet: Betrachtungen über Glauben und Wissen, über die Religion und die Medien. Etwa über Paul VI., der, als die Fabriken nicht zur Kirche kamen, die Kirche in Form eines helikoptergetragenen Kreuzes zu den Fabriken bringen ließ. Federico Fellini hat die Szene in seinem Film "La dolce vita" (1960) verewigt.

Natürlich bleibt uns Nora Bossong in ihren Gedichtbänden „Reglose Jagd“ (2007) und „Sommer vor den Mauern“ (2010)  den Gottesbeweis schuldig. Doch die Gedichte zeigen, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.


Was bleibt?

Und was kann man mit Gedichten eigentlich machen? Die Antwort ist so einfach wie vielseitig. Eigentlich alles. Man kann sie auswendig lernen oder rezitieren. Man kann sie variieren, umschreiben, weiterschreiben. Man kann Unsinnspoesie schreiben; Nonsenseverbote schaden der Phantasie. Man kann Gedichte natürlich auch interpretieren. Man kann sie selbst schreiben und dabei auch, eingedenk der ungeschriebenen Gesetze des "höheren Abschreibens" (Thomas Mann), bei anderen 'klauen'. 

Mein eigener Deutschlehrer, ein fünfsprachiger Franziskanerpater, hat uns Primaner damals mit langen lyrischen Texten traktiert. Wir mussten die Prologe von mittelalterlichen Epen auswendig lernen, Schiller- und Goethe-Balladen hersagen und ein eigenes Gedicht über den nahen Soldatenfriedhof schreiben. Heute weiß ich: Er hatte einen Plan. Und der war nicht von schlechten Eltern. Er bestand in der Schulung von Gedächtnis, Sprachfertigkeit und Formbewusstsein, den Grundelementen der ästhetischen Erfahrung. Durs Grünbein hat herausgefunden, dass die kurze Zeitspanne, in der das menschliche Gehirn eine Wahrnehmung aufnimmt und speichert, fünf bis acht Sekunden etwa, genau der Zeit entspricht, die man braucht, um einen Gedichtvers herzusagen. Das muss man nicht neurobiologisch überbewerten. Aber es zeigt, dass die Lyrik auch in der Sicht von nichtlyrischen Wissenschaften haltbar ist.

Und im Übrigen gab und gibt es auch Politiker, die sie lieben. Adenauer hatte immer einen Gedichtband bei sich und konnte in seiner Ferienresidenz vor den Besuchern klassische Balladen rezitieren. Brauchen Politiker etwa Gedichte? Marcel Reich-Ranicki wusste zu berichten, dass ihm berühmte Politiker die Tür einliefen, um eine Gedichtinterpretation für die "Frankfurter Anthologie" zu schreiben, die größte und einflussreichste Gedichtsammlung in den deutschsprachigen Medien, bis heute.

Lyrik ist also Nervensache: sie geht an die neuralgischen Punkte dessen, was den Menschen zum Menschen macht: an seine Begabung mit Sprache, an seinen Sinn für das Schöne und an das Bewusstsein für Vergänglichkeit. Lyrik hält die Zeit an, sie ist ein "Augenblick von Freiheit" (Hilde Domin). Lyrik ist stärker als jede Macht - und lässt sich daher leider auch missbrauchen, wie Propagandagedichte oder Oden an Diktatoren selbst von berühmten Dichtern zeigen.

Lyrik hilft. Man muss sich nur helfen lassen.


Michael Braun
August 2017
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