Clemens J. Setz

Der Erzähler als Denkabenteurer
Georg-Büchner-Preis 2021 an Clemens J. Setz

Kann ein farbenblinder Schriftsteller von Farben erzählen? Oder ein kinderloser Dichter von einem Teenager? Wie viel Ahnung hat ein Autor ohne längere Liebesbeziehungen von einer „Sprache der Liebe“? Auf solche Fragen reagiert Clemens J. Setz mit störanfälligen Fallstudien, Denkabenteuererzählungen von enormer Einbildungskraft, Romanen gegen die Tyrannei der Primärerfahrung. Für seine literarischen Werke wurde dem 1982 in Graz geborenen Schriftsteller der Georg-Büchner-Preis 2021 zugesprochen, die angesehenste Auszeichnung im deutschsprachigen Literaturbetrieb.


Gespräch ohne Autor

Ein Rezept seines Schreibens hat Setz jüngst in seiner Berliner Mosse Lecture erklärt: Es geht ihm darum, Dinge zu erzählen, von denen keiner weiß, ob sie wirklich existieren, oder von denen niemand sieht, dass sie seltsam sind. So stellt Setz am Beispiel der sogenannten Unified Bond Theorien – also der Auffassung, dass alle Menschen irgendwie James Bond seien, weil sich die Darsteller in den Filmen viel zu sehr unterscheiden – die Überlegung an, wie verschwörungsfähig die eigene Biographie ist. Und kommt dabei zu erstaunlichen Einsichten in die Logik der dichterischen Fantasie und die Mechanik der globalen Verschwörungstheorien, die für ihn „Schutzzaubersprüche“ gegen ein inakzeptables Chaos sind. Einbildungskraftvoll schreibt Setz an anderer Stelle über Ufos – und immer wieder über die eigene Identität. Er liebt Schatten- und Kappenspiele jenseits autobiographischen Erzählens: mal tritt er als Alter Ego seines Ichs auf, etwa als Jugendlicher (in den Nacherzählungen von eigener Kinderprosa in „Glücklich wie Blei im Getreide“, 2015), mal als Hase, mal als Bot: Auf die Fragen der Interviewerin Angelika Klammer antwortet nicht der Autor, sondern er lässt die Antworten, nach dem Prinzip der Volltextsuche oder des Zufalls, von seinem elektronischen Tagebuch geben (in dem Band „Bot. Gespräch ohne Autor“, 2018). Damit folgt er dem Prinzip des leicht, aber dafür hochpräzise verfehlten Themas.

Die Ordnung der Wörter

Auch in seinem jüngsten Buch „Die Bienen und das Unsichtbare“ (2020) wendet er sich einem abgelegenen Thema zu, den Plansprachen wie Esperanto, welche die Ordnung der Dinge in einer eigenen, weltverbindenden Sprache darzustellen versuchen. Eine Plansprache, so schreibt er, ist das „Ohr, für das alle Völker nur eine Sprache sprechen“. Setz unterscheidet dabei unter den Spracherfindern: einmal gibt es die Päpste, die ihre Plansprache dogmatisch absichern, sodann die Programmierer, die ihre Erfindung, wie das Internet, der Welt zur freien Verfügung stellen.
Und ganz in diesem Sinne findig und unternehmungslustig erzählt der studierte Mathematiker in seinen Romanen, angefangen mit „Söhne und Planeten“ (2007) und „Die Frequenzen“ (2009), das auch dramatisiert wurde. Wenn das Buch mit Kafka die Axt ist für das gefrorene Meer in uns, dann führt Setz mit diesen Romanen eine scharfe Klinge. „Indigo“ - Setz' wohl bekanntester Roman von 2012 – hat eine erfundene Krankheit zum Thema. Sogenannte Indigo-Kinder besitzen eine unsichtbare farbige Aura, sie wirken erhaben und hochbegabt, aber auch hypersensibel, und sie rufen bei Menschen, die ihnen nahekommen, schmerzhafte körperliche Abwehrreaktionen hervor. Der Haupt-Plot dreht sich um den Autor Clemens Setz selbst, der sich selbst als Synästheten versteht, der „Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt“. Im Roman praktiziert das andere Autor-Ich als junger Mathematiklehrer an einem steirischen Internat mit betroffenen Kindern und stößt dort auf so merkwürdige Dinge wie die "Delokation" und "Relokation" unbehandelbarer Patienten.

