Quint Buchholz

Maler und Illustrator

Eine Weltkugel, die durchs All schwebt. Drei Figuren, die im Mondlicht unter einem Baum sitzen. Ein Junge, der in ein Buch wie in ein Fernrohr schaut. Ein Mann, der mit den Vögeln davonfliegt. Ein anderer, der zwergengleich auf dem Körper einer Löwin spaziert. Eine Kuh, die mitten auf der Kreuzung steht. Ein Spiegel, ein Wollknäuel, ein Buch, ein ruhender Schmetterling, davor Steine, sonst nichts. Und immer wieder Vögel, die am Himmel still ihre Kreise ziehen.

Über den Bildern des Münchner Künstlers Quint Buchholz vergisst man die Zeit, kommt zur Ruhe, fängt an zu staunen und zu fragen, ist verzaubert von einer Magie, die den meisten von uns abhanden gekommen ist im schnelllebigen Lauf der Welt.

Begonnen hat alles mit einem Blatt Papier, auf dem mit Bleistift ein großes „X“ gezeichnet ist, in der Mitte ein paar Striche. Unten rechts steht von der Mutter geschrieben: Quint April 61 „Herr Jesus am Kreuz“. Im nächsten Jahr findet sich auch Maria auf dem Bild, ein weiteres Jahr später kommen zum Gekreuzigten zwei Busse und einige Polizisten hinzu, von denen einer denjenigen erschießt, der Jesus ans Kreuz genagelt hat. Die bildliche Kraft der biblischen Geschichten hat sich Quint Buchholz schon als kleiner Junge offenbart. Viele Jahre später wird sie noch einmal mit besonderer Klarheit in sein Leben treten, als er als bereits etablierter und erfolgreicher Maler bemerkt, wie viele seiner Bilder mit der Bibel zu tun haben. Damals ist „Die Bibel in Bildern von Quint Buchholz“ entstanden (erschienen 2010, Gütersloher Verlagshaus). Zu diesem Zeitpunkt ist der Künstler schon längst im In- und Ausland bekannt.

Im Kindesalter mit dem Malen begonnen, von gleichgesinnten Schulfreunden und vor allem seinem 15 Jahre älteren Bruder inspiriert und bestärkt, studiert er zunächst Kunstgeschichte in Stuttgart, später dann Malerei und Grafik an der Akademie für Bildende Künste in München. Seit 1988 gibt es zahlreiche Veröffentlichungen und Illustrationen von Kinder- und Jugendbüchern, von denen einige hier im Besonderen Erwähnung finden sollen.
Der große Durchbruch beginnt im Jahr 1993, als Buchholz für den Carl Hanser Verlag (1) das Buchcover zu „Sofies Welt“ des norwegischen Bestseller-Autors Jostein Gaarder gestaltet, das in vielen ausländischen Ausgaben übernommen wird. Im gleichen Jahr erscheint sein Buch „Schlaf gut, kleiner Bär“, bei dem er sowohl Illustrator als auch Autor ist. Ebenso wie der „Sammler der Augenblicke“ einige Jahre später wird es von Publikum und Kritikern gleichermaßen begeistert aufgenommen. Seitdem ist Quint Buchholz aus dem Buchmarkt nicht mehr wegzudenken, zahlreiche Bucherfolge sind eng mit seinen Umschlaggestaltungen und Innenillustrationen verknüpft. Oftmals sind es Romane, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ansprechen, wie etwa Jutta Richters „Hechtsommer“, David Almonds „Feuerschlucker“ und David Grossmans „Zickzackkind“. Es sind Bücher, die Fragen stellen, zum Nachdenken anregen, manchmal unbequem sind, und nach deren Lektüre der Leser ein anderer ist als zuvor.

Lärmende Alltagsgeräusche gibt es nicht, höchstens das Rauschen der Blätter im Wind, das Plätschern der Meereswellen am Ufer oder das leise Rieseln des Schnees


Mit den Bildern des Künstlers verhält es sich ebenso. Man wird nicht müde, sie zu betrachten, obwohl oder gerade weil ihre Motive fern von Aktionismus und greller Farbenpracht sind. Blau in allen Tönen und Schattierungen, grau, grün, gelb und mal ein Hauch von einem Rot oder Orange. Sie laden ein, sich Geschichten auszudenken, werfen Fragen über uns Menschen und unser Tun auf, verwandeln uns in geduldige Betrachter des Augenblicks. Sich selbst und der Welt nahezukommen, wird möglich, und das ist in der Kunst der heutigen Zeit beinahe etwas Exotisches. Still ist es in der Welt der Buchholz’schen Bilder, lärmende Alltagsgeräusche gibt es nicht, höchstens das Rauschen der Blätter im Wind, das Plätschern der Meereswellen am Ufer oder das leise Rieseln des Schnees. Und in dieser Stille sehen wir Unglaubliches, wie eine riesige Schnecke, die auf einem brennenden Boot sitzend am Himmel fliegt, einen Mann, der mit einem Einrad auf den Kabeln der Strommasten fährt, oder ein auf ruhiger See gleitendes Ruderboot mit einem Mann und einem Jungen an Bord, die zwei Pinguine und einen prächtigen Elefanten über das Wasser bringen.

