Lena Hach

Schriftstellerin - Vielseitig wie das Leben

Was könnte es für einen besseren Grund geben, Kinder- und Jugendbücher zu schreiben, als wundervolle Erinnerungen an die eigene Kindheit. Wenn Lena Hach an diese Zeit in den achtziger und neunziger Jahren zurückdenkt, dann erinnert sie sich an ein ländliches Paradies irgendwo in Hessen, etwa 30 Kilometer vom Seeheim-Jugenheim entfernt. „Eine Kleinstadt, die eh keiner kennt“, die aber mit Waldesrand-Idylle und Erinnerungen an eine lustige Kinderbande aufwartet, an Freiheiten und Straßen, in denen man spielen kann.

„Autobiographisch sind meine Bücher eigentlich nicht“, sagt die 34-Jährige, die heute mit ihrer Familie in Berlin lebt. „Aber unbewusst fließen sicher viele Erinnerungen ein, an Orte, die ich kannte und Momente, die ich erlebt habe.“ Zum Beispiel in der Schul-Cafeteria, die sie als Schülerin liebt und in der sie die Freistunden verbringt - erzählend und ältere Schüler beobachtend. „Ich bin total gerne in die Schule gegangen. Sie war für mich ein Ort, um mit Freunden zusammen zu sein“, sagt Lena Hach. An Prüfungsstress und Hausaufgaben erinnert sie sich weniger. Das Lernen fällt ihr leicht, sie hat viel freie Zeit.

Vom Land in die Stadt


Auch als Erwachsene kann sie sich gut vorstellen, „weiter diese Räume um sich zu haben“. Sie entscheidet sich für ein Lehramtsstudium der Anglistik und Germanistik, das sie nach Frankfurt und Berlin führt. Ihren Weg in die Hauptstadt muss sie nicht alleine wagen, ihre Mutter und ihre Schwester ziehen mit ihr an die Spree. Lena Hach ist froh als „Kleinstadtkind“ ihre ersten Schritte in der Millionenmetropole nicht alleine gehen zu müssen. Und auch heute noch genießt sie die Nähe ihrer Mutter. „Sie ist eine Superoma für unsere Kinder.“

Ob sich Lena Hach als Berlinerin fühlt? „Das wäre ein bisschen anmaßend, dafür fahre ich zu oft mit Navi durch die Gegend“, lacht die Autorin, „aber ich fühle mich hier heimisch.“ Hier, das ist der baumbestandene Berliner Vorort Schmargendorf. Ein beschauliches Gebiet mit vielen Gärten, Senioren und auch einigen Kindern in der Nachbarschaft. „Für meine Freunde ist das ganz weit draußen. Aber ich wollte es etwas grüner für die Kinder und finde es total schön“, schwärmt Lena Hach, die hier lebt und schreibt, wann immer ihr bald dreijähriger Sohn und seine kleine Schwester es zulassen.

„Mit meinen Kindern hat sich mein Schreiben verändert. Früher habe ich geschrieben, wenn ich in Stimmung war und das war eigentlich immer morgens.“ Jetzt hat sie gelernt, die Schreibzeiten zu nehmen, wie sie kommen und die guten Momente zu nutzen. „Früher habe ich als Einstieg immer den Textabschnitt vom Vortag überarbeitet, bevor ich weitergeschrieben habe. Dazu reicht die Zeit nicht mehr. Heute schreibe ich gleich weiter, finde schneller in den Text und überarbeite erst ganz am Schluss.“ Eine neue Effizienz, die ihr guttut.

Textdiskussion und Teamarbeit


Anders als bei vielen Autoren liebt sie den Moment, in dem sich andere in ihren kreativen Prozess einschalten. „Ich freue mich, wenn die Texte mit Anmerkungen meiner Lektorin zurückkommen, weil wir dann in eine Textdiskussion einsteigen können.“ Auch die Zusammenarbeit mit der Berliner Illustratorin trigowna bei ihrem bisher einzigen Bilderbuch „Gar nicht Un-Geheuer!“ (2012, Schlehdorn) erlebt sie als bereichernd. „Schreiben ist zwar nicht unbedingt einsam, aber man arbeitet lange Strecken alleine. Da genieße ich jede Gelegenheit zur Teamarbeit.“

Lena Hach arbeitet gerne mit Menschen… Warum sie heute nicht im Klassenzimmer steht und Englischvokabeln diktiert? „Mein Referendariat steht noch aus. Wer weiß, vielleicht mache ich es irgendwann und komme so mit meiner Zielgruppe zusammen“, überlegt sie. In der Tat sind es gleich mehrere Gründe, die Lena Hach damals zum Schreiben bringen, statt in den Schuldienst.

