Franziska Hartmann

Franziska Hartmann hat den Deutschen Hörbuchpreis 2018 in der Kategorie „Bestes Kinderhörbuch“ gewonnen. Und das zu Recht! Denn sie schafft das Kunststück, im fantasievollen Kinderkrimi „Die furchtlose Nelli, die tollkühne Trude und der geheimnisvolle Nachtflieger“ eine quirlig-bunte Zirkusschar zum Leben zu erwecken. Sie leiht ihre Stimme fast zwanzig menschlich-tierischen Artisten und schenkt jedem von ihnen einen eigenen Charakter.
 

„... das ist wie an einen anderen Ort zu reisen.“


Vielfalt liegt der Schauspielerin auch im wahren Leben. „Was ich an meinem Beruf liebe, ist, dass ich mich nicht für eine Sache entscheiden muss. Ich kann Theater spielen, Filme drehen, Hörbücher sprechen oder synchronisieren. Und ich wechsle sehr gerne ab.“ Ihre berufliche Heimat hat die 33-Jährige am Thalia-Theater gefunden, das als eine der besten Bühnen in Deutschland gilt. Seit fast zehn Jahren gehört sie zum Ensemble: „Hier ist mein Zuhause. Wir kennen uns alle schon lange. Es gibt keine Ellenbogenmentalität und nur wenig Fluktuation“.

Franziska liebt es, als Schauspielerin immer wieder in komplett neue Welten einzutauchen. „Gestern Abend habe ich das Stück ‚Das achte Leben (für Brilka)‘ gespielt. Es dauert fünf Stunden und ich habe drei verschiedene Rollen. Da freue ich mich jedes Mal wieder drauf.“ Franziska spielt eine Operndiva und ein Mädchen vom Land, das eine Zwangsabtreibung machen muss. Außerdem mimt sie eine junge Frau, die vom Sonnenscheinchen zur heroinsüchtigen Selbstmörderin mutiert.

Ist es schwierig, von einer Rolle zur anderen zu wechseln? „Das geht ganz automatisch, durch die Texte, die Kostüme und die Maske. Noch einfacher ist es von Stück zu Stück. Andere Ensembles, andere Bühnen – das ist wie an einen anderen Ort zu reisen.“ Womit wir bei Franziskas zweiter Leidenschaft wären. Die gebürtige Münchnerin hat schon viel von der Welt gesehen: „Kambodscha, Vietnam, Laos, Thailand, Indien, Bolivien, Nicaragua, Georgien, Armenien, Kuba, Iran, Myanmar, Peru, Sri Lanka, Australien… Die Welt hat so viel zu bieten und ich will noch viel mehr sehen“, sagt sie begeistert.

 

Von Impulsen leiten lassen

Gerne ist sie alleine unterwegs. Wenn der letzte Vorhang vor der Sommerpause gefallen ist, packt sie ihre Sachen und steigt in den nächsten Flieger. „Es macht mir Spaß, mit Kamera, Tagebuch und Rucksack durch die Gegend zu reisen und mich komplett von Impulsen leiten zu lassen.“ Dazu gehört auch, in Israel spontan den Bus in eine völlig andere Gegend zu nehmen, als ursprünglich gedacht, weil der andere eben voll war. „Alleine ist man gezwungen auf Menschen zuzugehen und lernt Land und Leute näher kennen. Zusammen zu reisen und gemeinsam Dinge zu erleben, hat aber Foto: Engin Akyurt/Pixabay auch unschlagbare Vorteile.“

Ängste kennt Franziska nicht. „Letztes Jahr bin ich mit einer Freundin im Land Rover durch Namibia gefahren. Alle fanden das aufregend. Aber genau das liebe ich.“ Es sei auch noch nie was passiert, deshalb düse sie relativ angstfrei los, sagt die lebenshungrige Schauspielerin lachend. „Ich habe ein gutes Urvertrauen. Es bringt nichts, sich ständig zu sorgen. Was passiert, passiert! Egal, ob ich mir vorher Gedanken gemacht habe oder nicht.“

Eine Unbekümmertheit, die sich durch Franziskas Leben zieht. „Ich bin ein totales Glückskind“, sagt sie über sich selbst. „Mir ist so viel zugefallen im Leben.“ In der Schule hatte sie keine Probleme, konzentrierte sich nebenbei auf das Singen, Theaterspielen und Musizieren. „Ich war in einer Laienspielgruppe und im Schultheater, habe am Opernchor in München gesungen und im Schulorchester gespielt. Geige, Flöte, ein bisschen Klavier und Gitarre …“

 

Der Weg zur Schauspielerin

Zu dieser Zeit, ist ihr noch nicht klar, dass daraus mal ein Beruf werden könnte. „Ich wusste gar nicht, dass man Schauspiel studieren kann.“ Eine Zeit lang jobbt Franziska als Kellnerin. Eine Kollegin schreibt ihr ein paar gute Schauspielschulen auf einen Zettel. Noch während des Abiturs bewirbt sich Franziska kurz entschlossen bei allen, bei denen die Anmeldefrist noch nicht abgelaufen ist. Sie wird nach Leipzig an die Felix Mendelssohn-Bartholdy Hochschule für Musik und Theater eingeladen. „In diesem Jahr haben 1.200 Leute vorgesprochen.“ Sechs Mädchen und zwölf Jungs werden ausgewählt. Franziska ist dabei. „Das war ein Riesenglück“, sagt sie und schwärmt begeistert von ihrer Studienzeit.

