Religiöses Buch des Monats

Dezember

Abenteuer des Glaubens

Glauben ist ein Wagnis. Wer sich darauf einlässt, verlässt den mess- und berechenbaren Sektor. Das führt immer häufiger dazu, dass die Gottesfrage in unserer Gesellschaft nicht mehr ernstgenommen wird. Umso wichtiger ist es für Abenteuer des Glaubens die Christen, Rechenschaft davon abzulegen, wie der Glaube sich vor der Vernunft verantworten lässt. - Hubert Ettl unternimmt dazu 24 "Erkundungen", wie er die Kapitel seines Buches nennt. Darin schreibt er über das Staunen, das dabei helfen kann, dem Käfig unserer modernen, berechnenden Weltsicht zu entkommen. Über das Stillwerden, um in der lauten Welt "den unergründbaren, vollkommen Einen zu erfahren" (Dorothee Sölle). Über das Nachdenken über Gott und die Auseinandersetzung mit der Theologie und anderen Wissenschaften. Auf diese Weise werden auch Evolution und physikalische Weltmodelle zu Themen, die er mit dem christlichen Glauben in Beziehung setzt. - Auch theologisch wagt Ettl sich ans Eingemachte. Jesus habe Gott als einen liebenden, barmherzigen Gott vorgestellt. Warum, fragt Ettl, finden sich dann immer noch in theologischen und liturgischen Texten Spuren des despotischen, strafenden Gottes? Gerade in der Interpretation des Kreuzestodes und der Eucharistie schlägt sich das nieder. Ettl erhebt Einspruch: "Wenn dieser liebende Gott der Kern von Jesu Botschaft ist, wenn er damit das alte, doppelgesichtige Gottesbild hinter sich lässt, wenn er also das Gesicht Gottes neu zeigt, sollte dann also nicht genau dies die Orientierung für ein neues Verständnis von Jesu Tod am Kreuz sein?" - Doch weil Gottes bedingungslose Liebe die Herzmitte der christlichen Botschaft bildet, müsse das Christentum "endlich als die Religion der großen Liebeserklärung Gottes an die Welt herausgestellt werden", fordert er. - In weiteren Kapiteln setzt er sich mit dem Gebet, besonders dem Sinn des Bittgebets auseinander, mit dem Tod und dem Leben danach, mit der "Pflicht" der Christen zur Hoffnung, mit der Aufgabe des Christentums, zu einer ökologischen Spiritualität beizutragen und gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen zu kämpfen – und einiges mehr. - Von der Kirche und ihren offiziellen Repräsentanten wünscht er sich, dass sie zu einem Ort "einer heutigen, offenen, suchenden, bescheidenen Rede von Gott" wird, an dem die persönlichen Erfahrungen der Einzelnen Gehör finden. - In beeindruckender Weite und Tiefe setzt Hubert Ettl sich mit Glaubensfragen auseinander. Obwohl Sprache und Struktur seines Buches allgemeinverständlich sind und kein Expertenwissen voraussetzen, ist die Lektüre herausfordernd. Sie regt dazu an, eigene Positionen zu hinterfragen, Selbstverständlichkeiten zu überprüfen und überhaupt über Gott und die Welt und die eigene Sicht darauf nachzudenken. Was könnte es besseres als Vorbereitung auf das kommende Weihnachtsfest geben?

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Abenteuer des Glaubens

Abenteuer des Glaubens

Hubert Ettl
Verlag Friedrich Pustet (2020)

168 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 602021
ISBN 978-3-7917-3190-2
9783791731902
ca. 16,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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November

Christsein und die Corona-Krise

Das Corona-Virus hat unser aller Leben in den letzten Monaten geprägt. In kürzester Zeit entwickelte es sich weltweit zu einer dramatischen Herausforderung für Politik und Wirtschaft. Im Unterschied zu Staat und Gesellschaft sind Christsein und die Corona-Krise Religion und Kirche jedoch nicht nur im direkten Umgang mit der Pandemie gefragt, sondern vor allem auch darüber hinaus in der Deutung dieses Ereignisses und seiner Konsequenzen für unser zukünftiges Leben. "Die Pandemie stellt uns grundlegende Fragen, welche das Glück unseres Lebens und den Schatz unseres christlichen Glaubens betreffen", wie Papst Franziskus prägnant in seinem Geleitwort formuliert. - Der frühere Kurienkardinal Walter Kasper hat zusammen mit dem Dogmatikprofessor George Augustin einen Sammelband mit Beiträgen von elf Autoren herausgegeben, die erste Ansätze zu einer solchen Deutung versucht haben. Wenn das Thema "Christsein und die Corona-Krise" von elf Autoren in den Blick genommen wird, dann sind natürlich gewisse Wiederholungen unvermeidlich – diese stören aber keineswegs, lassen sie doch einerseits bestimmte Schwerpunkte des Themas aufscheinen, zum anderen ergeben sich im je unterschiedlichen Kontext auch immer wieder neue Blickwinkel, sodass sich gleich einem Kaleidoskop, das immer weitergedreht wird, das große Thema immer wieder mit neuen Aspekten zeigt. - Kardinal Kurt Koch erinnert in seinem Beitrag beispielsweise an eine Grundüberzeugung des katholischen Glaubens: dass wir Natur UND Gnade gleichermaßen anerkennen müssen. Wir dürfen in der Krise weder auf das Gebet allein vertrauen und das Wissen der Virologen missachten, noch sollen wir die Erlösung ganz von der modernen Medizin erwarten und das Gebet vernachlässigen. So ist für ihn die Aussage, Gott habe keine anderen Hände als die unseren, zwar richtig, denn Gott will und kann durch uns in der Welt handeln, andererseits aber auch "nur die halbe Wahrheit", denn "der Trost des Glaubens besteht doch in der Zuversicht, dass Gott noch ganz andere Hände hat, wenn unsere Hände … nichts mehr ausrichten können" (S. 37). - Auch George Augustin gibt zu bedenken: "In Krisenzeiten ist es vielleicht besser, dass wir weniger über Gott, als vielmehr mit Gott über die Krise sprechen" (S. 69), denn das "Gebet schenkt uns eine Kraft, die uns befähigt, unsere existentielle Angst zu überwinden und vertrauend auf die väterliche Fürsorge Gottes ein Leben in Hoffnung und Zuversicht zu führen." (S. 71) Was in diesem Band von keinem Autor vertreten wird, aber in der öffentlichen Diskussion hin und wieder zu hören war, weist der Dogmatiker Jan-Heiner Tück in seinem Beitrag ganz ausdrücklich zurück: Corona darf keinesfalls als Gottes Strafe für uns Menschen angesehen werden; das widerspricht dem Glauben an einen guten und allmächtigen Gott, der als Schöpfer der Welt nur das Gute im Sinn haben kann - was sich bis zur Vollendung der Schöpfung am Jüngsten Tag im Mit-Leiden Jesu mit den Menschen zeigt. Der New Yorker Ordensmann Mark-David Janus schließlich schildert im Bericht seiner eigenen schweren Covid 19-Erkrankung eindringlich, wie er den Weg des Leidens bis hin zur Auferstehungserfahrung der Genesung durchlebt hat. - Insgesamt erläutern die Beiträge sehr gut, was Papst Franziskus feststellt: Die Corona-Krise "erinnert uns daran, dass wir manche im Leben wichtige Dinge vergessen und vernachlässigt haben, und lässt uns fragen, was wirklich wichtig und notwendig ... ist; ... und sie leitet uns an, unser Leben neu in den Dienst an anderen Menschen zu stellen." (S. 6) Ein Band, der wirklich eine Fülle von Anregungen gibt, anlässlich der Corona-Krise über den eigenen Glauben und das Leben aus dem Glauben heraus neu nachzudenken.

Christsein und die Corona-Krise

Christsein und die Corona-Krise

Walter Kasper, George Augustin (Hg.) ; mit einem Geleitwort von Papst Franziskus
Matthias Grünewald Verlag (2020)

194 Seiten
kt.

MedienNr.: 967549
ISBN 978-3-7867-3244-0
9783786732440
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Oktober

Galilei, Darwin, die Kirche und ich

Am Anfang waren das Wort und der "Urknall" (vor etwa 13,8 Milliarden Jahren); Gott schuf Adam aus dem Staub der Erde und der Mensch ist aus dem Prozess der Evolution hervorgegangen. - Haben Sie bei den beiden "Und" Galilei, Darwin, die Kirche und ich gestutzt? Biblische (oder religiöse) und naturwissenschaftliche Zugänge zur Entstehung unseres Universums und zur Menschheitsgeschichte stehen nur selten gleichberechtigt nebeneinander. Vorherrschend ist eher der Eindruck, dass Glaube und (Natur-) Wissenschaft unvereinbar sind. Doch handelt es sich dabei um ein hartnäckiges Vorurteil, das Theologen, sogar Päpste, immer wieder aus der Welt zu schaffen versuchen. - Zu ihnen gehört Joanna Maria Otto, die Autorin von "Galilei, Darwin, die Kirche und ich", die heute als Lehrerin für Biologie und Physik arbeitet, in Neurobiologie promoviert hat und einige Jahre dem Orden der Dominikanerinnen angehörte. In diesem Buch schildert sie ihre Auseinandersetzung mit diesem Themenkomplex. Dabei hält sie ihre Aussagen bewusst subjektiv, weil sie zu der Überzeugung gelangt ist, dass sowohl die Glaubensaussagen als auch die Hypothesen der Naturwissenschaften ein mehr oder weniger großes Maß an persönlicher Zustimmung voraussetzen. - Sie beginnt mit einigen Klärungen zur Frage, was denn nun eigentlich Glauben bedeutet und wie die Bibel und die Dogmen zu verstehen sind. Anschließend setzt sie sich eingehend mit Galileo Galilei auseinander, dessen Fall den Zerfall der früheren Einheit von Glauben und Wissenschaft einleitete. - Im Kapitel zu Evolution und Schöpfung macht sie mit einem philosophischen Zugriff deutlich, dass bei diesem Thema oft unterschiedliche Ebenen vermischt werden: die materielle, durch naturwissenschaftliche Methoden zugängliche und die geistige, auf der man mit einer naturwissenschaftlichen Beweisführung nicht weit kommt. Diese Ebenen stehen natürlich miteinander in Beziehung, dennoch muss man sie auseinanderhalten. Joanna M. Otto betont deshalb, dass der christliche Schöpfungsglaube sich nicht mit der materiellen Entstehung des Universums befasse, sondern mit den Fragen, woher wir kommen, wohin wir gehen und wozu wir da sind. "Es geht um die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, der in der Lage ist, nach seiner Zukunft zu suchen und zu fragen." Das ist auch der Schlüssel zu den beiden eingangs verwendeten "Und". - Die Autorin lässt es nicht mit einem Referat ihrer Einsichten zur Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glaube bewenden. Sie beschreibt darüber hinaus, wie auch der moderne, naturwissenschaftlich denkende, religiös eher skeptische Mensch an die Existenz Gottes glauben kann. Gott lasse sich nicht mit den äußeren Sinnen erfassen und "mathematisch korrekt beweisen, aber Gott lässt sich in der Seele und vor allem in der Liebe erkennen." Das fällt niemandem in den Schoß, wie Frau Otto am eigenen Leib erfahren hat. Daher wünscht sie allen, die nach Gott suchen, die Ausdauer eines Jakob, von dem im Alten Testament erzählt wird, er habe eine ganze Nacht mit Gott gerungen (Genesis 32, 23 - 33). - Der Glaube ist ein Abenteuer, auf das man sich auch als Christ immer wieder neu einlassen muss. Das Buch ist ein guter Anlass dazu.

