Geflüchtete zu neuen Nachbarn

Mit Medienliste zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

von Guido Schröer

Als das Buch der Belgierin Claude K. Dubois Akim rennt den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2014 gewinnt, ahnt noch niemand, dass nur ein Hintergrundbild by tpsdave, pixabay Jahr später eine Million Flüchtlinge aus neuen und alten Krisengebieten in der Welt nach Europa strömen würden. Weltweit sind sogar fast 80 Millionen Menschen innerhalb- oder außerhalb ihres Landes auf der Flucht. Ich habe mir Akim rennt noch einmal aus dem Regal genommen und mich von Akim noch einmal in seine Einsamkeit und Verlorenheit, sein Nicht-Verstehen-Können, seine Trauer und sein Glück hineinnehmen lassen.

Es wird spürbar, dass die Menschen, die so etwas wie Akim erleben, Menschen sind wie wir selbst, mit allen gleichen Hoffnungen, Sehnsüchten, Ängsten, Verzweiflung, Liebe, Glück. Und mir steht das Bild des dreijährigen syrischen Jungen Aylan vor Augen, der tot am Strand bei Bodrum gefunden wurde. Er hat die Fahrt übers Meer – wie so viele Tausend andere – nicht überlebt. In den ersten acht Monaten des Jahres 2015 sind über Tausend Geflüchtete im Mittelmeer ertrunken. Syrien erlebt aufgrund des Krieges dort einen Exodus. Allein 3,4 Millionen Syrer sind in den Libanon, nach Jordanien und in die Türkei geflohen. Bis jetzt (Stand Dezember 2019, Quelle Mediendienst Migration) sind 790.000 Menschen aus Syrien nach Deutschland gekommen. Die Geflüchteten, unser Umgang mit Ihnen und die Angst mancher vor ihnen, beherrschen die Medien und sind Thema der kommunalen, nationalen und internationalen Politik.

 

Um was geht es grundsätzlich bei dem Thema?


Kein Mensch verlässt Familie und Heimat einfach so. Verfolgung, Krieg, Vertreibung zwingen heute Menschen aus Syrien, dem Irak, Afghanistan, Eritrea, Nigeria, dem Süd-Sudan, Somalia und vielen weiteren Ländern zur Flucht. Aber auch Pakistan, Nord-Korea, El Salvador, Guatemala, die Zentralafrikanische Republik, der Tschad und der Kongo stehen ganz oben auf der Liste der Staaten, wo Menschen seit Jahren und Jahrzehnten nicht frei und sicher leben können.

Papst Franziskus weist darauf hin, dass es an der Wurzel von Flucht und Vertreibung eine Ursache gibt: der Mensch wird an den Rand gedrängt, das Geld und oder eine Ideologie wird ins Zentrum gerückt. „Da, wo der Krieg die Ursache ist, muss man sich um Frieden bemühen. Heute führt die Welt Krieg gegen sich selbst.“ So ist es zum Beispiel kein Zufall, dass in machen Weltgegenden Wirtschaft und Umwelt so ruiniert sind, dass Millionen dort für sich und ihre Familien keine Zukunft mehr sehen. Global agierende Konzerne erwerben zum Beispiel Schürfrechte von korrupten Behörden und scheren sich dann keinen Deut um Arbeits- und Gesundheitsschutz. Das Geld für diese Schürfrechte kommt nicht der Bevölkerung insgesamt, sondern nur wenigen Eliten zugute. Macht- und Ideologiekämpfe von (para-) militärischen Gruppen und Milizen bis hin zu Boko Haram und IS tragen ihr übriges dazu bei.

Mit Artikel 14 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 und wenige Jahre später der Verabschiedung der Genfer Flüchtlingskonvention hat die Staatengemeinschaft Menschen, die Zuflucht suchen, einen Anspruch auf Schutz gewährt. In Deutschland hat das Asylrecht mit Artikel 16a Eingang ins Grundgesetz gefunden. All das ist sehr wichtig. Aber den Gesetzen Leben einhauchen, ein Klima zu schaffen, in dem Menschen in Not aufgefangen werden, das können nur andere Menschen. Einzelne Menschen, Menschen, die sich in Gruppen und Initiativen zusammenschließen, um effektiver helfen zu können, Menschen, die sich in Politik, Gesellschaft und Kirche engagieren.