„Es war ein sehr praxisbezogenes Studium. In den ersten zwei Jahren hatten wir gefühlt zwölf Stunden am Tag Unterricht. Fechten und Bewegung, Sprechunterricht und Liedgestaltung.“ Die folgenden beiden Jahre verbringt sie als Schauspielern in Ausbildung am Theater Chemnitz. „Da habe ich wahnsinnig viel gelernt und mit erfahrenen Schauspielern gespielt. Auch große Rollen rauf und runter.“ Parallel erhält sie weiter Unterricht. Nach dem Studium verbringt Franziska ein halbes Jahr am Theater Bonn, bevor sie zum Thalia wechselt.

Wenn die Schauspielerin heute ins Rheinland zurückkommt, dann meist für Dreharbeiten. So wie vor drei Jahren für die WDR-Produktion „Über Barbarossaplatz“ – ein schonungsloses Großstadt-Drama um drei Psychotherapeuten. Hier spielt sie eine junge Frau, die in ihrem selbstzerstörerischen Wahn bis zum Äußersten geht. Ein Film, der nicht weiter vom Hörbuch um Nelli und Trude entfernt sein könnte und die Bandbreite von Franziskas Spielkunst einmal mehr beweist.

„'Über Barbarossaplatz' ist heftig, aber ich habe kein Problem damit“, sagt Franziska. Sie hat einen gesunden Abstand zu ihren Rollen und keine Alpträume nach Drehschluss. Auf einem Festival sieht sie den Film auf einer großen Leinwand. „In einer Szene schneide ich mir die Pulsadern mit einer Cola-Dose auf. Um mich herum habe ich die entsetzten Geräusche der anderen Zuschauer gehört. Das fand ich lustig.“

Sie selbst erinnert sich beim Schauen eher an die schönen Dreharbeiten. Damals probte sie zeitgleich in Hamburg und hatte ein paar eng getaktete Wochen. „Einmal habe ich bis fünf Uhr morgens in Köln gedreht, wurde dann gleich nach Hamburg gefahren, habe kurz geduscht und bin dann zur Probe. Nach der Probe bin ich sofort wieder nach Köln geflogen und danach wieder zur Probe und Vorstellung nach Hamburg“, erzählt sie und lacht. „Rumkommen in Deutschland – heute hier, morgen da, das ist genau mein Ding.“

 

Von Hamburg in die Welt

Hamburg allerdings ist und bleibt die Homebase der Münchnerin, die sich in der Hansestadt mittlerweile „zuhausiger“ fühlt als in Bayern. In ihrer Wohnung im schönen Stadtteil Ottensen kann sie runterkommen. „Ich genieße die Ruhe und kann zu Hause sehr gut entspannen.“ Am liebsten sitzt sie gemütlich mit einem Cappuccino in der Morgensonne oder genießt ihren Garten. „Wir proben meistens erst ab elf Uhr, das ist echter Luxus!“

Am liebsten würde die Globetrotterin mal im Ausland arbeiten. „Ein Freund dreht gerade einen Film im Dschungel, sowas kann ich mir sehr gut vorstellen.“ Im Sommer wird es schon mal in den Wald gehen. Franziska dreht einen Kinofilm mit Regisseurin Tina Ebelt. Darin spielt sie eine Mutter, die für sich und ihren Sohn keine Wohnung findet und in einem Zelt im Wald lebt. „Es geht um ihren Kampf, einen Ausweg zu finden, um die Angst, das Jugendamt könnte ihr das Kind wegnehmen, und um die Beziehung zwischen Mutter und Sohn.“

Was sie sich für die Zukunft wünscht? „Im Moment bin ich rundum glücklich. Es wäre toll, wenn alles so bleibt wie es ist – beruflich und privat.“ Bald will sie mit ihrem Freund zusammenziehen und irgendwann auch Familie haben. Bis dahin übt sie mit ihren acht Patenkindern. So viele? „Ja“, sagt sie lachend. „Fünf davon sind Geschwister – Zwillinge und Drillinge.“ Ihr ältestes Patenkind ist acht Jahre alt. Vielleicht liest sie ihm demnächst die Geschichte von Nelli und Trude vor. Mit all ihren vielen Stimmen.

Janina Mogendorf
Juni 2018

Unsere Autorin ist freie Journalistin und wohnt mit Mann und Tochter in Königswinter bei Bonn.

Kontakt über die Redaktion

Kinderhörbuch des Jahres

"Die furchtlose Nelli, die tollkühne Trude und der geheimnisvolle Nachtflieger" von Verena Reinhardt
ISBN 978-3-945709-56-6

Ein Zirkus-Krimi voller Witz und Spannung ab 9 Jahren. Mit Sinn für urkomische Situationen und skurrile Figuren gelesen von Franziska Hartmann. Hörprobe (mp3), Dauer 2:15 Min.

weitere Infos

Franziska Hartmann bei thalia-theater.de

Pressemeldung Bestes Kinderhörbuch 2018

 

weitere Kategorien

Literatur-Café

Schwerpunkte

Leseförderung