Geschichtenerfinderin mit Leidenschaft


Schon früh erfasst sie eine intensive Leidenschaft für Geschichten. „Ich bin als Kind aufgegangen in Büchern und Hörspielen.“ Ob Bibi Blocksberg, Märchenerzählungen oder die Geschichten der hessischen Hörbuchautorin Marieluise Ritter - sie alle haben zu ihrer Lesesozialisation beigetragen. Erste Schreibversuche startet Lena Hach auf einer Schreibmaschine im Büro ihrer Mutter. „Und zum Einschlafen habe ich mir immer drei Wörter von meinen Eltern geben lassen, zu denen ich mir dann im Stillen selbst eine Geschichte ausgedacht habe.“ Diese Begeisterung spielt heute beim Schreiben noch eine große Rolle: „Am wichtigsten ist mir, dass ich mich selbst beim Schreiben unterhalte, also das schreibe, was ich selber gerne gelesen hätte.“

Dass eine Geschichtenerfinderin in ihr steckt, spürt sie während eines außergewöhnlichen Exkurses in ihrem Lebenslauf. „Nach dem Abitur war ich ein Jahr lang auf einer Clownschule in Mainz.“ Straßenkunst, Clownerie und Theater haben sie schon immer fasziniert und nach einem Fernsehbericht entscheidet sie sich für diese besondere Ausbildung. „Ich wollte nach dem Abitur ohnehin erst einmal etwas Anderes machen und dann ist es die Clownschule geworden. Der Stundenplan war toll. Hier zwei Stunden Akrobatik, dort zwei Stunden Pantomime…“

Clownschule prägt fürs Lesen


Ein Jahr verbringt Lena Hach unter Clowns. In dieser Zeit lernt sie Geschichten zu erzählen und Pointen zu erfinden. Sie beginnt, das lustige und traurige Element, das einen Clown ausmacht, in Texten zu vereinen. „Ich mag Geschichten, die diese beiden gegensätzlichen Gefühle hervorbringen. Egal, ob ich lese oder schreibe.“ An der Clownschule gibt ihr vor allem die Gemeinschaft mit den anderen Schülern viel. „Ich war mit meinen 18 Jahren wohl die Jüngste. Einige waren schon über 60 und alle brachten ihre eigenen Erfahrungen und Themen mit.“
   
Als der jungen Frau klar wird, dass sie lieber Clownstücke schreibt, als in übergroßen Schuhen über die Bühne zu stolpern, beendet sie ihre Ausbildung nach einem Jahr. „Meine Mitschüler waren einfach extrovertierter als ich, selbst die Darsteller der traurigen und leisen Clowns.“ Auch wenn Lena Hach heute keine staatlich anerkannte Clownin ist – dazu hätte es zwei Jahre gebraucht – so hat sie die Clownschule doch selbstbewusster gemacht und ihrem Ausdruck und ihrer Stimme Präsenz verliehen. „Das merke ich bei meinen Lesungen, die ich sehr gerne halte und bei denen ich darauf zurückgreifen kann.“

Lena Hach kehrt dem Rampenlicht den Rücken und bleibt dem Schreiben treu. Während ihres Lehramtsstudiums wird immer klarer, dass es mehr für sie ist, als ein Zeitvertreib. Statt ins Referendariat führt ihr Weg nach dem Abschluss in die Schweiz, wo sie ein Semester am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel verbringt. Zurück in Berlin arbeitet Lena Hach als Journalistin für den „Tagesspiegel“ und das Berliner Magazin „Zitty“. Nebenbei macht sie ihren Master im Kreativen Schreiben an der Alice Salomon Hochschule.