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Galilei, Darwin, die Kirche und ich

Galilei, Darwin, die Kirche und ich

Joanna Maria Otto
paulinus (2020)

140 Seiten
kt.

MedienNr.: 961328
ISBN 978-3-7902-1740-7
9783790217407
ca. 16,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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September

Um Gottes willen

Was bewegt im 21. Jh. Frauen und Männer dazu, ihr Leben ganz Gott zu weihen? Die Journalistin und Autorin Stephanie Mende hat 16 von ihnen besucht und mit ihnen Gespräche über das Ordensleben und ihre Beweggründe dazu geführt. Um Gottes willen In ihrem Buch fasst sie diese Gespräche zusammen, immer wieder mit Zitaten durchsetzt, aber nicht als durchgängige Interviews - die ausführlichen Gespräche hätten sonst viel zu viel Platz eingenommen. In der komprimierten Schilderung ist es aber gut möglich, sehr umfassende Einblicke in die Lebenswege und die Ansichten der elf Frauen und fünf Männer (zwischen 26 und 92 Jahren) und so ein vielschichtiges Bild von modernem Ordensleben zu gewinnen. So unterschiedlich die Gesprächspartner/-innen auch sind, die grundsätzliche Lebensentscheidung, ihr Leben möglichst ganz von der Beziehung zu Gott her zu gestalten, ist bei allen als gemeinsame Mitte festzustellen. Überraschend mag für manche/n zu lesen sein, dass eigentlich alle das Ordensleben nicht als einengend empfinden, und tatsächlich hat man das Gefühl, dass alle Ordensfrauen und -männer ihre individuellen Stärken zu einer wirklichen Entfaltung bringen können. Bei allen ist die Überzeugung spürbar, den richtigen Weg gewählt zu haben - und selbst eine ehemalige Schwester, die nach einigen Jahren das Kloster wieder verlassen hat, sieht ihre Zeit im Kloster als wertvolle Etappe auf ihrem Lebensweg. Dabei wird aber kein idealisiertes Klosterleben ohne alle Schwierigkeiten gezeichnet, auch Probleme und Schwächen werden ehrlich geschildert. Am Ende der Lektüre gewinnt man ein Bild vom Ordensleben, das dessen Faszination durchaus ein Stück weit vermitteln kann, und das sich am besten zusammenfassen lässt in der Aussage "Nicht leicht, aber wunderschön". - In jedem Fall sehr lesenswert!

Um Gottes willen

Um Gottes willen

Stephanie Mende
adeo (2020)

223 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 947904
ISBN 978-3-86334-247-0
9783863342470
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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August

Ins Leben begleiten

Die Familie ist der Ort, an dem Kinder ihre ersten religiösen Erfahrungen machen. Ein Tischgebet, ein Segen zum Einschlafen, ein Kreuz an der Wand, vielleicht auch durch den mehr oder weniger regelmäßigen Gottesdienstbesuch. Die Ins Leben begleiten Ins Leben begleiten Freiburger Theologin Heike Helmchen-Menke beschreibt in diesem Buch, wie Familien die religiöse Seite des Alltags gestalten können. Dazu brauche es vor allem Zeit und ein offenes Ohr bei den Eltern ¿ wie überhaupt in der Erziehung, die in erster Linie Beziehungsarbeit ist. - Zeit zu haben und nicht nur nach Takt und Plan zu leben, sei für Kinder (und für Eltern gleichermaßen!) wichtig. Zeit zu haben bedeutet, die Möglichkeit zu haben, über Träume, Wünsche, Ängste zu sprechen. Viele solcher Gespräche ergeben sich nebenbei, indem Eltern von sich erzählen. Daraus ergeben sich ganz von alleine Anknüpfungspunkte, die auch die religiöse Dimension des Lebens sichtbar werden lassen. - Darüber hinaus gehören zur religiösen Imprägnierung des Familienlebens das gemeinsame Gebet und der Segen, der allen Familienmitgliedern immer wieder zugesprochen wird. Dazu gibt Helmchen-Menke hilfreiche Tipps und verweist auf das Gotteslob, das einige kinder- und familientaugliche Gebete enthält. - Weitere Kapitel beschäftigen sich mit den Lebensfesten Geburtstag, Taufe, Erstkommunion und mit den Fragen nach Gott, Leid und Tod, die Eltern manchmal ganz schön ins Schwitzen bringen können. Hier bietet Helmchen-Menke Perspektiven aus der gegenwärtigen Theologie an, die Eltern helfen, die Fragen der Kinder (die ja oft genug auch die eigenen Fragen sind) zu beantworten oder zumindest eine Perspektive für eine Antwort zu vermitteln. Die Botschaft dieses Kapitels ist: Eltern müssen nicht auf alle Fragen eine Antwort haben, sollten das aber auch ehrlich eingestehen und unangenehme Fragen nicht einfach wegwischen. - Die Autorin bleibt zudem nicht beim Christentum stehen, sondern ermuntert auch zur Auseinandersetzung mit anderen Religionen, die den Kindern in ihrem Alltag immer wieder begegnen. - In einem zweiten Teil "Durch das Jahr" buchstabiert sie die christlichen Feste und geprägten Zeiten von Neujahr bis Weihnachten und erschließt ihren Sinn für heute. Da kommen dann schon mal Hildegard von Bingen zusammen mit Fridays for Future vor und eine kindgerechte Fassung der Barbara-Legende (ohne ihr die Dramatik zu nehmen, dass ein Vater seine Tochter dem Henker ausliefert), die sie zudem als Anfrage an die Eltern liest: "Wie weit dürfen die Pläne, die wir für unsere Kinder ... haben, ihre Entwicklung bestimmen?" - Ein sehr alltagsnahes, ansprechend-fröhlich gestaltetes Buch, das für viele Familien eine Bereicherung sein dürfte.

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Ins Leben begleiten

Ins Leben begleiten

Heike Helmchen-Menke
Patmos Verlag (2020)

190 Seiten : zahlreiche Illustrationen (farbig)
kt.

MedienNr.: 947324
ISBN 978-3-8436-1159-6
9783843611596
ca. 19,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Pä
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Juli

Freiheit

Freiheit und Religion werden von vielen Menschen heute geradezu als Gegensätze betrachtet. Der Münchner Erzbischof sieht das jedoch ganz anders, wie sein neues Buch und schon sein Wahlspruch als Bischof zeigen: "Wo der Geist Freiheit des Herrn wirkt, da ist Freiheit". So sehr er selbst auch der Überzeugung ist, dass Glaube und Freiheit untrennbar zusammengehören, räumt Kardinal Marx doch freimütig ein, dass es auch innerhalb der Kirche eines langen Lernprozesses bedurfte und noch weiterhin bedarf, dies auch zu verstehen und anzuerkennen. Das ist im Blick auf die Geschichte der Kirche zu bedauern, doch gehört es eben zur Freiheit, dass es sich um einen Weg handelt, um eine fortdauernde Aufgabe. In wegweisender Form ist das bereits in der Bibel dargestellt, wo der mühsame, lange und immer wieder durch Rückschläge geprägte Weg des Volkes Israel aus der Knechtschaft in das von Gott verheißene Land geschildert wird. Auch theologisch-systematische Überlegungen erweisen nach Kardinal Marx einen unabdingbaren Zusammenhang von Glaube und Freiheit. Allerdings muss man auch festhalten, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit und völliger Ungebundenheit gleichzusetzen ist. Im Gegenteil: durch Freiheit entsteht Bindung, die Übernahme von Verantwortung, "die Freiheit findet ihren Zielpunkt in der Liebe" (24). Und schließlich darf Freiheit nicht dazu missbraucht werden, die Freiheit anderer zu unterdrücken oder die Schöpfung auszubeuten. Gut das letzte Drittel des Buches widmet sich dann der Frage, wie das dem Glauben innewohnende Streben nach Freiheit in der Kirche, aber auch (durch die Kirche) in der Gesellschaft ganz konkret umzusetzen sein müsste bzw. könnte. Natürlich ist an dieser Stelle die Unsicherheit, wie der Weg weiterzugehen hat, noch groß und vieles auch umstritten. Entscheidend ist es aber für Kardinal Marx, dass man an dem bleibenden Auftrag zur Freiheit festhält. Und dazu können gerade die prinzipiellen Ausführungen im ersten Teil seines Buches eine wertvolle Ermutigung sein.

Freiheit

Freiheit

Reinhard Marx
Kösel (2020)

175 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 943554
ISBN 978-3-466-37261-4
9783466372614
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Juni

Handelt!

