"Fachstellenarbeit ist Teamarbeit"

Ein Gespräch mit Dorothee Steuer aus der Büchereifachstelle im Bistum Trier

 Fast jedes (Erz-)Bistum unterhält eine Büchereifachstelle. Im Gebiet des Borromäusverein e.V. sind das 15 Fachstellen. Diplom-Bibliothekarin Dorothee Steuer leitet die Fachstelle im Bistum Trier, die rund 150 Katholische Öffentliche Büchereien (KÖB) betreut und erzählte uns im Gespräch mit Christine Tapé-Knabe vom Borromäusverein im Dezember 2020 von ihrer Arbeit, der Begleitung und Unterstützung von Büchereien für eine gelingende Büchereiarbeit.


Tapé-Knabe: Was sind eigentlich die Aufgaben einer Büchereifachstelle und wer bestimmt, was auf die Agenda kommt?
Steuer: Unsere Büchereifachstelle ist eine bibliothekarische Beratungs- und Servicestelle für die Katholischen Öffentlichen Büchereien im Bistum Trier, das in einen saarländischen und rheinland-pfälzischen Teil aufgeteilt ist. Dabei betreuen wir rund 1.200 fast ausschließlich ehrenamtlich arbeitende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den rund 150 Büchereien bistumsweit. Aus dieser Umschreibung ergibt sich im Kern unser Aufgabenspektrum: die fachliche und konzeptionelle Beratung der KÖB-Mitarbeiter und ihrer Träger beim Aufbau und der Weiterentwicklung der Büchereien. Im Einzelnen heißt das: die fachliche Begleitung, die konzeptionelle Beratung, die finanzielle Förderung und Unterstützung sowie die Schulung und Fortbildung der Ehrenamtlichen in der Ausübung ihrer Büchereipraxis.


Tapé-Knabe: Wie arbeiten Sie in der Fachstelle, wo findet die Beratung statt, gibt es auch Besuche in den Büchereien vor Ort?
Steuer: Fachstellenarbeit, so wie wir sie verstehen, ist Teamarbeit. Unsere Fachstelle ist mit 2,5 Stellen ausgestattet, die sich 4 Kolleginnen teilen, d.h. jede von uns hat ihren besonderen inhaltlichen Schwerpunkt. Neben dem Sekretariat gibt es zum Beispiel diese Bereiche: EDV-Einführung und Entwicklung, die Veranstaltungs- und Fortbildungsarbeit, die Gremien- und Ausschussarbeit sowie die politische Lobbyarbeit in diözesanen und überdiözesanen Gremien. Daneben sind für unsere Arbeit der regelmäßige Kontakt zu den Ehrenamtlichen, das gegenseitige Kennenlernen und der Austausch sowie die Begegnung mit ihnen ausschlaggebend.
Unbeachtet der verschiedenen Arbeitsschwerpunkte sind jedoch die Besuche bei und der Austausch mit den Büchereiteams der Kern aller Serviceangebote. Vor Ort in der Bücherei lernt man Raum und Menschen dahinter am besten kennen und kann individuelle Unterstützung leisten, zum Beispiel bei der Neumöblierung einer KÖB, der Umstellung des Büchereibetriebs auf EDV und der Frage nach einem gelingendem Büchereikonzept.

Darüber hinaus bieten wir in regelmäßig erscheinenden Newslettern aktuelle Informationen an, machen auf besondere Angebote z.B. im Bereich der Leseförderung aufmerksam und laden zu unterschiedlichen Fortbildungs- und Veranstaltungsangeboten ein. Natürlich helfen wir auch bei Projektanträgen weiter und unterstützen und koordinieren regionale Leseförderaktionen.
Ausschlaggebend ist dabei für uns ein vernetztes Arbeiten nach innen und nach außen. Das heißt im Klartext: gegenseitige Information und Abstimmung in der Aufgabenverteilung in unserem Fachstellenteam und die Mitarbeit in Gremien sowie Sach- und Fachausschüssen des Borromäusvereins, unserem Dachverband der Katholischen Büchereiarbeit. Auch der Austausch in anderen regionalen und überregionalen Konferenzen offenbart meist neue, weitere Handlungsfelder. Denn natürlich sind Themenfelder wie die Digitalisierung für die Büchereien spannende Herausforderungen, dessen Möglichkeiten und Grenzen zunächst einmal abgesteckt und dessen schrittweise Umsetzung folglich gut geplant sein will. Dieses Beispiel mag zudem verdeutlichen, wie auch Fachstellenarbeit sich in einem stetigen Wandel und in einem ständigen Veränderungsprozess befindet.