Weiterführende Informationen

 

Neue Nachbarn auch in der KÖB

Menschen auf der Flucht, die in Deutschland Aufnahme gefunden haben, kommen immer mehr auch in den Katholisch Öffentlichen Büchereien (KÖB) vor Ort an. Wir haben uns Gedanken gemacht was Ihnen die Arbeit vor Ort erleichtern kann. Unsere neue Seite soll als zentraler Infopoint für alle Büchereiinteressierte dienen. Hier finden Sie Informationen, hilfreiche Materialien, Ansprechpartner u.v.m.

Unterteilt in diese Rubriken -Sprache l Kultur l Konzepte l Malen&Basteln l Projekte l Offizielles- können Sie sich Ihre individuelle Hilfe zusammenstellen. Zur Seite

Medienliste "Auf der Flucht"

Im Text aufgeführt:

Akim rennt
Macht und Widerstand  
Als Hitler das rosa Kaninchen stahl

Zuhause kann überall sein
Arbeitshilfe zum Buch pdf

Bilderbuchkino
Kamishibai

Fortbildungs Tagungen

 


Nur warm und sicher reicht nicht


Der Papst hat unlängst in einem Radio-Interview mit dem portugiesischen Sender Radio Renascenca wieder darauf gedrängt: „Wir müssen die Menschen so aufnehmen wie sie sind.“ Und Kardinal Woelki, der die Bedeutung und Notwendigkeit von Flüchtlingsarbeit schon früh erkannt und im Erzbistum Köln die Aktion „Neue Nachbarn“ ins Leben gerufen hat, denkt auch schon weiter: „Aus der Willkommenskultur muss eine Integrationskultur werden. Nur warm und sicher reicht nicht. (…) Zuwanderer müssen die neuen Nachbarn der Einheimischen werden, mit ihnen und nicht neben ihnen her leben.“

Die Kirche setzt klare Zeichen für die Solidarität mit Flüchtlingen sowie gegen fremdenfeindliche Tendenzen und weist beharrlich auf Missstände in der gegenwärtigen Asyl- und Flüchtlingspolitik hin.

Die Initiativen der Bistümer, Caritasverbände, Kirchengemeinden, Ordensgemeinschaften und kirchlichen Gruppen decken das ganze Spektrum der Flüchtlingshilfe ab: Neben materieller wird auch seelsorgliche Unterstützung geleistet; neben Rechts- und Verfahrensberatung werden auch Maßnahmen zur Sprach- und Integrationsförderung angeboten; neben Berufsberatungs- und Bildungsangeboten gibt es auch besondere Hilfeleistungen für minderjährige Flüchtlinge; und neben der Bereitstellung von Unterkünften wird auch für psychologische und ärztliche Betreuung gesorgt. Eine erstaunlich hohe Zahl von mindestens 100.000 Ehrenamtlichen ist hier mit im Einsatz. All diese Hilfen müssen möglichst koordiniert geschehen, damit sie wirklich wirken können.

Erzbischof Ludwig Schick erinnert auf der Herbst-Vollversammlung an die weltkirchliche Verantwortung und daran, dass kirchliche Werke auch schon in den Herkunftsländern helfen, dass Menschen auf der Flucht überleben und in Flüchtlingscamps menschenwürdige Verhältnisse vorfinden. So unterstützt der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) zum Beispiel im Bistum Bambari in Zentralafrika ein Schulprojekt und bildet dort auch Lehrer aus. Im Libanon hilft der Jesuiten-Flüchtlingsdienst Flüchtlingskindern aus Syrien, diese innerhalb eines Jahres auf das Niveau des libanesischen Schulsystems zu bringen, so dass sie dort integriert werden.