Die Welt nach der Corona-Krise wird eine andere sein, war in den letzten Wochen häufiger zu lesen. Aber wie sollte sie aussehen? Nur Mundschutz zu tragen und mindestens 1,50 m Abstand zu anderen Menschen zu halten, was jetzt als "neue Handelt! Normalität" ausgegeben wird, reicht dazu ja wohl nicht. Aber wie soll sie dann aussehen? Und was haben die Christen dazu beizutragen? - Der Jesuit Jörg Alt präsentiert in seinem Buch die Vision einer sozial gerechteren und ökologisch nachhaltiger gestalteten Zukunft auf Grundlage der katholischen Soziallehre. Er nimmt dabei eine europäische Perspektive ein und lässt die Staaten der EU angesichts der globalen Herausforderungen wie Klimawandel, Finanz- und Offshore-Kapitalismus und Gefährdung der Demokratie (die Corona-Pandemie war bei Abschluss des Manuskripts noch nicht abzusehen) enger zusammenrücken. Sie verabschieden ein Bündel von Maßnahmen, das "das Wohl der vielen über die Profite der wenigen" stellt und den "Produktions- und Konsumstil sozial gerecht und ökologisch nachhaltig" umbaut. Seine Vision stützt Alt auf eine Analyse der Gegenwart im klassischen Dreischritt Sehen - Urteilen - Handeln. Als Ursache für die "richtig großen Probleme der Gegenwart" macht er im Kapitel "Sehen" die neoliberale Spielart des Kapitalismus aus, die zu einer Krise der Demokratie geführt habe. Verstärkt werde das durch den Lebensstil und das Konsumverhalten eines jeden Einzelnen. - Im Kapitel "Urteilen" bewertet er diese Befunde mit den Maßstäben, die die Bibel und die Katholische Soziallehre zur Verfügung stellen. Im Kapitel "Handeln" setzt er bei den Einzelnen an, auf deren Handeln es ankomme. - Unterstützung könnten diese Einzelnen z. B. bei der Katholischen Kirche finden, wenn, ja wenn sie aufhören würde, sich vor allem mit sich selbst zu beschäftigen. Die weltweit ca. 1,3 Milliarden Katholiken (und 2,2 Milliarden Christen) setzen sich bereits (vereinzelt) für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens ein oder für ökologische und gerechte Produktions- und Handelspraktiken. Diese "Anwaltschaft müsste freilich viel offensiver, häufiger, koordinierter und auch parteiischer geschehen. Ausgewogenheit ist nicht die Aufgabe des prophetischen Protests, ebenso ist Parteinahme eine Verpflichtung aufgrund der vorrangigen Option für die Armen", so Jörg Alt. Außerdem haben Kirchengemeinden und kirchliche Gruppierungen die Möglichkeit, im Kleinen auf die Ursachen für die Krise zu reagieren und sich dabei auch mit anderen Gruppierungen zusammenzuschließen. - Jörg Alt legt damit ein engagiertes, klar strukturiertes und allgemein verständlich gehaltenes Plädoyer vor, nach christlichen Maßstäben an einer menschenfreundlicheren Zukunft zu arbeiten und auch dann nicht aufzugeben, wenn (mal wieder) die "Mächte des Bösen gewinnen und dem Guten Schaden zufügen". Ein Buch, dem man viele, viele Leser/-innen wünscht, die dann auch handeln. (Religiöses Buch des Monats Juni)

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Handelt!

Handelt!

Jörg Alt
Vier-Türme-Verlag (2020)

175 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 600298
ISBN 978-3-7365-0295-6
9783736502956
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Mai

Gott macht unruhig

"Gott macht unruhig" - mit dem Titel seines Buches bezieht sich der junge Benediktinerpater Philipp Meyer aus Maria Laach natürlich auf das berühmte Zitat des heiligen Augustinus, nach dem unser Herz unruhig ist, bis es Gott macht unruhig Ruhe findet in Gott. Aber müsste dann ein Mönch und Priester nicht vielmehr Ruhe in Gott gefunden haben? Doch ganz so leicht ist es eben mit dem Glauben auch nicht immer, und deshalb spricht der Autor im Untertitel auch ganz ehrlich von der "Dynamik" seines Glaubens. Er gibt offen zu, dass es ihn immer wieder einmal auch von Gott wegzieht, dass es Augenblicke gibt, in denen ihm Gottes Licht zu stark ist, und dass er manchmal auch Angst hat, zu kurz zu kommen. Gleichzeitig hat er aber die Erfahrung gemacht, dass selbst in den Momenten, in denen er sich innerlich ganz weit von Gott entfernt empfindet, Gott ihm immer wieder unerwartet nahegekommen ist. Das gibt ihm wiederum die Sicherheit, dass es im Glauben nicht zuerst um Dogmen geht, sondern um die Begegnung mit einer Person, Jesus Christus. Wie kann man aber dieser Person begegnen, die doch vor 2000 Jahren gelebt hat? In den Texten der Heiligen Schrift - und im Gebet. Deshalb wählt Philipp Meyer für sein Buch den Weg, anhand eines Gebetes von Papst Benedikt XVI. ausgewählte Texte der Bibel zu betrachten, um so Jesus besser kennenzulernen. Die Betrachtungen der Schriftstellen folgen auf diesem Weg also nicht einem systematischen Aufbau, haben aber durch das zugrundeliegende Gebet durchaus einen inneren Zusammenhang, sie bringen verschiedene Aspekte einer persönlichen Gottesbeziehung zum Ausdruck. Ausgangspunkt sind beispielsweise Überlegungen zur traditionellen Gebetsanrede "Herr", mit der sich heute viele Menschen etwas schwertun. Wer die biblischen Texte dazu betrachtet, wird aber entdecken, dass mit dieser Anrede gerade nicht ein Machtverhältnis ausgedrückt werden soll, vielmehr das Bewusstsein, dass wir von Gott bedingungslos angenommen sind. Die Betrachtungen des Benediktinerpaters zum Begriff "Herz", der so oft und in so vielen Kontexten in der Bibel vorkommt, zeigen, dass es im Glauben um das Innerste des Menschen, um das Wesentliche geht, und dass unser Herz ebenso aus Liebe brennen muss und offen sein sollte, wie das Herz Gottes vor Liebe brennt und stets für uns offensteht. Wer Jesus als Quelle seines Lebens gefunden hat, kann dann auch für andere zu einer Quelle werden, andere Menschen zu Jesus führen. Beispiele sind für den Autor etwa die Sterndeuter, die aus Bethlehem wieder in ihr Land zurückkehren, aber "auf einem anderen Weg", sie werden nach der Begegnung mit dem Gotteskind zu Zeugen der Herrlichkeit Gottes; oder der gierige Zöllner Zachäus, der in der Begegnung mit Jesus eine Art vorweggenommenes reinigendes "Fegefeuer" erlebt und von diesem Moment an sein Leben ändern möchte, vom Nehmenden zum Geber wird. Schließlich gibt es mit der Kirche eine Gemeinschaft all derer, die Jesus begegnet sind und sich von ihm haben berufen lassen, am Reich Gottes in dieser Welt mitzuarbeiten. Wesensmerkmal dieser Kirche sind aber nicht Strukturen und Hierarchien, sondern die Feier der Sakramente, durch die Gottes Gegenwart und Barmherzigkeit sichtbar und erfahrbar werden. Überall erkennt Philipp Meyer diese Dynamik des Glaubens, die zwar unruhig macht, aber letztlich nicht beunruhigen muss, die zwar immer wieder auf die Suche gehen muss, aber auch immer wieder zurückfindet zu der Quelle des Lebens, die Jesus Christus ist. So wird sein Buch ein persönliches Glaubenszeugnis, das nicht zuletzt deshalb auch glaub-würdig ist, weil man sich auch selbst immer wieder in den beschriebenen Dynamiken wiederfinden kann. Und weil es dazu ermutigt, sich immer wieder neu auf den Weg der Nachfolge Jesu zu begeben.

Gott macht unruhig

Gott macht unruhig

Philipp Meyer
Herder

159 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 946550
ISBN 978-3-451-38621-3
9783451386213
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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April

Du nur du immer du

Beten fällt vielen Menschen schwer, weil es ins (scheinbar) Leere geht, ins Schweigen Gottes. Um Gottes Antwort zu erahnen, ist viel Aufmerksamkeit nötig. Aufmerksamkeit, die oft von der Rast- und Ruhelosigkeit des Alltags übersteuert Du nur du immer du wird. Deshalb drängt sich mit der Zeit die Frage auf, mit wem ich da rede? Mit Gott? Oder doch nur mit meinem Über-Ich? Dann und wann fehlen auch die Worte und Überdruss am eigenen Beten macht sich breit. Huub Oosterhuis' Gebete in dieser kleinen Sammlung spiegeln diese Erfahrungen - und nehmen sie auf. - "Du schweigst so tief in allen Sprachen / dass es sich anfühlt, als ob es dich nicht gibt. / Doch beten wir / ... Wende dich hin zu uns. / Wende uns einander zu." - Andere fassen die Verzweiflung über den Zustand unserer Welt in Worte: "Bist du Gott und nicht imstande, / Mord und Totschlag zu verhindern? / Warum gibst du uns die Freiheit, / anderen Leid zu bereiten?" Und sie finden zärtliche Worte für das eigene Unvermögen, ihm einfach zu vertrauen: "Der mich umwirbt, / den ich mir ferne hielt, / so lange es ging. / Der mich nicht zerrte, / nicht drängte, nur winkte / über deine Schwelle. / Der den Schleier meiner Angst / nicht fortriss, nur anhob. / Dessen Stimme allein / mich so berührte, / dass ich nachgab. / War von Gerüchten über dich gelähmt. / Jetzt ohne Ängste, / endlich erwarte ich dich." - Oosterhuis' Gebete zeichnet aus, dass sie in einer poetischen Sprache geschrieben sind, die ohne religiöse Formeln auskommt. Eine ganze Reihe sind frei nach Psalmen formuliert, andere beziehen sich auf Texte aus dem Alten und Neuen Testament. - Ergänzt werden diese Gebete durch eine kurze Abhandlung über das Beten heute. Wie lässt sich der alles Begreifen übersteigende Gott, von dem die Bibel zugleich erzählt, dass er ein Freund des Menschen ist, wie lässt sich dieser Gott heute ansprechen? Auch dieser Text geht auf die Erfahrung ein, dass Gebete oft verhallen. Beten heißt, so zitiert Oosterhuis die niederländische Dichterin Henriette Roland Holst (1869 - 1952), "langer Tragzeiten harren". Also Geduld zu haben. - Der Niederländer Huub Oosterhuis ist in Deutschland vor allem für seine Kirchenlieder bekannt ("Wer leben will wie Gott auf dieser Erde" oder "Ich steh' vor dir mit leeren Händen, Herr"). Die Gebete, die in diesem schmalen Band gesammelt sind, treffen den Nerv der Zeit, weil sie Mut machen, mit dem "unbegreiflichen, schweigenden Gott zu leben" und ihn immer wieder anzureden (Karl Rahner). Eine Inspiration für alle, die nach einer Auffrischung für ihr persönliches Gebetsleben suchen. (Religiöses Buch des Monats April)

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Du nur du immer du

Du nur du immer du

Huub Oosterhuis ; herausgegeben von Cornelis Kok
Patmos Verlag

93 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 600659
ISBN 978-3-8436-1203-6
9783843612036
ca. 10,00 € Preis ohne Gewähr
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats April


März

Ich denke an Sie

Die zunehmende Vereinsamung vieler Menschen in unserer modernen Gesellschaft ist ein Thema, das dem bekannten Benediktinerpater Notker Wolf in den letzten Jahren sehr häufig begegnet ist. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielschichtig, Ich denke an Sie die Auswirkungen auf die Betroffenen aber immer sehr belastend. Doch der langjährige Erzabt und Abtprimas ist überzeugt, dass man dagegen sehr wohl etwas unternehmen kann - und auch sollte! Denn schon im Schöpfungsbericht der Bibel stelle Gott schließlich fest: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Natürlich soll deshalb nun nicht jegliche Form des (zeitweiligen) Alleinseins diskreditiert werden - gerade als Ordensmann weiß Notker Wolf, dass es einerseits einen großen Unterschied gibt zwischen echter Einsamkeit und der bewussten Suche nach Phasen der Abgeschiedenheit, die jeder braucht, um immer wieder einmal zu sich selbst zurückzufinden, und dass andererseits auch die vielen Formen menschlicher Gemeinschaft nicht immer nur eitel Sonnenschein hervorbringen, übrigens auch im Kloster nicht. Als Ordensmann ist er sich aber ganz sicher: Wer in Gott geborgen ist, wird sich nicht dauerhaft einsam fühlen. Aus diesem Sich-in-Gott-geborgen-Wissen heraus erwächst jeder Christin und jedem Christen dann aber auch der Auftrag, sich jener anzunehmen, die unter der Einsamkeit leiden. Wer mithelfen will, die Vereinsamung zu überwinden, kann sich wirklich am besten am Beispiel Jesu orientieren. Jesus selbst musste wie kaum ein anderer die Erfahrung machen, alleine gelassen zu werden, am Ölberg wurde er sogar von den engsten Jüngern im Stich gelassen und verraten, am Kreuz erlebte er dann die völlige Verlassenheit, selbst noch vom Vater. In seinem Leben und Wirken hat Jesus dagegen immer wieder die größte Vereinsamung verzweifelter Menschen durchbrochen. Den vielen Wunderheilungen Jesu, von denen die Evangelien erzählen, wohnt nämlich stets auch eine soziale Konsequenz inne. Jesus wendet sich den Kranken, den Aussätzigen, den Sündern zu und durchbricht so ihre soziale Isolation. Und das sollten wir alle uns zum Vorbild nehmen, findet Notker Wolf. Er selbst hat im Lauf seines Lebens immer wieder die Erfahrung gemacht, dass bereits eine ganz schlichte Art der Zuwendung, etwa der Satz "Ich werde an Sie denken" oder die Versicherung, für jemanden zu beten, unglaublich hilfreich sein kann. "Wer an einen anderen denkt und ihm das auch sagt, der tut den Schritt auf ihn zu und reicht ihm eine Hand, die ihn aus der Einsamkeit herausführt." Und das können auch wirklich alle tun, denn "dafür braucht es keine Ausbildung, kein Studium, keine besonderen Charismen". In einer abwechslungsreichen Mischung aus Erinnerungen an selbst Erlebtes, Betrachtungen von Schriftstellen, Zitaten aus der Benediktsregel und praktischen Erfahrungen aus dem alltäglichen Klosterleben arbeitet Notker Wolf in mehreren Kapiteln eine ganze Reihe konkreter Beispiele heraus, wie eine solche Zuwendung aussehen kann: ein Krankenbesuch, verständnisvolles Zuhören, ein guter Rat, eine Einladung zur Tischgemeinschaft, eine Berührung, eine achtsame Geste, ein Gebet oder Segen - es gibt im Alltag eine Vielzahl an Möglichkeiten, Vereinsamung zu überwinden. Diese Möglichkeiten auch zu ergreifen, könnte man nun gut und gerne als ein Gebot der Nächstenliebe verstehen, doch Notker Wolf vertraut darauf, dass man dafür eigentlich niemanden in die Pflicht nehmen muss, er macht vielmehr unzweideutig klar: Wenn wir auf die Einsamkeit anderer Menschen achtsam werden und dagegen angehen, dann macht das nicht zuletzt auch uns selbst eine ungeheure Freude. Noch motivierender könnte man eine solche Ermutigung gar nicht formulieren. (Religiöses Buch des Monats März)

Ich denke an Sie

Ich denke an Sie

Notker Wolf
Herder

155 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 598896
ISBN 978-3-451-38530-8
9783451385308
ca. 16,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats März 2020


Februar

Gottes hauchdünnes Schweigen

Angesichts der anhaltenden Kirchen- und Glaubenskrise in Deutschland und weiten Teilen Westeuropas wird oft gefragt, wie denn heute von Gott die Rede sein müsse, damit die Menschen wieder Zugang zu ihm finden? Für Wilhelm Bruners, Gottes hauchdünnes Schweigen Priester in Mönchengladbach und geistlicher Schriftsteller, unterschätzt diese Herangehensweise Gott - und überschätzt die Rolle und die Möglichkeiten des Menschen. Als ob Gott nur da wäre, wo "wir" - die Christen - ihn hinbringen! Müsste man nicht umgekehrt fragen, wie Gott heute mit uns redet? "Wo und wie spricht Gott den heutigen Menschen an? ... Und wie artikuliert sich das Göttliche in und durch die heutige, aber immer schon plurale Welt?" Mit Blick auf Elijas Erlebnis am Horeb, dem Gott nicht in Sturm, Erdbeben oder Feuer begegnet, sondern in leisem Säuseln - Martin Buber übersetzt "verschwebendes Schweigen" -, erinnert Bruners daran, dass Gott ein Gott der leisen Töne ist, der sich ganz der menschlichen Sprache ausgeliefert hat bis in ihre Widersprüchlichkeit hinein und dabei offensichtlich in Kauf nimmt, überhört zu werden. Bruners ist überzeugt, dass Gott immer schon und überall "da" ist - dass es also nicht nötig ist, ihn erst zu den Menschen zu bringen, sondern dass die Christen neu lernen müssen, ihn im Alltag und in der Sprache der Menschen zu entdecken. "Dabei muss sich die ganze kirchliche Gemeinschaft fragen, in welcher Weise sich Gott heute dem Menschen sprachlich und in anderen Zeichen offenbart. Denn nur so kann ihr Sprechen einen Zugang zu den Herzen der Menschen finden. Gott ist jeder kirchlichen Sprache voraus." Dazu gehört dann allerdings auch die Bereitschaft, die Welt und das Alltägliche nicht als Gott-los abzuqualifizieren. "Die Bereitschaft ist nötig, die Sprachgeräusche der Welt nicht als Störung und Lärm zu hören." Stattdessen gelte es, Gottes Ansprache, sein Atemholen aus den Geräuschen der Welt "herauszufiltern". Dazu gehört zu allererst die Bereitschaft, zu hören. Auf das Wort Gottes und auf die alltäglichen Worte der Menschen - auf ihre Sehnsüchte, Ängste, Hoffnungen. Gott ist vornehmlich da zu finden, wo Kreuze aufgestellt sind, so Bruners. "Sie sind Hilferufe Gottes in unserer Zeit, die SOS-Botschaft in den Chaosfluten der heutigen Geschichte. Sie sind die 'Lieblingsverstecke' Gottes, in die der Jude Jesus mitzukommen uns einlädt." Mit einer wohltuend positiven (gleichwohl nicht unkritischen) Sicht auf die Welt und dem Vertrauen, dass Gott in allen Winkeln dieser Welt anzutreffen ist, legt Wilhelm Bruners Spuren aus, um Gottes hauchdünnes Schweigen wahrnehmen zu können - mit allen Sinnen. (Religiöses Buch des Monats Februar)

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Gottes hauchdünnes Schweigen

Gottes hauchdünnes Schweigen

Wilhelm Bruners
echter (2019)

Franziskanische Akzente ; 20
84 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 597113
ISBN 978-3-429-05380-2
9783429053802
ca. 8,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Januar 2020

Hört und versteht!

Der frühere Münchner Erzbischof ist überzeugt, dass wir den christlichen Glauben besser verstehen können, wenn wir uns immer wieder damit beschäftigen, was die Feste des Kirchenjahres eigentlich bedeuten. Sein neues Buch vereint Hört und versteht! darum seine Predigten aus den letzten sieben Jahren zu den kirchlichen Hochfesten Weihnachten, Ostern, Pfingsten und weiteren Festtagen. Zum Ende seines jahrzehntelangen priesterlichen und bischöflichen Wirkens hin entstanden, sind es gleichsam zur Quintessenz verdichtete Betrachtungen, die eine ungeheuer intensive Beschäftigung mit den Glaubensgeheimnissen durchscheinen lassen. Durch ein sehr genaues Hinschauen auf die Texte der Heiligen Schrift ergeben sich immer wieder überraschende Einsichten und neue Akzentuierungen, z.B. wenn Kardinal Wetter darauf hinweist, dass Jesus die Emmaus-Jünger, nachdem sie ihn am Brotbrechen erkannt haben, keineswegs wieder verlässt - sie sehen ihn zwar nicht mehr, er war aber ja mit ihnen hineingegangen, "um bei ihnen zu bleiben", und er bleibt tatsächlich bei ihnen: im gebrochenen Brot. Oder wenn Kardinal Wetter erläutert, weshalb im Markus-Evangelium gesagt wird, dass in Jesu Todesstunde der Vorhang im Tempel zerreißt. Denn darin wird offenbar, dass durch Jesu Hingabe für uns der Blick auf Gott frei geworden ist. Es ist beeindruckend, wie bescheiden sich der Autor in diesen biblischen Betrachtungen selbst ganz zurücknimmt, um in möglichst klaren Wörtern und einfachen Sätzen umso mehr die Botschaft in ihrer großen Tiefe wirken zu lassen. So können diese Meditationen wirklich das erreichen, was im Vorwort als ihr Zweck angeführt ist, sie können "Freude am Glauben wecken und uns bewusst werden lassen, aus welcher Quelle wir leben, wie reich uns Gott beschenkt und wohin der Pilgerweg unseres Lebens führt." Man wird dieses sehr schön und hochwertig gestaltete, dabei aber erstaunlich preisgünstige Buch im Jahreslauf immer wieder gerne zur Hand nehmen und großen Gewinn für das eigene Glaubensleben daraus ziehen.

Hört und versteht!

Hört und versteht!

Friedrich Kardinal Wetter
eos (2019)

207 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 941792
ISBN 978-3-8306-7974-5
9783830679745
ca. 14,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Dezember

Warten auf G.

Bei einem Aufenthalt in Tabgha am See Genezareth entschied sich Wunibald Müller, sich seinen Glaubenszweifeln zu stellen. Dafür war in den Jahren als Leiter des Recollectio-Hauses der Benediktiner in Münsterschwarzach kein Platz Warten auf G. in seinem Leben. "Warten auf G." ist ein Bericht über eine innere Reise, die Müller zunächst in eine tiefe Krise stürzte, dann aber zu neuer, größerer Gewissheit führte. Mit seinem sehr persönlich gehaltenen Reisebericht möchte er deshalb anderen Mut machen, sich ihren Zweifeln zu stellen. Müller rang mit seinen Vorstellungen von Gott und versuchte, beiseite zu schieben, was ihm nicht mehr hilfreich erschien. Das ging für ihn mit einer scharfen Distanzierung von der Kirche einher. Für seinen Geschmack weiß sie viel zu genau, wer und wie Gott ist und was Menschen tun müssen, um ihn zu erreichen. Doch: "Selbstverständlich gibt es Gott nicht". Jedenfalls nicht so selbstverständlich, wie die theologische und kirchliche Rede von Gott oft glauben machen möchte. Müller wandte sich nicht von der Kirche ab, wies ihr aber einen neuen Platz in seinem Leben zu. - Müllers "Bekenntnisse eines Suchenden" sind keine leichte, glatte Lektüre, schon gar nicht im Advent. Da stellt sie sich eher quer zur Wohlfühlatmosphäre, die sich durch Kerzenlicht, "Tannenzweigenduft" und die Rituale der Adventszeit einstellt. Andererseits: Wann, wenn nicht in dieser Zeit der Vorbereitung auf das Geburtstagsfest Jesu lässt sich besser über Gott nachdenken? Und angesichts der Einsprüche, die die Moderne gegen die Existenz Gottes und den christlichen Glauben erhebt, ist Müllers Reisebericht eine wertvolle, bereichernde Lektüre, die auf Dauer zu einem ganz persönlichen Weihnachten führen kann. (Religiöses Buch des Monats Dezember 2019)

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Warten auf G.

Warten auf G.

Wunibald Müller
echter (2019)

207 Seiten
kt.

MedienNr.: 598313
ISBN 978-3-429-05423-6
9783429054236
ca. 16,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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November

Credo

Die aktuellen Diskussionen um eine Kirchenreform könnten fast ein wenig in den Hintergrund drängen, dass sich in den wichtigsten Fragen des Glaubens nicht nur alle Katholiken, sondern sogar alle Christen weitgehend einig sind - und Credo seit vielen Jahrhunderten ein oder mehrere Glaubensbekenntnisse teilen. Allerdings müssen sich die Gläubigen die Aussagen eines Glaubensbekenntnisses immer wieder neu aneignen, sie tiefer verstehen und auf das eigene Leben beziehen. Der Passauer Bischof Stefan Oster hat zu diesem Zweck vor Jugendlichen und jungen Erwachsenen Vorträge gehalten, die den christlichen Glauben anhand des Apostolischen Glaubensbekenntnisses für uns heutige Menschen darstellen, daraus entstand dieses Buch. Bischof Oster betont dabei jedoch immer wieder, dass mit der Vermittlung von Glaubenswissen alleine noch nicht viel erreicht ist, denn man muss diese Einsichten dann auch wirklich glauben und das heißt in letzter Konsequenz: sie auch im eigenen Leben umsetzen und das eigene Leben dafür einsetzen. Entscheidend ist darum letztlich nicht der Was-Glaube, sondern der Wem-Glaube, das Vertrauen zu einem personalen Gott, wobei man, um dieses Vertrauen haben zu können, dann wiederum auch wissen muss, wem man da vertraut. In diesem Sinne werden nacheinander die einzelnen Abschnitte des Glaubensbekenntnisses untersucht und dargelegt, was das jeweils eigentlich bedeutet. Bischof Oster argumentiert in klaren Worten, er führt für seine Erklärungen der Glaubensinhalte nicht nur Schriftstellen und (möglichst einfach formulierte) philosophisch-theologische Überlegungen an, sondern versucht ganz oft auch, etwas durch Beispiele und Vergleiche anschaulich und verständlich werden zu lassen. Nicht zuletzt überzeugt die Leser/innen aber wohl die spürbare innere Beteiligung des Autors, der das persönliche Bekenntnis nicht scheut und offen spricht von der "Freude, sich von unserem Herrn geliebt zu wissen, an ihn zu glauben und mit ihm gehen zu dürfen".

Credo

Credo

Stefan Oster
Verlag Katholisches Bibelwerk (2019)

336 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 931064
ISBN 978-3-460-25603-3
9783460256033
ca. 22,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Oktober

Gott, ihr drei ...

Eigentlich müsste jeder Christ eine gute Beziehung zur Dreifaltigkeit haben. Immerhin beginnen wir jedes Gebet, jeden Gottesdienst "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Doch dürfte den meisten Christen Gott, ihr drei ... die Lehre vom einen Gott in drei Personen zwar bekannt sein, gleichzeitig erscheint sie aber zu abstrakt, als dass sie etwas mit dem religiösen Alltag zu tun haben könnte. Als Anrede im Gebet - "Gott, Ihr drei! Du, Vater - du Jesus - und du, Heiliger Geist ..." - ist sie schon gar nicht üblich und klingt fremd. Reinhard Körner, Karmelit und bekannter geistlicher Schriftsteller, bedauert das sehr - und wirbt in diesem Buch dafür, die Dreifaltigkeit ins persönliche religiöse Leben einzubeziehen. In Form eines Zwiegesprächs mit dem dreieinigen Gott und den Leser/innen berichtet er, wie er selbst die Dreifaltigkeit für sein Gebetsleben entdeckt hat. Das hat vor allem mit einer Ikone aus dem 15. Jh. zu tun, die in der Einbandklappe farbig abgedruckt ist. Der orthodoxe Mönch Andrej Rubljow hat darauf die drei Männer gemalt, die Abraham die Nachricht brachten, dass Sara doch noch ein Kind bekommen würde. Die drei sitzen um einen Tisch herum und wirken einander zugewandt - und zugleich laden sie den Betrachter ein, sich zu ihnen zu setzen. Ein Bild für die göttliche Gastfreundschaft, so jedenfalls empfindet es Körner. Durch diese Ikone begriff er, was es bedeutet, wenn von Gott als Gemeinschaft die Rede ist - und dass der Mensch - jeder Mensch! - dazugehört. "Wenn ihr Gemeinschaft seid, dann sind auch wir Gemeinschaft", schreibt er an die Dreifaltigkeit und an die Leser/innen gewandt. "Wenn ihr drei seid, dann bin auch ich einer von 'dreien'." Der Mensch steht - auch im Gebet - eben nie alleine vor dem dreieinen Gott, sondern ebenfalls in Gemeinschaft mit denen, die ihm nahestehen oder anvertraut sind. Für Körner bedeutet die Einbeziehung der Dreifaltigkeit ins persönliche Gebetsleben eine Erweiterung des eigenen spirituellen Horizonts. Nach wie vor bete er am häufigsten zu Jesus, schreibt er, weil Gott in ihm ein "Gesicht" bekommen habe. Ohne ihn könne niemand zu der Erkenntnis gelangen, dass Gott ein "Vater" ist, "ein Gott absoluter Barmherzigkeit und Liebe". Möglichst viele Menschen mit diesem Gott bekannt zu machen, sei daher die wichtigste Aufgabe der Christen. "Nicht um sie zu Kirchenmitgliedern machen zu wollen, sondern um ihnen Schwestern und Brüder auf dem Weg zu sein, den dein Abba [Vater] mit ihnen geht." Damit auch Menschen, die theologisch nicht so bewandert sind, das dazu notwendige Hintergrundwissen erhalten, erklärt er in einfachen, knappen Worten, wie das Bekenntnis zum dreieinen Gott in der frühen Christenheit entstanden ist und wie es in der Bibel begründet ist. Nach der Lektüre dieses schmalen, äußerlich eher unscheinbaren Buches ist die Dreifaltigkeit kein abstrakter theologischer Lehrsatz mehr. Vielmehr stellt sich das Gefühl ein, Gott dadurch etwas besser kennengelernt zu haben. Eine Bereicherung für das eigene Gebetsleben ist es noch dazu.

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Gott, ihr drei ...

Gott, ihr drei ...

Reinhard Körner
Benno-Verl.

79 S. : Ill.
kt.

MedienNr.: 596750
ISBN 978-3-7462-5363-3
9783746253633
ca. 8,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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September

Das Geheimnis des Galiläers

Nach dem großen Erfolg seines Buches "Der christliche Glaube erklärt in 50 Briefen" (BP/mp 18/718) mit Briefen an die zwar nicht echte, aber doch sehr lebensecht gezeichnete und sympathische Familie Westerkamp hat sich Das Geheimnis des Galiläers Gerhard Lohfink wieder den "interessierten Herrn Westerkamp" als Gesprächspartner gewählt, um diesmal mit ihm in einem sehr dichten fiktiven Dialog die wichtigsten Fragen über Jesus von Nazaret zu beleuchten. Denn was Herr Westerkamp nach seiner Taufe in theologischen Büchern über Jesus gelesen hat, konnte ihn in seinem Glauben nicht bestärken, es hat ihn vielmehr völlig verunsichert. Wer theologische Abhandlungen lese, bekomme den Eindruck, Jesus habe das, wovon die Evangelien berichten, niemals gesagt oder getan, alles sei im Grunde eine nachträgliche Erfindung einer christlichen Urgemeinde, beklagt sich Herr Westerkamp bei Gerhard Lohfink. Dieser beruhigt ihn jedoch: Dass in der Theologie als Wissenschaft alles angezweifelt werden kann, heißt noch lange nicht, dass man nun nichts mehr glauben dürfe und es nicht auch gute Gründe gebe, den Evangelisten zu vertrauen. Gemeinsam gehen sie die wichtigsten Fragen durch: Welche Jesus-Worte sind wohl authentisch und welche womöglich nachträgliche Zuschreibungen? Was ist an den Evangelien zuverlässiger historischer Bericht, was theologische Deutung des jeweiligen Evangelisten? Wie kann man den Sinn von Jesu Gleichnissen heute noch verstehen? Dabei erfährt Herr Westerkamp einiges für ihn Neue und zum Teil auch Überraschendes. Die Gesprächsform mit Verständnisrückfragen, Ergänzungen oder Einsprüchen eignet sich dabei wirklich besonders gut, um auch komplexere Sachverhalte und Hintergründe gut verständlich und sogar spannend und unterhaltsam zu präsentieren. Im Vorwort wünscht sich der Autor, sein Buch möge vielen Menschen helfen, dem Geheimnis Jesu näher zu kommen. Das Potential dazu hat es in jedem Fall. (Religiöses Buch des Monats September)

Das Geheimnis des Galiläers

Das Geheimnis des Galiläers

Gerhard Lohfink
Herder (2019)

278 S.
fest geb.

MedienNr.: 598888
ISBN 978-3-451-38270-3
9783451382703
ca. 28,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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August

Theater für Engel

Schaut man von außen auf den christliche Glauben, kann einem dieser schon vorkommen wie ein Grundstück, das von einer hohen Hecke umgeben ist. Der Betrachter kann nicht einschätzen, was sich hinter der Hecke verbirgt: ein verfallener Theater für Engel Schuppen - oder ein gepflegter Garten? Und wo wäre überhaupt das Gartentor? Der tschechische Theologe TomᚠHalík nimmt in diesem Buch die Heckenschere zur Hand und schneidet denen, die auf der Suche nach einem tragfähigen Glauben sind, einen Weg in diesen Garten frei. Er bezieht sich dabei auf einen Vorschlag, den Kardinal Ratzinger 2005 an "unsere ungläubigen Freunde" richtete. Wenn es ihnen nicht möglich sei den christlichen Glauben anzunehmen, könnten sie doch den Gedanken der Existenz Gottes als Möglichkeit annehmen und so leben, als ob es Gott gäbe. - Halík setzt sich kritisch zustimmend mit diesem Vorschlag auseinander. Er setzt dabei auf die Analogie zum Theater, wo sich ein Schauspieler ja auch intensiv mit einer Rolle auseinandersetzen muss. Erst wenn er eine Beziehung dazu gefunden hat, kann er (oder sie) diese Rolle überzeugend verkörpern. - In der Auseinandersetzung mit der Religionskritik (vor allem Nietzsche, Freud und Feuerbach) und mit dem Werk anderer Theologen (Dorothee Sölle, Gerhard Ebeling) versucht Halík einen Weg zu bahnen zu einem Glauben, der Gott als Möglichkeit begreift, der dem Glaubenden "einen Raum eröffnet, in dem er vollständig und verantwortlich in der Wahrheit und in der Freiheit leben kann." Gleichzeitig betont Halík das Geheimnis Gottes und warnt vor einfachen und einseitigen "Definitionen" Gottes. Gott gibt es nicht als "Billigware", sondern nur im Ringen zwischen der Bibel, der persönlichen Glaubenserfahrung und dem unfassbaren Geheimnis seiner Größe. - Damit jedoch ein Suchender den Garten betreten und Gott als Möglichkeit begreifen kann, muss noch eine andere Voraussetzung erfüllt sein, auf die Halík mehrfach zu sprechen kommt. Die Christen müssen den Suchenden "auf Augenhöhe" begegnen, nicht von oben herab (als solche, die den Glauben bereits "besitzen"), sondern als Pilger, die gleichfalls auf der Suche sind. Denn auch für den Christen bleibt Gott unerschöpfliches Geheimnis. - Wenn man lebt, als ob es Gott gäbe, überlegt Halík weiter, gilt es auch, das Gebet zu entdecken. Beten, sagt er, ist weitaus mehr als ein Gebet zu sprechen. Es bedeutet, das Leben selbst als einen Dialog zu leben, als Antwort auf die Anrede Gottes. "Das Gebet ist jedoch nicht nur eine 'Schule des Zuhörens', sondern auch des Antwortens, es ist auch und vor allem eine Schule der Verantwortung." - Was Halík auszeichnet, ist sein weiter Horizont, die Tatsache, dass er auch mit den "Atheisten" das Gespräch sucht und ihre Anfragen in die Entwicklung seiner Position einbezieht. Außerdem hat er die Gabe, theologische Gedankengänge auch für Nicht-Theologen verständlich darzulegen (auch wenn man ein gewisses Maß an Konzentration aufbringen muss). Mit seinem Buch ermutigt er Skeptiker und Menschen, deren Glaube unsicher geworden ist, durch das Gestrüpp der Glaubensvorstellungen und Widersprüche einzutreten und im "Theater für Engel" mitzuspielen. (Religiöses Buch des Monats August)

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Theater für Engel

Theater für Engel

TomᚠHalík
Herder (2019)

240 S.
fest geb.

MedienNr.: 597216
ISBN 978-3-451-38469-1
9783451384691
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Juli

Beten ist menschlich

Nur jeder fünfte Deutsche betet regelmäßig. Fast die Hälfte der Deutschen betet nie. So geben es jedenfalls die von Meinungsforschern Befragten selbst an. Der italienische Ordensmann Ermes Ronchi würde diese Aussagen aber wohl Beten ist menschlich anzweifeln. "Beten ist menschlich" heißt sein neues Buch, und tatsächlich hält er das Beten nicht nur für einen bewussten Akt religiöser Menschen, sondern für einen Grundvollzug des Menschseins überhaupt: "Beten ist der mehr oder weniger 'ausdrückliche' Wunsch, jemand möge das Verlangen, das dem Leben innewohnt, stillen". Das soll nun aber keine erschöpfende Definition des Betens sein - Beten ist nach Ronchis Überzeugung etwas derart "Umfassendes und Komplexes, dass eine systematische Abhandlung unmöglich ist". Sein Buch erzählt vielmehr von der Erfahrung, die Menschen mit dem Beten seit Jahrtausenden gemacht haben - nicht zuletzt natürlich Jesus selbst, der immer wieder zum Gebet auffordert und in zahlreichen Gleichnissen darüber spricht. Ronchi betrachtet ausführlich die Psalmen, das große Gebetbuch für Juden und Christen, er untersucht die verschiedenen Gebetsformen, von denen der Apostel Paulus schreibt, und zwei der großen Gebete des Evangeliums, Marias "Magnificat" und den Lobgesang des Zacharias. Er stellt fest, dass einige Dimensionen des Betens immer wiederkehren, sei es einzeln oder auch gleichzeitig. Zunächst ist da das Bitten aus einer reinen Bedürftigkeit heraus: für uns selbst in unseren konkreten Nöten, aber auch für Angehörige und Freunde oder für alle Kranken und Not-Leidenden. Es gibt aber auch ein tieferes sehnsüchtiges Verlangen: nach Liebe, Vergebung, Einheit, Frieden, nach allem was gut ist. Für Christen ist da natürlich auch der Wunsch nach Begegnung und Zusammensein mit dem persönlichen Gott, der sich uns in der Schrift und vor allem in seinem Sohn Jesus Christus geoffenbart hat. Und schließlich gibt es auch das Beten aus Dankbarkeit, das sich in Lobpreis und Anbetung äußert. Ronchi spart auch die großen Fragen, die sich beim Thema Beten stellen, nicht aus: Soll man im Gebet überhaupt bitten? Einerseits sagt Jesus doch, wir sollen nicht viele Worte machen - unser himmlischer Vater wisse schließlich schon, was wir brauchen. Andererseits enthält dann gerade das Vaterunser sieben Bitten. Für Ermes Ronchi kein Widerspruch: Jesus lehrt uns damit nämlich, vor allem um das Wesentliche zu bitten - sehr oft bitten wir in unseren Gebeten nämlich um viel zu wenig. Und was ist, wenn unsere Bitten nicht erhört werden? Ronchi antwortet auch hier auf überraschende Weise und meint, wir sollten zunächst einmal die Frage umdrehen: Hören wir denn Gottes Bitten? Letztlich geht es beim Beten vor allem um Vertrauen: Wir dürfen Gott um alles bitten, auch um konkrete Dinge, wir sollen es sogar tun, gleichzeitig sollen wir aber darauf vertrauen, dass Gott auch dann seine Verheißungen erfüllt, wenn er unsere konkreten Bitten nicht erhört. Und wir sollten bedenken, dass es für uns durchaus auch wertvoll sein kann, wenn nicht alle Bitten erhört werden: Gerade durch das Ausbleiben ihrer Erfüllung sorgen sie dafür, dass wir uns offenhalten für mehr, für etwas, das uns übersteigt, für Gott. Wem alle Wünsche erfüllt werden, der läuft dagegen Gefahr, hinter den einzelnen Gaben den Geber zu vergessen, der doch das Wichtigste und das Einzige ist, was wirklich dauerhaft Erfüllung zu geben vermag. Ermes Ronchi geht davon aus, dass Beten nicht nur etwas für die besonders Frommen ist, sondern ein Grundbedürfnis aller Menschen - und so richten sich auch seine Betrachtungen zum Gebet wirklich an alle, die mit Gott ins Gespräch kommen wollen. Wer sich noch kaum mit dem Thema auseinandergesetzt hat, wird überrascht sein, wie vielschichtig es sich hier präsentiert. Aber auch wer sich schon lange mit dem Thema Beten beschäftigt, wird hier noch Neues und Überraschendes finden. (Religiöses Buch des Monats Juli)

Beten ist menschlich

Beten ist menschlich

Ermes Ronchi
Verl. Neue Stadt (2019)

231 S.
fest geb.

MedienNr.: 597910
ISBN 978-3-7346-1185-8
9783734611858
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats Juli


Juni

Gott funktioniert nicht

Der Titel von Thomas Frings' Buch ist auf den ersten Blick missverständlich. Doch bei näherem Hinsehen stellt man fest, dass diese Doppeldeutigkeit durchaus gewollt ist und den Nerv der Zeit trifft. Wenn man z.B. auf die Umfrage Gott funktioniert nicht schaut, mit der das Nachrichtenmagazin Der Spiegel seine Leser*innen zu Ostern beglückte, könnte man den Titel "Gott funktioniert nicht" so verstehen, dass Gott keine überzeugende Idee ist, denn nur 55 Prozent der Befragten glauben überhaupt an (irgendeinen) Gott. Doch so meint Frings das gerade nicht. Nach "Aus, Amen - Ende?" (2017), in dem er die derzeitige pastorale Praxis scharf kritisierte, legt der ehemalige Pfarrer aus Münster jetzt dar, warum, was und wie er glaubt. Weil der Glaube an Jesus Christus in unserer Gesellschaft längst nur noch eine Option unter anderen ist, müsse er gut begründet sein, so Frings. Denn: "Wo der Glaube fragwürdig geworden ist, hilft es nicht, frühere Gewissheiten zu beschwören." Für seine Begründung hat er eine wohltuend alltagsnahe, handfeste Sprache gefunden, die Glauben und Zweifel nicht hinter frommen Worthülsen versteckt. Statt vermeintliche Gewissheiten zu referieren, erklärt er lieber, was Gott nicht ist. Zum Beispiel kein Gebetsautomat, in den man oben eine Bitte einwirft und unten wie bei einem Fahrkartenautomat eine Gebetserhörung herausbekommt. Gott funktioniert nicht - zumindest nicht so. Für Thomas Frings steht fest, dass Gott in dieser Welt wirkt, doch dieses Wirken lässt sich nicht so einfach beschreiben. "Wir können nicht erwarten, dass wir andere mit unserem Glauben oder gar Wundererzählungen logisch überzeugen", fasst er das Problem zusammen. "Zugleich müssen wir daran festhalten, dass etwas Unglaubliches Kern unseres Glaubens ist." Oder mit dem Theologen Karl Rahner gesprochen: Es geht darum, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten. Aber ist das nicht viel zu schwammig? An dieser und an einigen anderen Stellen wirkt der Text, als sei Frings auf halber Strecke stehen geblieben. Doch ist das nur konsequent. "Gott funktioniert nicht" heißt eben auch: Gott und sein Wirken entziehen sich dem menschlichen Wunsch nach Definition. "Gott ist nie Besitz, sondern immer ein zu Suchender, bis zum Ende des Lebens, an dem die Begegnung mit ihm auf mich wartet." Dass zum Glauben auch gehört, Nicht-Wissen auszuhalten, dass die Rede von Gott als Geheimnis nicht Denkfaulheit, sondern Einsicht in das Wesen Gottes ist, gehört (warum eigentlich?) offensichtlich nicht zum Allgemeinwissen. Thomas Frings hätte das auch noch deutlicher auf den Punkt bringen dürfen. Aber auch so verfehlt er seine Wirkung nicht und regt gerade an den Stellen, die unfertig wirken, dazu an, eine eigene Position zu suchen. Deshalb ist es ein Glück, dass Thomas Frings in seinem Buch in aller Bescheidenheit versucht, Rechenschaft von der Hoffnung zu geben, die ihn trägt - und dabei darauf verzichtet, alles genau zu wissen. Das macht es so lesenswert. (Religiöses Buch des Monats Juni)

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Gott funktioniert nicht

Gott funktioniert nicht

Thomas Frings
Herder (2019)

189 S.
fest geb.

MedienNr.: 597210
ISBN 978-3-451-38026-6
9783451380266
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats Juni


Mai

Durchkreuzt

Mit 54 Jahren ereilt den Jesuiten Andreas Batlogg aus heiterem Himmel die Diagnose Darmkrebs. Auf einen Schlag platzen alle Vorhaben, eine sofortige Behandlung ist unerlässlich, die Krankheit beansprucht alle Kräfte und alle Gedanken Durchkreuzt - bis hin zur bohrenden Frage, ob vielleicht der baldige Tod bevorsteht. Es folgt ein viele Monate dauernder Behandlungsweg mit Bestrahlungen, Chemotherapie, Operationen. Ein Weg voller Ängste, Einbußen und Einschränkungen, die nicht nur den Leib schwächen, sondern auch zu seelischen Belastungen werden. Der Autor beschönigt hier nichts, auch gibt er ganz offen zu, dass vieles eher oberflächlich gehaltene fromme Gerede auf dem Prüfstand einer solchen Extremsituation nicht standhält. Und doch öffnet ihm die Krankheit auch die Augen für Neues, lässt ihn neue Perspektiven einnehmen und zeigt, was wirklich Trost spenden kann: menschliche Zuwendung, die nicht viele Worte macht, echte Freundschaften und nicht zuletzt der Glaube an einen liebenden Gott, der in Jesus Christus wirklich immer für uns da ist. Diese spirituelle Einsicht gewinnt freilich erst durch die durchlittene Realität hindurch ihre eigentliche Wahrheit. "Vielleicht reden wir Christen manchmal zu schnell von Auferstehung - und übergehen auf dem Weg zum Ostermorgen das, was ihm vorausging", schreibt Batlogg. Wirklich schonungslos schildert der Jesuit die Verletzlichkeit seines Leibes wie seiner Seele - und öffnet uns dadurch die Augen für unsere eigene Verletzlichkeit (und die unserer Mitmenschen). Gerade in der freimütigen Darstellung, die kein schlimmes Detail ausspart, geschieht eine befreiende und bereichernde Mit-Teilung von Krankheit und Leiden, die uns Leser/innen zu größerer Empathie gegenüber Kranken wie zum wacheren Bewusstsein der eigenen Endlichkeit befähigt, Ängste vor Leiden und Sterblichkeit zumindest ein Stück weit abbauen hilft, Trost und Ermutigung sein kann und ein gelassen und frei machendes Gottvertrauen vermittelt. (Religiöses Buch des Monats Mai)

Durchkreuzt

Durchkreuzt

Andreas R. Batlogg
Tyrolia-Verl. (2019)

192 S. : Ill. (z.T. farb.)
fest geb.

MedienNr.: 596903
ISBN 978-3-7022-3745-5
9783702237455
ca. 19,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re, Fa
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Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats Mai


April

Das Christentum

Kann man das machen? Ein Buch empfehlen, das das Christentum mit sehr deutlichen Worten in den Senkel stellt? "Die Geschichte des Christentums ist eine große Geschichte des Scheiterns, des Verrats und des Herumtrampelns auf der Das Christentum eigenen Botschaft. Es ist eine Geschichte der ewigen Vermischung menschlicher Interessen mit denen Gottes, und es ist eine Geschichte der Instrumentalisierung des Glaubens für Macht, Herrschaft und Besitz." Ja, man kann so eine Empfehlung aussprechen. Vielleicht muss man das sogar, um zu verstehen, wie das Christentum wurde, was es heute ist - und wie es in Zukunft damit weitergehen könnte. - Außerdem lässt Christian Nürnberger - Journalist, Theologe und Autor ("Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten", ebenfalls bei Gabriel erschienen) - keinen Zweifel daran, dass es auch die andere Seite des Christentums gibt - und dass es der Welt nicht gut bekommen würde, wenn es Kirche und Christentum eines Tages nicht mehr gäbe. - Deshalb hat Nürnberger aufgeschrieben, was er für das Wesentliche des Christentums hält. Er fängt bei Abraham an und schildert die Glaubensgeschichte von Juden und Christen als Geschichte des Versuchs Gottes, den Hang des Menschen zu Egoismus, Clandenken, Gewalt und Selbstzerstörung zu durchbrechen und ihn für eine Lebens- und Gesellschaftsform zu gewinnen, die Jesus zuletzt "Reich Gottes" genannt hat. Es ist eine Geschichte wiederholten Scheiterns und wiederholter Aufbrüche. - Nürnbergers mitreißende Schilderung dieser Glaubensgeschichte bietet einige Überraschungen. Zu nennen wäre z.B., dass er einen Zusammenhang herstellt zwischen Isaaks Beinahe-Opferung und der Bergpredigt, oder dass er den unschätzbaren Wert der jüdisch-christlichen Rede von der Sünde betont, weil der Mensch auf Dauer nur überleben wird, wenn er sich selbst klar sieht - und sich dabei nichts vormacht. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass die Pointe des christlichen Glaubens gerade in dem steckt, was ihn von allen anderen Religionen unterscheidet. Nürnberger liefert dann keine Definitionen des unterscheidend Christlichen, sondern Geschichten. Zum Beispiel die von Pfarrer Holmer, der 1990 dem Ehepaar Honecker in seinem Pfarrhaus Asyl bot. Oder die von der Schriftstellerin Herta Müller, die sich weigerte, mit der Securitate zusammenzuarbeiten. Oder die vom Barmherzigen Samariter. - Nürnberger erzählt auf Augenhöhe mit den Zweiflern und religiös nicht mehr trittfesten Zeitgenossen. Geschickt greift er Einwände gegen die Vernünftigkeit des christlichen Glaubens auf und schlägt Brücken von unserer in die fremde Welt der Bibel. Dabei kommt er ohne die gängigen theologischen Floskeln und Fremdwörter aus. Sein Buch bietet Jugendlichen (ab 14, 15 Jahren) und Erwachsenen jede Menge Stoff zum Nachdenken, Gedanken, an denen man sich reiben und seine eigenen Überzeugungen prüfen kann. Ein Buch, das nachhallt und hoffentlich viele Leser*innen findet!

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Das Christentum

Das Christentum

Christian Nürnberger
Gabriel (2019)

335 S.
fest geb.

MedienNr.: 596810
ISBN 978-3-522-30514-3
9783522305143
ca. 15,00 € Preis ohne Gewähr

Borromäus-Altersempfehlung: ab 13
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats April


März

Zeit der liebenden Aufmerksamkeit

Auch ohne religiöse Motivation unterziehen sich viele im Frühjahr einer Fastenkur. Allerdings geht es bei der Fastenzeit, die von der Kirche "österliche Bußzeit" genannt wird, eigentlich um viel mehr als bloß um einen Zeit der liebenden Aufmerksamkeit - wie auch immer motivierten - zeitweisen Verzicht. Der Titel, den Kardinal Schönborn seinem "Begleiter für die Fasten- und Osterzeit" gegeben hat, bringt das sehr schön zum Ausdruck: Die Fastenzeit soll vor allem zu einer "Zeit der liebenden Aufmerksamkeit" werden. Schönborn vergleicht die Zeit vor Ostern mit dem Emmausweg der beiden Jünger im Lukasevangelium: Jedes Jahr wieder dürfen auch wir mit dem Herrn auf dem Weg sein und uns von ihm erklären lassen, warum der Messias leiden musste, um in seine Herrlichkeit zu gelangen. Die Beschäftigung mit der Heiligen Schrift ist deshalb ein wesentliches Merkmal der Fasten- und Osterzeit, und auch wenn wir die Texte schon oft gehört haben, dürfen wir jedes Jahr wieder neu Kraft und Einsicht daraus schöpfen. Und tatsächlich werden selbst mit der Bibellektüre vertraute Leser/innen in diesem Buch sicherlich auch neue Sichtweisen auf die bekannten Texte entdecken. Das Buch bietet Betrachtungen zu den Sonntags-Evangelien von der Fastenzeit bis Pfingsten für alle drei Lesejahre, so dass der Fastenbegleiter zum einen jedes Jahr aktuell ist und andererseits auch eine größere Vertiefung erlaubt. Kardinal Schönborns Auslegungen des Evangeliums sind keine theologischen Reflexionen, vielmehr lebensnahe Betrachtungen. Auch sind es ursprünglich keine Predigten, sondern Beiträge für Österreichs größte Tageszeitung, sie richten sich also nicht ausschließlich an Kirchgänger/innen, sondern im Grunde an alle. Und es sollen auch nicht Unterweisungen im Glaubenswissen sein, sondern Ermutigungen, die Worte des Evangeliums persönlich zu betrachten. Wer dieser Einladung folgt, wird in jedem Fall Gewinn daraus ziehen. (Religiöses Buch des Monats März)

Zeit der liebenden Aufmerksamkeit

Zeit der liebenden Aufmerksamkeit

Christoph Kardinal Schönborn
Patmos (2019)

223 S.
fest geb.

MedienNr.: 914953
ISBN 978-3-8436-1120-6
9783843611206
ca. 19,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Februar

Wenn der Glaube konkret wird

"Ihr seid das Salz der Erde", sagt Jesus in der Bergpredigt. Und im gleichen Atemzug: "Ihr seid das Licht der Welt". Doch könnte man angesichts anhaltender Diskussionen um Macht und deren Missbrauch, um Priestermangel Wenn der Glaube konkret wird und dessen Verwaltung, um Reformen oder weiter so durchaus den Eindruck bekommen, dass es mit Licht und Salz in der katholischen Kirche in Deutschland im Moment nicht weit her zu sein scheint. Genau deshalb erinnert Franz Kamphaus, bis 2007 Bischof von Limburg, an die Bergpredigt als Grundgesetz des Christentums. Warum, fragt er, steht sie nicht im Mittelpunkt allen kirchlichen Wirkens, wenn sie doch den Dreh- und Angelpunkt der Botschaft Jesu vom Reich Gottes bildet? Müsste die Reich-Gottes-Botschaft, für die Jesus den Tod in Kauf genommen hat, nicht im Mittelpunkt des jetzt fälligen Neuaufbruchs stehen? - Kamphaus hört genau hin, was Jesus in den Seligpreisungen und in den Antithesen (Ihr habt gehört ¿ Ich aber sage euch ¿) sagt über Gerechtigkeit, Mord und die Ehe - und was das für Christen heute bedeutet. Dabei entschärft er nichts. Jesu Forderungen, Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten und die Feinde zu lieben, sind dabei sicher diejenigen, die am schwersten verdaulich sind. Dennoch dürfen sich die Christen nicht um deren Verwirklichung drücken, wie es in der Vergangenheit immer wieder geschehen sei. Jesus gehe es darum, die Vergeltungslogik (Wie du mir, so ich dir) zu durchbrechen. "Die Bösen und Ungerechten schreiben Gott nicht vor, wie er sich zu verhalten hat. Gottes Handeln ist nicht vom Prinzip der Gegenseitigkeit bestimmt. Nicht das Handeln des Feindes soll uns bestimmen, sondern das Handeln Gottes." Also: Wie Gott mir, so ich dir. - Zum entscheidend Christlichen - dem Kennzeichen C sozusagen - gehört außerdem, sanft, arm und barmherzig zu sein. Diese Grundhaltungen ergeben sich, so Kamphaus, aus den Seligpreisungen. Sie sind auf den ersten Blick vielleicht nicht gerade attraktiv, stehen sie doch in deutlichem Kontrast zu den Werten unserer Leistungs- und Konsumgesellschaft, können aber enorme Strahlkraft entfalten. Denn sie zeigen, was es heißt, unter der Herrschaft Gottes zu leben, sich für das Reich Gottes zu entscheiden und es mit Leben zu füllen. - Diese Auslegung der Bergpredigt ist die Frucht einer lebenslangen Auseinander-setzung mit diesem Text. Abschnitt für Abschnitt macht Kamphaus sie in knappen, klaren Worten für die Welt von heute fruchtbar und ermuntert die Leser/innen, gerade das ernst zu nehmen, was daran utopisch scheint. Es genügt eben nicht, dass das Reich Gottes nur in der Seele der Menschen wächst, es muss nach außen wirken. Dabei helfen auch die "Anstöße" am Ende eines jeden Kapitels, die das Gesagte für die persönliche Auseinandersetzung zusammenfassen. - Wichtig ist dem Autor allerdings, dass nicht der Eindruck von Leistungszwang entsteht. Das wäre auch nicht im Sinne Jesu. Wenn dieser seine Zuhörer durch die Zeiten als "Salz der Erde" und "Licht der Welt" bezeichnet, verwendet er den Indikativ. Es ist also gerade keine Aufforderung, sondern eine Feststellung: "Ihr seid". "Salz muss nur da sein, das reicht", kommentiert Kamphaus. "Und wenn es da ist, würzt es auch. Wo wir da sind als Christen, da geben wir Geschmack." - Kamphaus' Buch hilft, den eigenen Salzgehalt nicht zu vergessen, und ermutigt dazu, Jesus beim Wort zu nehmen und die christlichen Grundhaltungen zu leben.

Christoph Holzapfel

Christoph Holzapfel

rezensiert für den Borromäusverein.

Wenn der Glaube konkret wird

Wenn der Glaube konkret wird

Franz Kamphaus
Patmos-Verl. (2018)

144 S.
fest geb.

MedienNr.: 593284
ISBN 978-3-8436-1034-6
9783843610346
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

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Januar

Weiß der Himmel ...?

"Wie ich über die Frage nach Leben und Tod stolperte und plötzlich in der Kirche saß" - mit diesem Untertitel erklärt Tillmann Prüfer sehr anschaulich, was ihn zu diesem Buch veranlasste. Der sehr erfolgreiche Journalist, Weiß der Himmel ...? Anfang 40, lebt mit seiner Familie ein glückliches, unbeschwertes Leben, als ihn der plötzliche Tod seines besten Freundes aus all seinen Sicherheiten reißt. Er spürt einerseits den ganz starken Wunsch, glauben zu können - an eine "Macht, die den Dingen Sinn gibt, auch den schrecklichen Dingen." Andererseits hat er sich vom religiösen Glauben seiner Kindertage längst ganz weit entfernt. Und in seiner Alltagswelt als Modekritiker bei einem Zeitungs-Magazin findet seine Sehnsucht nach Glauben kaum einen Ansatzpunkt. Tillmann Prüfer begibt sich also auf eine Suche nach Möglichkeiten, den Glauben vielleicht doch auch für sich selbst finden zu können. Er schildert in diesem Buch seinen Weg, der ihn langsam und nicht immer in der erwarteten Weise, aber doch immer näher hinführt zu der Faszination, die der Glaube für einen Menschen bedeuten kann. Von ersten Besuchen in der Kirche zum Gottesdienst über einen Aufenthalt in einem Südtiroler Kapuzinerkloster bis zu einer Israelreise. Es ist ein Weg, der am Ende des Buches noch lange nicht zu Ende ist - und sicherlich auch ein ganzes Leben lang nicht an ein Ende kommen wird, bleiben manche Zweifel doch ein lebenslanger Begleiter für jeden Glaubenden, wie Prüfer nach einiger Zeit mit einer gewissen Erleichterung feststellt. Und auch wenn der Glaube nicht bewiesen werden kann, sprechen doch ebenso gute Argumente für ihn wie gegen ihn - so fasst Tillmann Prüfer am Schluss des Buches "zehn gute Gründe für den Glauben" zusammen, die schließlich in der Alternative gipfeln: Es gibt nur den Sinn oder die Sinnlosigkeit. Bei allem Tiefgang ist das sehr persönliche und mutige Buch auch humorvoll geschrieben, dazu - wie man es von einem Journalisten erwarten darf - auch äußerst lebendig, spannend und unterhaltsam, sodass es zweifellos ganz viele Leser/innen anzusprechen vermag.

Weiß der Himmel ...?

Weiß der Himmel ...?

Tillmann Prüfer
Gütersloher Verl.-Haus (2018)

188 S.
fest geb.

MedienNr.: 896867
ISBN 978-3-579-08706-1
9783579087061
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Re
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Titel der Ausgabe:
Auszeichnung: Religiöses Buch des Monats

Das Video zum Religiösen Buch des Monats Januar