"Literatur überwindet alle Grenzen"

Die 29. Preisverleihung des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises 2018 fand am 24. Mai im Bonner "Haus der Geschichte" statt. Vor Ort waren die US-amerikanische Autorin Lauren Wolk, die für ihr Werk "Das Jahr, in dem ich lügen lernte" (Carl Hanser Verlag) den diesjährigen Preis verliehen bekommen hat, und ihre Übersetzerin Birgitt Kollmann. - Ein Bericht von Antje Ehmann
 

In Bonn angekommen, am schönen Rheinufer entlang, vorbei an historisch so wichtigen Orten wie der Villa Hammerschmidt, dem Palais Schaumburg und dem Adenauerdenkmal, schon steht man vor dem architektonisch beeindruckenden "Haus der Geschichte". Tag für Tag Ziel unzähliger Schulklassen, wie der freundliche Aufseher erzählt, bietet es an diesem Abend den würdigen Rahmen für einen ausgezeichneten Roman, der die Leser*Innen auch in vergangene Zeiten entführt.

 

„Die Farm, die meiner Familie schon seit dem Unabhängigkeitskrieg gehört, hat mich dazu inspiriert, diese Geschichte zu schreiben“, so Lauren Wolk. Sie geht in der Zeit zurück Lauren Wolk, Autorin bis 1943 und braucht eigenen Aussagen zufolge nur einen Ort und die Figuren, um mit dem Schreiben beginnen zu können.


Die auf der Halbinsel Cape Cod lebende US-Amerikanerin behauptet von sich, ein Meermensch zu sein und hat den historischen Roman ohne bestimmte Zielgruppe im Kopf geschrieben. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Lauren Wolk gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Deutschland geflogen. Es ist eine große Ehre und eine besondere Reise für sie, wie sie sagt, stammt doch ihre Urgroßmutter aus Österreich und ihr Vater aus Deutschland. Von der Stadt Bonn, der Ruhe, den wundervollen Rosen und dem herzlichen Empfang begeistert, gibt sie dem Publikum einen Abend lang die Möglichkeit, den Menschen hinter der Geschichte zu sehen – ob im Gespräch, bei der Lesung oder bei ihrer klugen Danksagung.

So erleben über 150 literarisch interessierte Menschen im vollgefüllten Veranstaltungssaal einen denkwürdigen Abend in festlichem Rahmen. Ute Wegmann, Journalistin aus Köln, führt souverän, charmant und humorvoll durch den abwechslungsreichen Abend. Ein versierter Simultanübersetzer sorgt für das Verständnis von Lauren Wolk. Das Publikum durfte der Autorin zum Glück auch auf Englisch zuhören und beim anschließenden Empfang Hickorynusskuchen kosten.

 

Preisverleihung 2018 im Haus der Geschichte in Bonn: Weihbischof Robert Brahm, Birgitt Kollmann, Lauren Wolk und Bischof Dr. Gebhard Fürst (v.li.)

Doch der Reihe nach: Der Vorsitzende der publizistischen Kommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Gebhard Fürst, spricht sein Grußwort, und sagt an einer Stelle: „Das Buch ist kein leichter Tobak. Rückblickend erzählt Annabelle von Betty und davon, dass ihre bisherigen Lebensstrategien scheitern. Eine Geschichte aus dem letzten Jahrhundert auf einem anderen Kontinent, in der zwei Menschen das Leben verlieren. Was ist wichtig? Was ist das Gute? Darum geht es und um die Liebe und den Rückhalt ihrer Familie, die Annabelle stärkt während und nach den erschütternden Ereignissen.“

Birgitt Birgitt Kollmann, Übersetzerin Kollmann, die bereits zum zweiten Mal ausgezeichnet wurde, sagt: „Mehr noch als das Preisgeld freut mich die wunderschöne kleine Skulptur einer Lesenden. Die erste steht seit nunmehr 10 Jahren immer vor mir auf dem Schreibtisch, wenn ich übersetze und nun kann ich jeder Tochter eine vererben.“ Worauf sie bei dieser Übersetzungsarbeit geachtet hat, formuliert sie so: „Für die elfjährige Annabelle brauchte ich eine einerseits noch kindliche, andererseits schon kluge Stimme. Das galt zumindest für die Dialoge. Der Einsiedler Toby hingegen ist anfangs sehr wortkarg, was im Englischen leichter wiederzugeben ist, taut aber in Kontakt mit Annabelle etwas auf. Entsprechend ändert sich seine Sprache.“