 

Treffpunkt Bücherei - auch für die neuen Nachbarn


Auch in Deutschland ist die große Hilfsbereitschaft in den kirchlichen Organisationen, Verbänden, Initiativen und Pfarreien vor Ort ein Zeichen von Lebendigkeit kirchlichen Lebens. Wichtige Treffpunkte in den Pfarreien, die schon sehr lange als gefragte Begegnungsorte von ganz unterschiedlichen Menschen dienen, sind die katholischen öffentlichen Büchereien (KÖB). Hier sind auch niederschwellige Begegnungsmöglichkeiten für Flüchtlingsfamilien und einzelne Flüchtlinge gegeben.

Schließlich bieten die KÖBs Medienempfehlungen zu Themen rund um Flucht, Fluchtgründe, Flüchtlinge und Asyl an, so dass sich alle Interessierten hier sachkundig machen und informieren, sowie am Schicksal von Flüchtlingen durch Erzählungen teilhaben können. Bertold Brecht war ein solcher Flüchtling. Über Prag und Wien floh er 1933 gemeinsam mit seiner Frau in die Schweiz und danach nach Dänemark. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Dänemark floh er weiter nach Finnland. Im Jahr 1940 schreibt er: „Auf der Flucht vor meinen Landsleuten bin ich nun nach Finnland gelangt. Freunde, die ich gestern nicht kannte, stellten ein paar Betten in saubere Zimmer.“

Ein weiterer Flüchtling ist Ilija Trojanow, der Autor des Romans „Macht und Widerstand“. Trojanow wurde in Bulgarien während der kommunistischen Diktatur geboren. Seine Eltern flohen mit ihm 1971, kurz vor seiner Einschulung, über Jugoslawien und Italien nach Deutschland. Sein eigenes Flüchtlingsschicksal zeigt sich in diesem Roman, von dem Günter Kaindlstorfer im SWR sagt: „Ein packender Polit-Thriller von staunenswerter psychologischer Plausibilität, eine beklemmend hellsichtige Analyse diktatorischer Systeme. Die Mechanismen autoritärer Herrschaft: Hier werden sie unnachsichtig offengelegt.“ Generationen von Deutschen haben sich von der mittlerweile klassischen Hintergrundbild: bokeh by www.joachim-hiller.com/ autobiografischen Flüchtlingsgeschichte „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr beeindrucken lassen.

Praktische Angebote nicht nur für KÖB


Ein Buch, das besonders Kindern die Situation von Flüchtlingskindern nahebringen kann, ist „Zuhause kann überall sein“ von Freya Blackwood, das vom Borromäusverein für den Bundesweiten Vorlesetag am 20. November 2015 ausgewählt wurde. Die Illustrationen leben von der Farbigkeit der Bilder: das alte Leben, das mit Heimat und Geborgenheit verbunden wird, ist in leuchtendes Gelborange getaucht, das fremde, manchmal unheimliche Leben ist in Blau-Grau-Grün gehalten. In der Arbeitshilfe zum Buch werden praktische Ansätze vorgeschlagen wie man mit Kindern das Thema besprechen kann. Beispielsweise sollen sich Kinder selbst Bilder und Farben ausdenken, die Geborgenheit oder Angst ausdrücken, diese dann malen und darüber miteinander ins Gespräch kommen.

Weitere Angebote, die der Borromäusverein auf seiner Internetseite vorstellt, sind mehrsprachige Bilderbücher, das Bilderbuchkino mit Links zu kostenlosen Downloadangeboten und das Erzähltheater Kamishibai, mit diesen beiden letzten, sehr visuellen Möglichkeiten, kann trotz Sprachbarrieren Lesen und Vorlesen zum Erlebnis werden. Das Lektorat hat zudem eine ausführliche Medienliste „Auf der Flucht“ zusammengestellt.

 

Flüchtlinge brauchen Hilfe und Unterstützung. Nicht jeder kann alles geben. Aber dort, wo man ist, kann man mit seinen jeweils besonderen Möglichkeiten und Fähigkeiten mithelfen. Katholische öffentliche Büchereien können Orte sein, an denen mitgeholfen wird, dass „Zuwanderer die neuen Nachbarn der Einheimischen“ (Kardinal Woelki) werden können.



 


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