Wir kommen zur Ruhe und bekommen die Chance, uns in Geschichten zu verlieren und neue Bildwelten im Kopf entstehen zu lassen. So, wie wir es auch als Kinder tausendfach pro Tag gemacht haben. Quint Buchholz hat diese Kraft nicht vergessen, er weiß noch genau, wie er als kleiner Junge mit den Bildern von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer, gelebt hat, ja, in den Geschichten gewohnt hat: „Lummerland war mal meine Heimat“. Über das Malen die Welt kennen- und verstehen zu lernen, ist der Antriebsmotor seiner Kunst. Und dafür lässt er sich Zeit. Manchmal dauert es Wochen, bis ein Bild fertig ist, manchmal kann es tagelang nur betrachtet werden, bevor es weitergeht. Oder bevor er merkt, dass es schon längst fertig ist. Und manchmal ist ein Thema so wichtig, dass ihm ein ganzes Buch gewidmet wird.

So ist „Quints Tierleben“ entstanden. Der Umgang des Menschen mit den Tieren ist schon lange ein zentrales Anliegen von Quint Buchholz. Und eines Tages war da der Entschluss, ihm ein ganzes Buch zu widmen, Stellung zu beziehen und aufmerksam zu machen auf einen Missstand, der ihm im Grunde unbegreiflich ist: Einerseits werden Haustiere auf absurde Art und Weise verhätschelt, und für ökologische Naturschutzprojekte wie Krötenumsiedelungen und dergleichen werden Berge versetzt. Andererseits sorgt die Massentierhaltung dafür, dass viel zu oft ein Steak auf unserem Teller landet. Für jemanden, der im Alter von 20 Jahren aus Mitgefühl mit den Tieren beschloss, Vegetarier zu werden, kaum nachzuvollziehen. „Mit welchem Recht“, fragt Quint Buchholz, „gehen wir so mit jenen um, mit denen wir Seite an Seite leben“? Und er überlegte, auf welche Weise er seine Botschaft vermitteln könnte. Gefühle wie Wut und Schmerz sollten keine Motivation für ein Buchprojekt sein. Vielmehr sollte es um die Frage gehen, was Tiere uns eigentlich bedeuten: Was gibt es an Nähe zwischen uns Menschen und den Tieren? Sind sie uns vielleicht gar nicht so unähnlich? Ja, lachen sie vielleicht manches Mal über uns und sind uns in vielem weit überlegen? In ihren Instinkten etwa, die wir in all dem Getöse der Welt um uns herum gar nicht mehr wahrnehmen.

„Mit welchem Recht“, fragt Quint Buchholz, „gehen wir so mit jenen um, mit denen wir Seite an Seite leben“?


In vielen, über Jahre hinweg gesammelten Geschichten, Aphorismen und Gedichten von Autoren und Persönlichkeiten aus mehreren Jahrhunderten wie Elias Canetti, Rose Ausländer, Mahatma Gandhi und Emile Zola, fand Buchholz Stimmen, die zu seinen Bildern passten. Entstanden ist dabei ein außergewöhnliches, wunderbares Buch, in dem assoziativ und auf vielschichtige Weise von den Tieren als eigenständigen Gefährten erzählt wird. So sehen wir beispielsweise das Selbstportait mit Pinguin neben diesem Text von Franz von Assisi: „Alle Geschöpfe der Erde fühlen wie wir, alle Geschöpfe streben nach Glück wie wir. Alle Geschöpfe der Erde lieben, leiden und sterben wie wir, also sind sie uns gleichgestellte Werke des allmächtigen Schöpfers – unsere Brüder.“ Um nichts anderes als die Achtung vor und den richtigen Umgang mit der Schöpfung geht es Quint Buchholz, um Respekt, Würde und Nächstenliebe.

Dass dies schon lange vor dem Tier-Buch so ist, darauf hat ihn eines Tages sein Lektor gebracht, der mit einer Mappe von etwa 70 Bildern unter dem Arm in sein Atelier trat, sie auf dem Tisch ausbreitete und neben jedes Bild einen biblischen Text legte. Da zeigte sich demjenigen, der mit 18 Jahren voller Überzeugung im Nachklang der 68er- Bewegung aus der Kirche austrat, die enge Verknüpfung von Glaubenstexten und der erzählerischen Kraft und symbolischen Komponente seiner Bilder. Als letztes von fünf Kindern (die nach seiner Geburt gemeinschaftlich getauft wurden) war er im protestantischen Umfeld mit den Geschichten der Bibel groß geworden und hatte sie schon lange unbewusst als Teil seiner Welt empfunden. Als Erwachsener hat er sich dann noch einmal auf den spannenden Weg gemacht, die biblischen Geschichten neu zu entdecken. Und gerade in den persönlichsten Bildern Parallelen zur Bibel gefunden. Diese Reise zu vielen alten, aber auch neuen Werken, die innerhalb dieser berührenden Wiederentdeckung der Bibel entstanden sind, birgt nicht nur für den Künstler, sondern auch für den Leser und Betrachter einen besonderen Schatz:

Bislang als verstaubt Empfundenes wird da mit unserem modernen Leben in Verbindung gebracht.


