Umwelt, Nachhaltigkeit und Naturschutz im aktuellen Kinderbuch

Von Antje Ehmann

Seit dem Thema Mehrsprachigkeit hat es nicht mehr so viele einschlägige Neuerscheinungen gegeben wie nun zu der aktuellen "Fridays for Future" Bewegung. Kaum ein Kinderbuchverlag, der kein neues erzählendes oder Kindersachbuch zu Plastik, Müllvermeidung und Umweltbewusstsein bereithält. Antje Ehmann hat sich umgeschaut und acht interessante Titel für Sie herausgefischt.

 

Jeanette Winter legt mit "Greta - Wie ein kleines Mädchen zu einer großen Heldin wurde" ein erzählendes Bilderbuch für Kinder ab sechs Jahren vor. Die Übersetzerin Tatjana Kröll ist ebenfalls fasziniert von Greta Thunberg. "Sie vertritt Inhalte, die ihr wichtig sind mit aller Energie und Kraft, ohne dabei Mächtigen oder Berühmten gefallen zu wollen. So viel Rückrat sieht man selten." Anschaulich, intensiv und Schritt für Schritt kann man in Text und Bild nachvollziehen, wie alles seinen Anfang nahm - die 15-jährige Greta alleine in Stockholm, die mehr wahrnimmt als andere, sich das Unterrichtsthema Umweltschutz zu Herzen nimmt und ihre Eltern hinter sich weiß. "Als ich Gretas Rede hörte, hatte ich das Gefühl, sie spricht für mich und ich bin 80 Jahre alt", so die amerikanische Autorin. Eine gute Möglichkeit, schon Grundschulkinder für dieses Thema zu interessieren.

 

Eher Kita-Kinder hat Duncan Beedie im Blick, wenn er mit der amüsanten, aber auch gehaltvollen Geschichte "Willibarts Wald" auf die Bedeutung der Bäume und den Wald aufmerksam macht. Schon das kecke Cover in Rot und Grün macht Lust auf die lautmalerische Geschichte und verspricht nicht zu viel. Die charismatische Hauptfigur und die Begegnung mit den anderen Tieren, die nun durch das Bäumefällen kein Zuhause mehr haben, tragen durch die dramaturgisch stimmige Geschichte. "Zum Thema Umweltschutz und Wald hatten die Kinder bei meiner Lesereise alle viel zu erzählen. Sie zählten auf, was alles aus Holz gemacht ist, turnten mir Willibarts Morgengymnastik vor und ließen förmlich die Köpfe hängen, als sie den abgeholzten Wald in der Mitte des Bilderbuches sahen", erinnert sich Übersetzerin Kristina Kreuzer. Passend zum Thema druckt der Magellan Verlag nachhaltig und ist so in dieser Hinsicht vorbildhaft.

 

Beim Müll könnte jeder Einzelne gut beginnen, und so gibt es etliche Sachbücher, die diesen Bereich in den Fokus nehmen. Die Leipzigerin Gerda Raidt ist eine erfahrene Kindersachbuchautorin und Illustratorin und nimmt in "Müll - Alles über die lästigste Sache der Welt" stilsicher, ebenfalls auf Recyclingpapier gedruckt und ohne Folienkaschierung das Thema von mehreren Seiten unter die Lupe. Mit einem Mülleimer, der komplett überquillt, stimmt sie die Betrachter ein und fragt sich, was Müll eigentlich ist. Es geht um Biomüll, Glasrecycling, die Situation in anderen Ländern und auch darum, den geschichtlichen Horizont der Kinder zu erweitern. So erklärt Raidt, wie man früher eher alles repariert hat und es auch viel weniger Verpackungen gab. "Dass die gesamte Müllentsorgung eigentlich ein ungelöstes Problem ist, das hatte ich mir so noch nie überlegt. Egal, was man macht, der Müll lässt sich nicht wegzaubern und alle Maßnahmen sind eher nur eine Notlösung", so Gerda Raidt.

 

Hans sticht in See

Auch in "So viel Müll! - Wie du die Umwelt schützen kannst" wird beim Lesen und Betrachten klar, wie viel Müll es eigentlich gibt. In Zusammenarbeit mit der NAJU - der Naturschutzjugend im NABU - wird hier motiviert, Müll zu reduzieren. "Schau dich mal zu Hause um und überlege, wie viele Sachen in der Küche, im Bad und in deinem Zimmer in Plastik verpackt sind. Du wirst überrascht sein! … Vielleicht regt es dich an, darüber nachzudenken, was du für deine Umwelt tun kannst", so ist es im Vorwort zu lesen. Nach einem umfangreichen, grafisch ansprechend gestalteten Wissensteil geht es an die praktisch umsetzbaren Ziele. Dabei runden ein Register, Begriffserklärungen und die Auflistung verschiedener Umweltorganisationen die Tipps ab. Autorin und Tierärztin Dr. Jess French setzt sich auch für bedrohte Tiere ein und kennt die Müllproblematik seit ihrer Kindheit. Da war sie oft am Strand und hat damals bereits sehr viel Müll inmitten des spannenenden Strandgutes gefunden.

