Religiöses Buch des Monats

Februar

Erwarte keine frommen Sprüche

Er könne nicht mehr beten, schrieb Jörg Meyrer, Pfarrer von Bad Neuenahr, einige Tage nach der Flutkatastrophe von 2021. „Die vertrauten Worte passen nicht mehr.“ Könnte es sein, dass das auch für andere Situationen gilt? Dass die vertrauten Erwarte keine frommen Sprüche Worte ihre Kraft verlieren und auch das Beten in eigenen Worten schal wird? Für diesen Fall erweisen sich die Psalmen von Stephan Wahl als großer Schatz. Den Anfang machte der „Ahr-Psalm“, den er nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 schrieb. Wahl, der in Jerusalem lebt, stammt von der Ahr-Mündung und kennt entsprechend viele Menschen, die von der Flut betroffen sind; ein Verwandter von ihm kam dabei ums Leben. Seine Betroffenheit brauchte ein Ventil, sagte er dem Kölner Domradio, das er dann in Form eines Psalms gefunden hat. Damit gab er Pfarrer Meyrer und vielen anderen Menschen Worte, mit denen sie sich an Gott wenden konnten. Daraus wurden mehr Psalmen, in denen Wahl mit unterschiedlichen Themen ringt. Im Buch sind sie thematisch geordnet: die Katastrophe an der Ahr, Klagepsalmen, Lob und Dank, Ermutigung, Psalmen zu bestimmten Zeiten. Darunter sind ein Psalm für Menschen, die nach der Flut in ihre Häuser zurückkehren, ein ratloser Psalm zum Ukraine-Krieg, ein „Ohne-Glauben-Psalm“, ein Dank-Psalm („Wenn ich etwas von dir will / bin ich sofort zur Stelle … / Es ist höchste Zeit, einmal nichts zu wollen, / dir einfach zu danken …“), ein Psalm für müde Menschen vor dem Zubettgehen, ein Mutmach-Psalm. Kennzeichnend für Wahls Texte sind die frischen Formulierungen, ohne fromme Floskeln, die vom Ringen mit Gott erzählen, um den eigenen Glauben, um das Leben mit all seinen schönen und abgründigen Seiten. Hier schreibt einer, der eben nicht vorgibt zu wissen, wer Gott ist, was er will und warum sie sich so verhält wie Wahl (und viele Menschen) es erfahren: „Noch mehr fehlen die Menschen, / die in den Fluten starben. / Warum, Ewiger, hast du sie nicht gerettet? / Warum? /Dein Schweigen quittiere ich / mit meinem eigenen Schweigen, / ich begreife dich wirklich nicht, / rätselhafter, ewiger Gott.“ Diese Spannung zwischen dem rätselhaften Gott und dem, dem sich der*die Betende vertrauensvoll zuwendet, tritt in fast jedem Psalm zutage. Wahl scheut sich auch nicht, mit Gott Klartext zu reden: „Nie werde ich verstehen / warum du dem allem nur zusiehst, / deine Hand nicht eingreift / und die Tyrannen zerschmettert. / Mach dich gefasst auf meine zornigen Fragen, / wenn wir uns sehen werden, später ...“ (Es ist Krieg). Die Worte, die Stephan Wahl für sein Ringen mit Gott und dem Leben findet, gehen unter die Haut. Sie haben das Zeug, die eigene Zunge (wieder) zu lösen und das eigene Beten zu bereichern. Sie zeigen einen Gott, der mit sich reden lässt, dem man Freude und Dankbarkeit genauso zumuten darf wie Wut und Trauer, ja selbst den eigenen Unglauben. (Religiöses Buch des Monats Februar)

Erwarte keine frommen Sprüche

Erwarte keine frommen Sprüche

Stephan Wahl
echter (2022)

110 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 613389
ISBN 978-3-429-05801-2
9783429058012
ca. 14,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats


Januar 2023

Präsent sein für Gott

Seit dem Konzil haben die katholischen Laien erfreulicherweise zunehmend das Bewusstsein gewonnen, dass sie ebenso wie die Kleriker dazu berufen sind, als Zeugen Christi in der Welt zu wirken. Voraussetzung für ein solches Wirken in der Welt ist natürlich Präsent sein für Gott eine wirkliche Vertrautheit mit Christus, denn was wären das für Zeugen, "die nicht Jenen aufgesucht hätten, für den sie Zeugnis ablegen sollen, ... die nicht auf Jenen hörten, dessen Botschaft sie übermitteln sollen"? Christinnen und Christen, die für die Welt da sein wollen, müssen darum ihrerseits unablässig für Gott da sein, und "für Gott präsent wird man im Wesentlichen durch das Gebet". "Deshalb gibt es in diesen Zeiten, in denen die Christen sich ihrer apostolischen Berufung und ihrer weltlichen Aufgaben deutlicher bewusst werden, nichts, was wichtiger wäre, als sie in das Gebet einzuführen und ihnen beten zu helfen." Der französische Priester Henri Caffarel (1903-1996), der sich sehr intensiv in der Seelsorge für Ehepaare engagierte, hat sich darum immer ganz besonders für die Gebetsschulung eingesetzt. Sein Buch mit 100 Briefen über das Gebet liegt nun zum ersten Mal vollständig in deutscher Übersetzung vor, bislang gab es nur eine um die Hälfte gekürzte deutsche Ausgabe. Es handelt sich dabei nicht um eine systematische Gebetsschule, vielmehr geht der Autor in den hundert Briefen jeweils ganz konkret auf die Situation der Adressaten oder auch deren Fragen ein. So wird das Thema im Grunde immer ganz, aber aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachtet, und nach und nach ergibt sich ein immer deutlicheres, plastischeres Bild. Man kann diese Briefe darum sehr gut auch einzeln lesen, ja, der Autor wünscht sich sogar ganz ausdrücklich, dass man nicht mehr als einen Brief pro Tag lese, um genügend Zeit dafür zu haben. Die Briefe wollen nicht Wissen oder Erkenntnis vermitteln, sondern einladen, "in das Vertrauensverhältnis mit Gott einzutreten". Man kann aufgrund dieser Eigenart des Buches also nur einige Grundgedanken schildern, die immer wiederkehren und von verschiedenen Seiten aus beleuchtet werden. Zunächst ist dem Autor ganz wichtig, darauf hinzuweisen, dass die erste Initiative beim Gebet immer bei Gott liegt: Wer zu beten beginnt, wird bereits erwartet. Wie beim Gleichnis vom verlorenen Sohn, kommt uns der Vater, wenn wir uns nur auf den Weg zu ihm machen, bereits voller Freude entgegen. Warum machen wir dann aber oft die Erfahrung im Gebet, dass Gott nicht da zu sein scheint? "Gott ist da, aber wir sind nicht da. Unser Dasein vollzieht sich an den Rändern unseres Selbst..." Menschen, die mit ihrem Gebetsleben unzufrieden sind, rät der Autor, sie sollten bedenken, dass es im Gebet ja nicht auf ihr Zutun alleine ankommt, so dass auch ein als unzureichend empfundenes Gebet durchaus eine Wirkung entfalten kann - so wie auch die Sonne ihre Kraft auf uns ausübt, wenn wir ein Sonnenbad nehmen, ohne dass wir etwas dazutun müssten als nur: uns der Sonne auszusetzen. Das Gebet ist darum nicht nur etwas für Heilige, sondern steht auch dem Sünder immer offen, sogar dem Sünder, der weiß, dass er nicht den Willen Gottes tut, und nicht die Kraft hat, das zu tun, was Gott von ihm erwartet - er kann und soll dann wenigstens Gott "bitten, dass sein Reich komme, und für die Anderen beten". Der Autor war zweifellos ein sehr kluger geistlicher Ratgeber, er belehrt nicht von oben herab, gibt lieber aus Erfahrung erwachsene Ratschläge, verdeutlicht an Beispielen, Erlebnissen, Geschichten oder Vergleichen, stellt Fragen, um das eigene Nachdenken anzuregen. So ist ein faszinierendes Lesebuch entstanden, das einen reichen Schatz beinhaltet, den man nicht oft genug betrachten kann und aus dem man immer wieder Neues zu Tage fördern wird.

Präsent sein für Gott

Präsent sein für Gott

Henri Caffarel ; herausgegeben von Frank Höfer ; übersetzt von Hans Urs von Balthasar und [einem weiteren]
Verlag Herder (2022)

288 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 751330
ISBN 978-3-451-39099-9
9783451390999
ca. 28,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats