Körper, Krankheit, Alter und Krankenhaus im aktuellen Kinderbuch

Kinder entdecken ihren Körper, machen mal mehr und mal weniger Erfahrungen mit Kinderärzten und Krankenhäusern und erleben vielleicht mit ihren Eltern oder Großeltern, was es bedeutet, wenn Alter oder psychische Krankheiten den Alltag belasten. - Antje Ehmann hat sich für den Borromäusverein auf die Suche nach aktuellen, empfehlenswerten Titeln für Kinder bis 10 Jahren gemacht, die literarisches Vergnügen und zugleich Möglichkeiten zum heilenden Gespräch bieten. Nicht nur für Krankenhausbüchereien geeignet!


Ein Mitmachbuch hält man mit „Schau in deinen Körper“ buchstäblich in den Händen, weil es wie eine Art Röntgenbild von oben nach unten vom Kind vor den eigenen Körper gehalten werden kann. Rechts und links gibt es Griffe und die aufgeklappten Doppelseiten zeigen nach und nach Schädel, Gehirn, Lunge, Herz, Brustkorb und noch viel mehr bis zu den Füßen. Felicitas Horstschäfer und Johannes Vogt sind für das Konzept, die Illustration, den Text und die Grafik verantwortlich und ihnen ist ein überzeugendes Werk gelungen. „Wir haben an einem anderen Buchprojekt zum Thema Körper gearbeitet, als uns die Idee kam, dass es toll wäre, ein Buch zu haben, in dem man in den Körper hineinschauen und das Körperinnere in Originalgröße sehen kann.“, erinnert sich Horstschäfer. Der Text ist exakt und anschaulich und die Impulse, den eigenen Körper zu erkunden, hilfreich und spannend. „Das Herz schlägt ohne Pause. Es pumpt Blut durch deinen Körper.“ ist da zu lesen.

Das mit dem Blut beschäftigt auch die Hauptfigur in Stina Wirséns Bilderbuch „Wer blutet denn da?". Im schwedischen Original bereits 2006 erscheinen ist Verlegerin Monika Osberghaus ausgesprochen glücklich, die Bände nun in ihrem Haus zu verlegen. Alle Tiere werkeln kräftig vor sich hin - und es kommt, wie es kommen muss - Katze verletzt sich mit der Säge am Bein. „Guck mal! Da kommt Blut! Ganz viel Blut! - Vogel! Hol ein Pflaster!“  - und dann trifft es auch noch den Vogel - ebenfalls Blut. Ein Verband muss her. Die Künstlerin lässt sich von Kinderzeichnungen inspirieren. Sie schraffiert, arbeitet schwungvoll, teils krickelig, bleibt dabei stets sehr offen und direkt und verwendet für Wusel und seine Freunde viele verschiedene Stifte: Textmarker, Tinte, Bleistift und Buntstift. 

 

Bei den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen gibt es auch fragwürdige Zeichentests, hier nun bei Lea-Marie Erl und Catharina Westphal geht es um die beiden Kinder Lea und Max, die beide einen Termin haben. „Heute gehe ich zum Kinderarzt“ ist ein stabiles Pappbilderbuch mit seitlich herausziehbaren Schiebern. Realitätsnah und in diesem Fall mit einer weiblichen Hauptfigur - Frau Dr. Knoll. Bis auf die Tatsache, dass sich das nicht im Titel wiederspiegelt, ist die Geschichte informativ und gut erzählt. „Ich ertappe mich manchmal dabei, dass ich während ich ein Gesicht zeichne den Gesichtsausdruck unbewusst selbst nachmache“, so die Illustratorin. Alle ihre Zeichnungen sind zunächst einfarbig bzw. schwarz-weiße Skizzen. Körper- sowie Handhaltungen probiert Catharina Westphal auch oft aus. Das merkt man ihren Illustrationen an – egal, ob eine Mutter ihr Kind stillt oder Max den Mund ganz weit auf macht.

Nicht der Hals, sondern der Arm ist das Problem in „Die Kranken-hausbande“ von Stephanie Schneider und Lena Ellermann. „Ich selbst war als Kind sehr häufig im Krankenhaus und weiß, dass man in diesem Alter viele Vorgänge nicht versteht“, so die Autorin. Das Staubsaugerkabel wird Ole zum Verhängnis. Oles Papa beschließt, schnell ins Krankenhaus zu fahren. Der Arm sieht leider überhaupt nicht gut aus! „Eine Kindergeschichte kann dabei helfen, solche Situationen kennenzulernen. Ich habe vorher gründlich recherchiert, welche Arten von Brüchen auf welche Art und Weise behandelt und versorgt werden“, so Schneider weiter. Von und mit Joschi, Ole und Willi gibt es noch einen Band in der Reihe Tulipan ABC. Schneider ist eine versierte Autorin, die lebendig und kurzweilig erzählen kann – ob im Pappbilderbuch oder im Erstlesebuch.