Eine Jury bestehend aus neun Juror*Innen, darunter Bettina Kraemer aus dem Borromäusverein und der Vorsitzende der Jury, Weihbischof Robert Brahm (Trier), hat den bisherigen Einreichungsrekord von 280 Titel aus 76 Verlagen geprüft, ein beeindruckendes Werk prämiert sowie eine starke Empfehlungsliste zusammengestellt. Heidi Lexe, Jurymitglied seit 2010, sagt dazu: „Sich dem kindlichen Daseinsernst auf so außergewöhnlich witzige und sprachlich lakonische Weise wie in "Pferd Pferd Tiger Tiger" anzunähern, ist im Bereich der Kinderliteratur eine Besonderheit. Aber auch der Jugendroman von Angie Thomas markiert für mich eine Besonderheit. Einen Roman über Rassengewalt nicht mit pädagogischem Impetus, sondern aus der Black-Community heraus zu schreiben, finde ich eine echte Neuerung und Bereicherung der Jugendliteratur.“

Zu Ihren Erfahrungen mit der Juryarbeit befragt, antwortet die ausgewiesene Expertin: „Lesen kann ein sehr einsames Geschäft sein. Daher ist es schlicht toll, mit anderen über die Lektüre sprechen zu können. Zu hören, was andere "herausgelesen" haben, welche Kontexte sie hergestellt und welche Zusammenhänge sie erkannt haben.“

 

Ein ausdrücklicher Dank gilt allen ehrenamtlichen Mitarbeiter*Innen der katholischen öffentlichen Büchereien. Lauren Wolk unterstreicht ebenso die Bedeutung von Lehrern, Bibliothekaren und Buchhändlerinnen, die solche Bücher zu den Leser*Innen bringen. „Sie haben verstanden, dass die Literatur ebenso wie die anderen Kunstformen zu unseren größten Errungenschaften zählen und dass auf ihnen unsere größte Hoffnung für eine leuchtende Zukunft beruht.“ So ist es eindringlich im Nachwort zu "Eine Insel zwischen Himmel und Meer" zu lesen, dem zweiten Roman von Lauren Wolk, der in deutscher Übersetzung von Birgitt Kollmann vorliegt. "Das Jahr, in dem ich lügen lernte" erscheint im Dezember zusätzlich in der Taschenbuchausgabe bei dtv/Reihe Hanser. Ein weiteres Buch, das in der Wüste von Arizona spielt, hat Lauren Wolk bereits abgeschlossen. Man darf also gespannt sein, wann es auf Deutsch erscheint und welche Preise es für dieses sicher auch wieder herausragende Werk geben wird!

Damit auch die Bücher der Empfehlungsliste nicht zu kurz kommen, gab es am Freitag im Anschluss an die Preisverleihung zusätzlich für alle literarisch Interessierten eine Veranstaltung mit dem Titel "Was Gummienten, Tiefseequallen und Meerjungfrauen gemeinsam haben?! Neues und Prämiertes aus der Kinder- und Jugendliteratur." (Bericht siehe hier) Jurymitglied Anna Winkler-Bender war mit dabei:

Als sehr stimmungsvollen Einstieg hat Laudatorin Susan Kreller die Kurzgeschichte "Hundert" vorgelesen“, so Winkler-Bender. Mitglieder der Jury stellen thematisch sortiert die Titel der Empfehlungsliste vor. Es geht um viele, ganz unterschiedliche Themen: politischen Widerstand im Jugendbuch, Demenz oder um die Geschichte einer Flucht in fotografierten Steinszenerien erzählt. Ästhetisch herausragende Bilderbücher sind auch mit dabei. So geht es in "Haselnusstage" beispielsweise um einen Sohn, der seinen Vater im Gefängnis besucht.

Ebenso wie für das Publikum ist es auch für die Jury sehr bereichernd, die Preisträgerin persönlich kennenzulernen. Dafür bietet eine Preisverleihung stets einen passenden Rahmen und belohnt für die ehrenamtliche Arbeit. „Am meisten beeindruckt hat mich die enorme Präsenz von Wolk. Sie spricht wie sie schreibt: auf den Punkt, sehr klar und ist sich ihrer Worte bewusst. "Moving, honest, dear" waren die Worte, die sie gewählt hat, um "Wolf Hollow" in drei Worten zu beschreiben. Damit könnte man auch den Abend und ihr Auftreten beschreiben. Man merkt, dass sie etwas zu sagen hat,“ so Anna Winkler-Benders noch.

Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis feiert übrigens im nächsten Jahr Jubiläum. 1977 ins Leben gerufen, nachdem Willi Fährmann ein paar Jahre vorher den gedanklichen Anstoß dazu gegeben hatte, wird er dann bereits zum 30. Mal ausgeschrieben und verliehen.

Antje Ehmann
Juni 2018
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