Erzählen in der digitalen Welt

Der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" (2015) reißt auf verstörende Weise die Oberfläche der digitalen Diktaturen unserer Zeit auf. Den Inhalt hat Setz in einem Limerick zusammengefasst: „Die Hauptfigur nerdet und blickt. / Eine Frau wird aus Gründen verrückt. Die Romanhandlung dreht / sich um Identität / und um den Generationenkonflikt“. Hauptfigur ist die junge Natalie, die als Bezugsperson ("Bezugi") in einem Wohnheim für behinderte Menschen arbeitet. Doch sie laboriert an weitaus folgenreicheren Zwangsneurosen als die anderen beiden Figuren, mit denen sie zu tun hat. Der eine, Dorm, sitzt im Rollstuhl und ist ein ehemaliger Stalker. Der andere, Christoph, besucht ihn regelmäßig und ist sein ehemaliges Opfer. Der Rollentausch zwischen Täter und Verfolgtem wird in surrealen Szenen genüsslich durchgespielt, aber es geht in erster Linie um Natalie, die ihr Selbstwertgefühl aus iPhone, Chats und Blogs bezieht und ihre exzentrische ("aurige", schreibt Setz, auf 'traurig' und 'Aura' anspielend) Weltsicht dem Leser aufzwingt. So entsteht das verwirrende Porträt einer buchstäblich verrückten Anstalts-Welt, in der die Übereinkünfte zwischen den Generationen gekündigt, Menschenwürde und Gottesfrage auf die Probe gestellt und eine Ästhetik des Unheimlichen gefeiert wird.

Doppelte Wahrnehmungen

Was passiert, wenn man die Dinge von zwei Seiten ansieht? Der Wandersmann, der seinen Hut abnimmt und den bewegungslos in der Sonne liegenden Salamander für tot hält, weiß nicht, dass der Salamander den unruhigen Weltenwanderer, der seinen Kopf in Schatten hüllt, ebenfalls für tot halten könnte. Diese kürzeste Erzählung „Die zwei Tode“ von Clemens Setz steht in seinem Band „Der Trost runder Dinge“ (2019). Das kann ohne Metaphysik tröstlich sein, und trotz aller Gewalt und Schmerzen, die dem „Sadomodernisten“ Setz manchmal vorgehalten worden ist, enden die Erzählungen meist in „sanfter Schönheit“ (A. Klammer).
Clemens Setz erzählt wissbegierig und sprachschöpferisch, formal virtuos, manchmal hinterlistig, ein Meister der Kunst der Abweichung, der Störung und der Details außer Dienst, etwa der Golfbälle, die ein Astronaut auf dem Mond zurückließ; er liebt den literarischen Mummenschanz, den er mit scheinbaren Fakten, wahren und halbwahren Dokumenten, multimedialen Querverweisen auf Film und Literatur ausschmückt. Das kann für den mitgehenden Leser ein Heidenspaß sein, kostet Zeit, belohnt aber mit Einsichten in die Schnittmengen von Mensch und Maschine, Vision und Psychose. Nicht zu vergessen ist der schräge Humor und selbstironische Anflug des Erzählers Clemens Setz, der schon im Titel seines Gedichtbandes „Die Vogelstraußtrompete“ (2014) und in den bewussten Missverständlichkeiten und Narreteien seines prächtig illustrierten Eulenspiegel-Buches (2015) zum Ausdruck kommen. Bei dem Bachmann-Wettbewerb, wo er 2008 las, fühlte er sich „wie eine Katze zwischen Federballspielern und musste dauernd lachen“. Und über eine andere Preisverleihung sagte er 2016: er würde sich wünschen, dass einmal statt einer menschlichen Jury ein „komplexer Algorithmus“ den Preisträger ermittle. Sollte es soweit kommen, wäre Clemens Setz ein guter Kandidat.


Michael Braun
August 2021

Michael Braun ist Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung, apl. Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität zu Köln und medienprofile-Rezensent.

 



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