Freundschaft im Kinderbuch

Zu diesem Thema gibt es fast ebenso viele Kinderbücher wie Sand am Meer. Freundschaften sind für Kinder ebenso wichtig wie für Erwachsene und bereichern das Leben enorm. - Ich habe mich auf die Suche gemacht und acht herausragende Bilder- und Kinderbücher für Sie gefunden und die Künstler/-innen gefragt, was ihnen persönlich Freundschaft bedeutet.

Der erfolgreiche und thematisch sehr vielseitige Münsteraner Illustrator Günther Jakobs hat sich vermutlich von Arthur Schnitzler‘s „Reigen“ inspirieren lassen und statt der Liebesbeziehungen die Freundschaft ins Zentrum gestellt. „Du bist mein Freund, weil …“ zeigt schon auf dem ansprechend, lebendig gestalteten Cover alle Menschen und Tiere, die hier mit von der Partie sind. Ausgehend von der Frage „Wir sind doch Freunde, oder? Aber warum bist Du eigentlich mein Freund?“ entspinnt sich eine Reise mit Antworten darauf. Jede Doppelseite bringt neue Erkenntnisse und am Ende steht eine Lösung, die überzeugt. „Mir bedeutet gute Freundschaft viel“, sagt Jakobs. „Ich habe Freunde, die ich nicht oft sehe, aber wenn wir uns treffen, ist das wie ein Feiertag für die Seele“. Mit manchen seiner Freunde ist das gemeinsame Musizieren dann ein beliebtes Ritual.

 

 

Auch in „Meine Freunde, das Glück und ich“ steht die gemeinsame Unternehmung und etwas zusammen auf die Beine stellen im Zentrum der Geschichte. Das Mädchen Violetta erzählt von dem geplanten Stadtteilfest und lässt uns an ihrem Leben teilhaben. Viel Geborgenheit entsteht dadurch, dass sich scheinbar fast alle Bewohner dort kennen. Das macht die aufwendige Vorbereitung leichter. Denn die Kinder besorgen Girlanden, Blumen in einem Blumenladen, der der Mutter ihrer besten Freundin Nora gehört oder sie leihen sich Stühle und Tische im Stadtteilzentrum aus. Auch dort sind sie bestens versorgt, denn die Mutter von Violettas Freundin Beth arbeitet dort. „Die Illustrationen von Ricio Bonilla sind mit ihrem leisen Humor immer zauberhaft. Besonders hat mir gefallen, dass die Vielfalt des Lebens so charmant beiläufig eingeflochten wird,“ so Übersetzerin Ursula Bachhausen. Elisenda Roca schreibt außerdem Hund Struppi eine wichtige Rolle zu. Denn auch die Freundschaft zu Tieren kann sehr wohltuend sein.

Das erfährt der Junge in Linde Faas eindringlichem Bilderbuch „Der Junge und der Wal“. Die Illustrationen füllen das große Format grandios aus. Die Tiefe des Meeres, die Größe des Wals und der weite Himmel kommen so gut zur Geltung. „Ohne dass es explizit erklärt wird, verstehen wir, dass Sam seinen Freund vermisst und sich einsam fühlt und wie sehr er sich freut, ihn wiederzusehen,“ erklärt Sylke Hachmeister, die Übersetzerin. Ganz aus der kindlichen Perspektive können Betrachter in die Bilder und in die Geschichte eintauchen und dabei eine ganz besondere Atmosphäre spüren. Dramaturgisch gelungen und mit wenigen Worten liebevoll erzählt, erleben Kinder die Gefühle von Sam mit, und spüren die Kraft und die Konzentration, die in der Zweisamkeit dieser innigen Verbindung steckt.


Eine ganz enge Verbindung haben auch die beiden Mädchen Dunne und Ella Frida zueinander. So eng, dass Dunne es nicht aushält, dass ihre Freundin wegzieht. Hier geht es in erster Linie um die Trauer über den Verlust und den unbedingten Willen, das nicht hinzunehmen. Sieben Bücher gibt es nun von Rose Lagercrantz und Eva Eriksson und mit „So glücklich wie noch nie?“ ist die herausragende und erfolgreiche Reihe leider zu Ende. Für die Autorin aber eine Tatsache, mit der sie gut leben kann. „Die Trennung war für die beiden Mädchen furchtbar, aber nun sind sie an einem Punkt angekommen, an dem ihre Freundschaft stabil ist,“ so Lagercrantz. Interessant auch, dass viele eigene Kindheitserinnerungen der schwedischen Autorin in der Reihe stecken.