Tapé-Knabe: Corona – eine fremde Situation für uns alle - wie wirkt sich die Pandemie auf Ihre Arbeit aus?
Steuer: Ziel und Anspruch der Fachstelle im ersten Lockdown, im Frühjahr 2020 war, in Kontakt mit den Büchereien zu bleiben, regelmäßige Informationen bereitzustellen, die unter anderem das Umsetzen und das Einhalten der jeweiligen Schutzmaßnahmen und Richtlinien möglich machte. Die Fachstelle war also auch in dieser unsicheren Zeit erste Ansprechpartnerin für die KÖBs. In den Folgemonaten stellten wir uns dann zunehmend die Frage, was die Fachstelle darüber hinaus digital anbieten könnte und welche büchereipraktischen Inhalte sich als digitale Online-Seminare besonders eignen würden. Und so lernten in dieser besonderen Zeit alle umzudenken und den neuen Kommunikationswegen eine Chance zu geben. Zu den vielfältigen Arbeiten, denen sich die Fachstelle täglich stellt, gehören eben auch ungeahnte Herausforderungen wie beispielsweise die Bewältigung der laufenden Aufgaben während einer Pandemie. Das erfordert schnelles Umdenken und Handeln und macht den Bedarf nach stetiger Weiterbildung und das Erlernen neuer Techniken erforderlich, sowohl bei den Mitarbeitenden in der Fachstelle als auch auf Seiten der Ehrenamtlichen.
Ein großer Vorteil der neuen Formate für die Ehrenamtlichen – ganz klar, von zu Hause aus an Veranstaltungen und virtuellen Treffen teilzunehmen, baut Hürden ab, vor allem zeitlicher und räumlicher Art. Was vorher mangels Zeit, weiter Wege oder anderer Verpflichtungen nicht umsetzbar war, ist jetzt leichter erreichbar. Es kann also gut sein, dass wir auch zukünftig die digitalen Angebote beibehalten werden, auch wenn der persönliche Austausch dadurch nicht ersetzt werden kann und soll.

Tapé-Knabe: Wie beurteilen Sie das Potential der KÖB, digitalisierte Orte zu werden oder zu sein? Sehen Sie die Notwendigkeit für Büchereien, sich digital besser darzustellen?
Steuer:
Schon jetzt sind eine Vielzahl von Tools und Anwendungen verfügbar, die ein zusätzliches digitales Angebot ermöglichen und von der Fachstelle finanziell unterstützt werden. Einen eOPAC einzurichten und den gesamten Bestand online zu präsentieren birgt eine Vielzahl von Möglichkeiten, gerade für die Gruppe der Nutzer/-innen, die es zeitlich nicht in die Bücherei schaffen. Verfügbarkeiten checken und Titel vormerken sind praktische Angebote für alle Leserinnen und Leser. Oder die Einführung der Onleihe, der Möglichkeit der digitalen Ausleihe von Medien von zu Hause aus, hat sich gerade in Zeiten von Corona besonders bewährt. Digitalisierung heißt für uns in erster Linie weitere, benutzerfreundliche Angebote zu ermöglichen, die die Büchereien in ihrem Serviceangebot unterstützen sollen. Denn Nutzerinnen und Nutzer sollen auch weiterhin in die KÖBs kommen und Literatur erleben. Die Bücherei soll und muss auch weiterhin Treffpunkt und Begegnungsort bleiben. Denn die persönliche Begegnung, der Austausch mit den Leserinnen und Lesern ist das, was unsere KÖBs ausmacht und natürlich unseren Ehrenamtlichen großen Spaß bringt und sie in ihrer Arbeit im besonderen Maße motiviert.
Also ein klares Ja zur Digitalisierung, aber immer mit dem Fokus auf die Unterstützung der Büchereien als Begegnungsorte und die Arbeit, die das im Besonderen ermöglicht.

Tapé-Knabe: Abschließend die Frage, wie würden Sie die KÖBs unterstützen, wenn unbegrenztes Budget zur Verfügung stünde?
Steuer:
Ein unbegrenzter Geldschatz macht noch keine gute KÖB. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und ihr Engagement sind der eigentliche und wahre Schatz der Büchereien. Denn alles Geld dieser Welt nützt nichts, wenn man nicht die Menschen hat, die bereit sind, sich für diese Arbeit zu engagieren und dafür zu „brennen“ und sich nach ihren jeweiligen Fähigkeiten und Charismen bestmöglich einzubringen.

Diözesantag 2017
(c) M. Recktenwald

 


Das Gespräch führte Christine Tapé-Knabe im Dezember 2020.