Grüne Ohren und Zoom


2010 beginnt die junge Autorin erste Theaterstücke, Bücher und Hörspiele zu veröffentlichen. „Jakob mit dem grünen Ohr“ wird beim MDR uraufgeführt und Rufus Beck ist in einer Hauptrolle zu hören. Mit dem Theaterstück „Nora Drachenbezwingerin“ erreicht Lena Hach den zweiten Platz beim Autorenwettbewerb des Verbands Deutscher Freilichtbühnen. Überhaupt spielen starke Mädchen oft eine Hauptrolle in ihren Büchern. In „Zoom“ (2015, Beltz und Gelberg) ist es die Chefin einer Schülerzeitung, die so forsch und dominant daherkommt, dass es einige Leser sogar verschreckt.

Die Geschichte erzählt von Paula und Till, die gemeinsam auf Klassenfahrt gehen. Till hat die Kamera seines verschwundenen Vaters dabei und will die Fotos erst entwickeln, wenn der sich bei ihm meldet. Er gerät in eine Zwickmühle, als sein Schwarm Paula ihn bittet, Bilder für die Schülerzeitung zu machen. „In einigen Rezensionen kam durch, dass die Leserinnen Paula unsympathisch fanden“, bedauert Lena Hach. „Ich weiß nicht, ob ich da unbewusst falsche Fährten gelegt habe oder Powerfrauen einfach anders bewertet werden. Ich wollte ein entschlossenes Mädchen. Klar, dass sie auch mal nervt, aber vor allem ist sie stark.“

Die richtige Balance finden


So stark wie Tessa, die im aktuellen Buch „Ich, Tessa und das Erbsengeheimnis“ (2016, Mixtvision) ihrem Nachbarn Paul den Kopf verdreht. Aus seiner Sicht erzählt das Buch ebenso heiter wie feinfühlig von Tessa und ihren Zwangsneurosen, die sie im Alltag ziemlich einschränken. „Kinder versuchen ihren Ängsten oft mit bestimmten Ritualen zu begegnen“, sagt die Autorin. Sie selbst habe früher Angst gehabt, im Dunklen zu liegen und sich ein Handspiel ausgedacht, das sie schützen sollte. „Das wurde zwar nie so zwanghaft, dass es mich in meinem Leben beeinträchtigt hätte, das Gefühl von damals ist aber noch sehr präsent.“

Die Grenze zwischen Ritual und krankhaftem Zwang sind in der Tat fließend. „Ich wollte aufzeigen, was noch gesund ist - etwa, wenn Paul zu einer Klassenarbeit seine Glücksjeans anzieht - und ab wann es darüber hinaus geht.“ Die Herausforderung habe beim Schreiben darin gelegen, die richtige Balance zu finden, denn „es sollte ja kein pädagogisches Ratgeberbuch werden, sondern eine humorvolle Geschichte.“

Das gilt auch für Lena Hachs neues Buch, das im Frühjahr 2017 im Beltz Verlag erscheinen wird. Im Mittelpunkt stehen ein junger Mann und ein 16-jähriges Mädchen, das an krankhaftem Haarausfall leidet. Es entspinnt sich eine Liebesgeschichte zwischen den beiden und seine Verlässlichkeit und Kraft helfen ihr am Ende, ihre innere Stärke zu finden. „Schöne Haare sind für Mädchen immens wichtig, sie müssen aber an der richtigen Stelle wachsen. Während sie ihr langes Haar züchten, werden unerwünschte Härchen fast wahnhaft mit Rasierer und Cremes bekämpft. Die Krankheit des Mädchens zeigt diese Absurdität auf.“

Lena Hach möchte mit ihren Büchern unterhalten und Kindern und Jugendlichen dabei näherbringen, wie vielfältig das Leben ist. „Es gibt verschiedene Menschen und Lebensarten und das ist auch in Ordnung so.“ Auf den erhobenen Zeigefinger will sie bewusst verzichten und in ihren Geschichten lieber Welten aufzeigen, in denen das Besondere normal ist.

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Janina Mogendorf
Januar 2017

Unsere Autorin ist freie Journalistin und wohnt mit Mann und Tochter in Königswinter bei Bonn. Ihre Alltagserlebnisse verarbeitet mit spitzer Feder als „Die Nachbarin“ in ihrem gleichnamigen Blog

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