 

Peer Gynt

Auch Dela Kienle sammelt zu ihrem Bedauern öfter auch mal Plastik am Strand, allerdings an der Nordsee. Perfekt für jede Schulbibliothek oder gleich als Klassensatz eignet sich ihr schmales und handliches Kindersachbuch "Plastik? Probier´s mal ohne! Worin Kunststoffe enthalten sind und wie wir sie einsparen können". Die Autorin und Illustrator Horst Hellmeier entführen uns bis an den Anfang des Wunderstoffes vor ca. 120 Jahren. Da versuchten etliche Chemiker nämlich Ersatz für die gängigen Naturmaterialien zu finden und konnten nicht ahnen, was für Ausmaße das alles im Jahr 2019 nehmen würde. "Kinder wollen gerne etwas für die Umwelt tun", so Kienle, "und bei wenigen Themen können sie so einfach etwas bewirken wie beim Plastik: Sie können Fruchtpüree aus dem Quetschie fordern oder einfach einen Apfel essen, sie können eingeschweißte Müsliriegel mit in die Schule nehmen oder Nüsse in ein wiederverwendbares Döschen füllen und oft können sie einfach sagen, nein, danke, ich brauch das nicht - wenn es z.B. um einen Plastikstrohhalm im Getränk geht.“ 30 Tipps für Plastik-Sparer - die "Plastikvermeidungschallenge" bietet wirklich für jeden Ideen, die man im Alltag umsetzen kann.

 

Auch eine sehr alltägliche Erfahrung hat bei Familie Steingässer dazu geführt, auf eine lange, abenteuerliche Reise zu gehen. Ein Ei zum Frühstück ist ja nichts Besonderes hierzulande. Aber "Paulas Reise oder Wie uns ein Huhn zu Klimaschützern machte" nimmt seinen Lauf, als Zwerghenne Emma auf einmal in einem außergewöhnlich warmen Dezember Eier legt und die Mutter und Journalistin Jana Steingässer erklärt, das käme vom Klimawandel. Das möchte die gesamte Familie nun genauer ergründen und los geht die Reise. Großartig sind die Fotografien von Jens Steingässer, die dem großformatigen Buch in durchdachtem Layout einen besonderen Wert verleihen. "Nicht alle Menschen in unserem Umfeld finden es übrigens gut, was wir machen. Manche haben Angst, dass wir ihnen ihre Vorstellung vom guten Leben und viel materiellen Reichtum nehmen wollen. Aber bis irgendwann gesetztliche Vorgaben vorliegen, darf das ja jeder für sich selbst definieren", erzählt Steingässer noch.

 

Manchmal kommt Glück in Gummistiefeln

Ebenfalls mit beeindruckenden Fotografien arbeitet "Dünnes Eis - Was braucht die Welt, damit sie hält?" Der französische Fotograf Yann Arthus-Bertrand hat schon mit "Wie geht´s dir Welt, und was ist morgen?" sein Können unter Beweis gestellt. Nun präsentiert er über 60 Satellitenbilder und kann so - teils im Zeitraffer - besorgniserregende Entwicklungen zeigen, die man sonst nicht so anschaulich wahrnehmen könnte. Seine Luftaufnahmen prägen sich ebenso stark ein. Es geht um die Tempelanlagen von Angkor Wat, den steigenden Meeresspiegel und es wird erklärt, warum das weltberühmte Venedig in Gefahr ist. Auch die Palmölplantagen und schmelzende Gletscher sind Thema. Katharina Ebinger vom Thienemann-Esslinger Verlag dazu: "Der Schutz der Erde liegt ihm am Herzen und durch den Blick aus dem All wird die Fragilität der Erde noch deutlicher."

 

Kristina Scharmacher-Schreiber setzt in "Wie viel wärmer ist 1 Grad - Was beim Klimawandel passiert" auf die Stärke von klarem Text und anschaulichen Illustrationen und wurde dafür - ebenfalls wie "Dünnes Eis" - mit dem Monatssachbuchpreis EMYS ausgezeichnet. "Das Buch richtet sich ja an sehr junge Leser*Innen. Die Texte sind also recht kurz und einfach und viele Informationen werden auch über die Illustrationen vermittelt. So haben wir uns auch immer wieder ausgetauscht, wie Text und Bild am besten zusammen funktionieren", so die Autorin. Und das ist hervorragend gelungen. Mit Sprechblasen, Querschnitten, Landkarten und Checklisten werden die stilsicheren, farbigen Illustrationen gekonnt gestaltet. Scharmacher-Schreiber ergänzt noch: "Ich wollte ein realistisches Bild der Situation zeichnen, ohne den Kindern Angst zu machen. Sie sollten trotzdem nach dem Lesen das Gefühl haben: Jeder kann etwas tun, es ist noch nicht zu spät!"