In „Meine Mutter, die Fee“ sind leider weder Vater noch Mutter besonders gut in der Lage, das Mädchen zu versorgen und zu unterstützen. Nikola Huppertz haben zwei gedankliche Impulse zu dieser Geschichte gebracht. Die eigene persönliche Erfahrung als Kind mit der phasenweise depressiven Mutter und die Beschäftigung mit Mythen und Märchen mit den Wesen, die sich zurückziehen, um sich selbst zu begegnen. Tobias Krejtschi illustriert sensibel und ausdrucksstark. Man spürt im Text und auch in der Darstellung, dass die Frau und Mutter nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Die Körperhaltungen und die traurigen Blicke der Eltern sind so aussagekräftig, dass sich der Inhalt durch bloßes Betrachten vermittelt. „Die Thematik erfordert von den Erwachsenen Offenheit und die Bereitschaft, die Traurigkeit aufzufangen. Das Bilderbuch kann dabei helfen, über Dinge zu sprechen, die immer noch mit einem Tabu belegt sind und dadurch doppelt belasten“, sagt die Autorin. Zu Recht hat es das Bilderbuch auf die diesjährige Empfehlungsliste des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises geschafft.

 

Bei „Opa Rainer weiß nicht mehr“ ist eine andere Krankheit Ursprung der Not. Er leidet an Demenz und Mia wundert sich sehr, was eigentlich mit ihm los ist. Kirsten John gelingt es, sowohl die tolle Beziehung zwischen Opa und Enkelkind aus der Ich-Perspektive von Mia zu erzählen als auch die Irritationen des Kindes über sein Verhalten. „Als Studentin habe ich eine Zeitlang in einem Altersheim unter anderem Demenzkranke gepflegt“, erinnert sich Katja Gehrmann. „Für die Arbeit an dem Bilderbuch habe ich dazu gelesen und Freunde gefragt, deren Verwandte an Demenz erkrankt sind“, schildert die Illustratorin. Jede Doppelseite erwähnt einen anderen Aspekt des Lebens, der dem Opa Schwierigkeiten bereitet. Die Schuhe, die Steckdose, die Wochentage oder gemeinsame Mahlzeiten. Auf den Illustrationen verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Vorstellung. Da wird der Haken an der Wand zu einer Krake, und Katja Gehrmann setzt das hervorragend in ihren farbkräftigen und malerischen Bildern um. „Ich habe den Riesenkraken gewählt, der sich die Kinder schnappt, weil der Opa sich über den Kleiderhaken wundert und dieses Meerestier mit seiner Form assoziiert“, erklärt Gehrmann über ihre Arbeit.

So fit wie man es sich im Alter wünscht ist die Oma in diesem Bilderbuch, dass Teil einer mehrbändigen Reihe ist und durch seine Technik auffällt. Ruth Feile näht die Bilder und beeindruckt damit schon seit Längerem. „Die Bilder sind aus Stoff genäht und bestickt, weil mein erster Sohn als Frühchen auf die Welt gekommen ist. Er hatte lange Zeit sensorische Schwierigkeiten und so habe ich angefangen, mit Borten, Plüsch und Perlen zu arbeiten, um mit ihm das Fühlen zu üben“, erzählt Feile. „Butz und Rosi besuchen die Oma“ wurde von Matthias Aletsee fotografiert und in Buchform gebracht. Die beiden Geschwister haben das große Glück, im Sommer ein paar Tage bei der geliebten Oma zu sein. In Haus und Garten gibt es ganz viel zu entdecken und jede Menge Leckeres zu essen gibt es auch. „Die Oma ist ungefähr hundert Jahre alt. Deshalb muss sie manchmal auf dem Sofa schlafen. Sie ist genauso weich wie die Kissen, nur lauter.“ Der feine Witz durchzieht den kompletten Text und macht beim Vorlesen viel Freude!

Nicht immer ist es so schön wie im letzten Beispiel. Aber: „Bücher sind ein wunderbares Mittel und können bei angstbesetzten Themen wie etwa Unfall oder Krankheit sehr gut helfen. Wir alle lernen von Vorbildern und in schweren Zeiten ist es ein gutes Mittel, literarischen Modellen nachzueifern.“ – diese Worte treffen auf alle anderen hier vorgestellten Kinderbücher zu.




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Ein Bericht von Antje Ehmann
Fachjournalistin für Kinderliteratur

Juni 2019