Die tatsächlichen Motive der Texte finden sich diesmal nicht eins zu eins auf der Leinwand wieder, vielmehr versucht der Künstler, aus ihnen eine Aussagekraft für unser heutiges Leben zu filtern. Sie zeigen also keinen Daniel in der Löwengrube, den jedes Kind schon zig Mal im Religionsunterricht gesehen hat. Anstelle des bekannten Motivs sieht man bei Buchholz einen Mann in einer Schneelandschaft vor einem Haus stehen, in dessen Fenster der Kopf eines Löwen zu sehen ist. Zaghaft steht der Mann da. Behutsam, achtsam, auch ein wenig ängstlich vielleicht, versucht er, sich dem Tier zu nähern, das in vollkommener Ruhe hinausblickt. Gerade von Lehrern bekommt Buchholz gute Resonanz und Lob für diese zeitgemäße Herangehensweise an das älteste aller Bücher.

Solche Projekte sind eine Herzenssache, kosten viel Zeit und Kraft. Leben kann man davon in Konkurrenz zu den halbjährlich erscheinenden abertausenden Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt nicht. Trotzdem möchte Quint Buchholz in Zukunft lieber seine eigenen Dinge vorantreiben, weniger Auftragsarbeiten für Verlage machen, sondern seine Inspiration walten lassen. „Vielleicht ist das auch eine Frage des Älterwerdens“ sagt er, „dass man immer mehr nur noch das machen will, was einem wichtig ist, und sich möglichst oft mit den Dingen beschäftigen möchte, die einen wirklich interessieren“. Drei bis vier jährliche Ausstellungen mit Verkäufen seiner Werke helfen ihm dabei, diesen Traum weiter zu leben und bringen auch seinen Büchern die gewisse Öffentlichkeit, die das Buchgeschäft allein nicht mehr leisten kann. Sie ermöglichen ihm außerdem Zeit für Lieblingsangelegenheiten wie das Arbeiten für das Theater: Sein „Sammler der Augenblicke“ reiste als Theaterfassung durch Frankreich, außerdem hat er für einige Inszenierungen ein Bühnenbild geschaffen. Und sie erlauben ihm auch den totalen Rückzug, etwa, wenn er nach einem langen und erschöpfenden Buchprojekt neue Kraft tanken muss.

„Im Land der Bücher“(2013), zeigt der leidenschaftliche Buchliebhaber in Bild und Wort, welche Welten durch Literatur entstehen.


So war es nach der Arbeit an dem mit Elke Heidenreich zusammen entwickelten Buch „Am Südpol, denkt man, ist es heiß“ (1998). Da beschloss Quint Buchholz, den Erfolg erst einmal sacken zu lassen, nicht direkt mit dem nächsten Projekt zu starten, sondern sich wieder auf sich selbst zu besinnen, um neu schöpferisch tätig werden zu können. In den Jahren 2001 und 2002 entstanden so ca. 30 Objektkästen und Assemblagen, in denen er Dinge arrangierte und zusammenbaute, ein aus wirtschaftlicher Sicht sinnloses und nicht zu vermarktendes Projekt. „Und genau das war das Gute daran“, lacht Quint Buchholz und erzählt, dass ihm diese eineinhalb Jahre die Möglichkeit gegeben haben, an neue Wege zu denken und innerlich wieder frei zu werden. In dieser Freiheit entstehen Projekte wie das zuletzt erschienene „Im Land der Bücher“(2013), in dem der leidenschaftliche Buchliebhaber in Bild und Wort zeigt, welche Welten durch Literatur entstehen. Es gibt sie, diese Welten, direkt vor unserer Haustür. Man muss nur genau hinschauen und hinhören und der eigenen Phantasie Raum geben. Im 1997 erschienenen „BuchBilderBuch“ (Sanssouci) haben dies namhafte Autoren wie T.C. Boyle, Per Olov Enquist, Antonio Tabucchi und viele andere gemacht, und Geschichten zu den geheimnisvollen Buchholz’schen Bilderwelten geschrieben, drei Jahre später waren es Martin Walser und seine Tochter Johanna Walser („Am Wasser“, Sanssouci).

Neben den Originalbildern und Drucken machen es zahlreiche Kalender, Postkarten und Plakate mit Motiven des Künstlers möglich, den Zauber seiner Werke ins eigene Wohnzimmer zu holen. Auch seine Bücher sind nur einen Schritt entfernt im nächsten Buchladen oder der Bibliothek um die Ecke zu finden. Und mit ihnen findet man einen ganzen Schatz.

Julia Kortenjann
Juni 2014

1) Die meisten  Bücher von Quint Buchholz selbst oder unter seiner Mitwirkung erscheinen im Carl Hanser Verlag. In anderen Verlagen erschienene Titel werden hier extra kenntlich gemacht.