 

 

Auch Maike Siebold macht sich interessante Gedanken zum Thema Freundschaft. Für sie ist „die Freundschaft in der Kindheit das Geheimnis des selbständig Werdens und selbständig werden macht glücklich,“ sagt die Autorin.  Das merkt man, wenn man ihr Kinderbuchdebüt „Rille aus dem Luftschacht“ liest. Roderich erlebt völlig neue Situationen mit dem außergewöhnlichen Mädchen und sagt erstaunt: „Ich kenne sie erst so kurz und trotzdem fehlt dem Tag etwas, wenn sie nicht da ist, …“ Die beiden Hauptfiguren und ihre Beziehung zueinander sind das Herzstück des Kinderromans und lassen die Leser/-innen mitfiebern. Kai Schüttler hat den beiden Hauptfiguren Rille und Roderich in zahlreichen schwarz-weiß Illustrationen ein lebendiges Gesicht gegeben.

 

 

Bei Andreas Steinhöfel ist es kein geringerer als Peter Schössow, der Rico und Oskar gezeichnet hat. Im neuesten, dem fünften Band „Rico, Oskar und das Mistverständnis“ wird diese Tatsache sogar in einer Widmung gewürdigt. Auch hier handelt es sich - ähnlich wie bei den Dunne-Geschichten - um eine äußerst erfolgreiche Reihe. Der bereits mehrfach preisgekrönte Autor - aktuell nun 2021 für den Astrid Lindgren Memorial Award nominiert - legt wieder eine großartige Geschichte vor. „Eigentlich war die Freundschaftsgeschichte zwischen Rico und Oskar ja schon ab Band 3 abgedeckt,“ so Steinhöfel. Aber ihm ist natürlich doch noch etwas eingefallen. Es geht um die Rettung eines Spielplatzes und um enorme Eifersucht. Und wie erinnert sich der Autor an seine Freundschaftsorte der Kindheit in Hessen? „Nach Ende der Schulzeit hat mir der Schulhof gefehlt. Da hatte ich einen Ort für mich und meine Freunde.“ Das wie immer großartig und vom Autor selbst eingelesene Hörbuch ist bei Silberfisch erhältlich. 

 

Als wir Adler wurden“ von Uticha Marmon ist ebenfalls als Buch und als CD erhältlich. Auch hier spielt eine historische und eine politische Dimension mit. Sehr eindringlich schildert die Autorin, was passieren kann, wenn es darum geht, auch gegen Widerstände zu einer guten Freundin zu stehen. In diesem Fall - Jannik zu Loni. „Ich beobachte die Entwicklung in unserer Gesellschaft seit einiger Zeit schon mit Sorge. Ausgrenzung und das Suchen nach Sündenböcken waren noch nie eine gute Lösung und sind es auch heute nicht,“ meint die engagierte Autorin. Persönlich ist sie auch der Meinung, dass es sich lohnt, für Freundschaften einzustehen und für sie zu kämpfen, wenn es denn sein muss. „Kein Mensch macht immer alles richtig, aber Freunde können einem dabei helfen, aus Fehlern zu lernen,“ sagt Marmon weiter. Nach der intensiven Lektüre kann man weiter darüber nachdenken.


Ebenfalls gesellschaftskritische Töne lässt die norwegische Autorin Marianne Kaurin in ihrem aktuellen Kinderbuch „Irgendwo ist immer Süden“ anklingen. Hier geht es nämlich neben der Freundschaft noch um andere Themen. Von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach zum Buch des Monats Mai 2020 gekürt, heißt es in der Jurybegründung: „Kaurin gelingt das Kunststück, Kindern, die am Rande der Gesellschaft leben, eine Kindheit zu geben - ohne die Schwierigkeiten zu verschweigen.“ Ina´s Mutter ist arbeitslos und so ist eine große Reise in den Sommerferien schlichtweg nicht möglich. Aber mit dem neuen Jungen in der Klasse wird ihr Sommer unvergesslich. „Ich habe wochenlang nur Südendinge gemacht. Zusammen mit dem besten Südenfreund der Welt. Es war ein Traumsommer. Ich habe einen Südenfreund fürs Leben gefunden.“ Und mit solch einem Freund oder einer Freundin lassen sich die Hürden im Leben besser nehmen - egal ob man ein Kind oder schon erwachsen ist!



Ein Bericht von Antje Ehmann
Fachjournalistin für Kinderliteratur

Dezember 2020

 

Eine Auswahl der Titel

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Rezension

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Mit einem "Hallo!" begrüßt die kleine Violetta ihre jungen Leser/-innen und beginnt (...)

Der Junge und der Wal

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So glücklich wie noch nie?

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Nach ihrer winterlichen Zugreise ("Glücklich ist, wer Dunne kriegt", BP/mp 18/861), hat (...)

Rico, Oskar und das Mistverständnis

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Da scheint es Ärger zu geben. Unvorstellbar, aber allein die Illustration auf dem Cover (...)

Als wir Adler wurden

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Jannik und Loni, von Kindesbeinen an beste Freunde und unzertrennlich, feiern gemeinsam (...)

Irgendwo ist immer Süden

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Am letzten Schultag vor den Sommerferien erzählen Inas Klassenkameraden alle von ihren (...)