Maarten 't Hart

„Literatur?“ So lässt Maarten 't Hart in seinem Roman Unterm Scheffel (1991) eine Klavierlehrerin zweifeln: „Das ist nichts anderes, als mit teuren Wörtern schönes Wetter machen.“ Doch der Klavierschüler, der später ein gefragter Pianist Maarten t'Hart Maarten t'Hart (2011) wird, beweist das Gegenteil. Die Geschichte, die ihn der Autor von einer amour fou mit einer deutlich jüngeren Tierärztin erzählen lässt, ist eine stimmige, eine ästhetisch klingende Gesamtkomposition. Eine von vielen in dem Werk eines der populärsten niederländischen Autoren.

Der 1944 in Maassluis bei Rotterdam geborene Schriftsteller Maarten 't Hart weiß, wovon er spricht. Musikalisch ist seine Sprache, auch in der deutschen Übersetzung (überwiegend von Gregor Seferens), Musiker tauchen häufig in seinen Romanen auf, er hat Essaybücher über Mozart und Bach geschrieben.

Und stellt seine musikalische Begabung nicht unter den Scheffel. Nur dass dieses frühkindliche Talent im streng religiösen Elternhaus nicht zur Entfaltung kommen konnte. Seine Eltern waren, der Vater 1938 und die Mutter 1940, in die orthodox-calvinistische Kirche eingetreten. Musik war allenfalls in der Kirche statthaft, Lesen gehörte nicht zum Bildungsprogramm, und sogar die Zahnpflege war verpönt, weil der Vater Prothesen für besser hielt als angeblich unnötige und teure Kronen und Wurzelbehandlungen, was wiederum den Jungen vernünftigerweise zum „illegalen Zähneputzen“ brachte.

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Maarten 't Hart im Porträt

Als 2010 „Der Schneeflockenbaum” in Deutschland erschien, wurde dieses Video produziert, das 't Hart u.a. am Klavier zeigt.


Mit Humor und Mutterwitz

Maarten 't Haart erzählt das Drama des hochbegabten Kindes als Tragikomödie mit einem Überschuss an Humor und Mutterwitz. Das erfahren wir aus seinen Novellen, zuletzt in So viele Hähne, so nah beim Haus (2019), und aus den autobiographischen Romanen Ein Schwarm Regenbrachvögel (1978) über die Mutter, eine Gärtnerstochter, Gott fährt Fahrrad (1979) Maassluis (Bildnachweis s.u.) über den früh verstorbenen Vater, der Totengräber war, und vor allem aus der Familiengeschichte Magdalena (2015).

Der Vierjährige wollte sich selbst im Kindergarten anmelden, machte unerlaubte Ausflüge mit seinen kleinen Geschwistern und nervte seine Eltern mit Glaubensfragen, die er nicht verstand. Warum hat Noah seinen Großvater Methusalem ertrinken lassen? Wie konnten alle Tierarten auf die Arche kommen, wenn es zwei Millionen davon gibt, was 900 Tage gedauert hätte, wobei die biblische Sintflut-Geschichte nur von sieben Tagen ausgeht? Welche Rolle hat der Verräter Judas im christlichen Heilsplan? Und warum hat Gott den Holocaust zugelassen?

Solche Fragen rüttelten am Weltbild von Maarten 't Hart und weckten sein naturwissenschaftliches Interesse. 1962 begann er ein Studium der Biologie in Leiden, 1978 machte er seinen Doktor in Verhaltensbiologie. Fast schon epische Vorläufer der Human-Animal Studies sind t’Harts erste Romane Stenen voor een ransuil (Steine für eine Waldohreule, 1971) und Een vlucht regenwulpen (Ein Schwarm Regenbrachvögel, 1988), der ihn in den Niederlanden als Autor bekannt machten.

Von der internationalen Kritik ist Maarten 't Hart eine Zeitlang als in die Literatur verirrter Verhaltensforscher unterschätzt und auf den Rang eines Bestsellerautors reduziert worden. Mit dem Kriminalroman Das Wüten der ganzen Welt (1997) wurde er auch in Deutschland zum gefeierten Schriftsteller. Dieser Roman ist aber weitaus mehr: ein Entwicklungsroman und ein Erinnerungsroman, der zurückführt in die Jahre der nationalsozialistischen Okkupation in den Niederlanden. Es sind die Themen, die sich wie ein roter Faden durch 't Harts Werke ziehen: Freundschaft und Verführung, Widerstand oder Kollaboration, Bigotterie und Endlichkeitsphilosophie. „Das Leben ist so flach, daß du an seinem Ende schon deinen Grabstein stehen sehen kannst“, sagt in dem Roman Das Wüten der ganzen Welt (1997) ein Dirigent zu einem Komponisten. Da ist sie wieder: die Macht der Musik, in der der Autor nach eigenen Worten sein „Bedürfnis nach Metaphysik“ auslebt, am schönsten vielleicht in dem Beerdigungskapitel des Mutterromans Magdalena: mit einer sehr unorthodoxen, aber weltfrommen Lesart des Apostolischen Glaubensbekenntnisses und einer Kritik übertriebener Psalmengesänge.

Maarten 't Hart lebt in einem Dorf in der Nähe von Leiden, und aus der Provinz stammen auch seine Romanfiguren. Es sind – wie in den Romanen von Dickens, Fontane und Raabe – Käuze, Sammler, Sonderlinge, an denen sich die sozialen Probleme der Zeit anders abzeichnen als bei Großstadtneurotikern. So in dem Roman In unnütz toller Wut (2004), einer Provinzgroteske über einen Musik-, Tier- und Frauenliebhaber, der einer sirenenhaften Frau zum Opfer fällt und lernt, dass der Wahnsinn im Menschen haust aus Angst vor dem Tod.

Selbsthumor hat der Autor auch. 1991 tauchte er als junge schöne Frau verkleidet auf dem Literaturball in der Amsterdamer Schouwburg auf und erfreute sich diebisch an den Flirtversuchen der Kollegen; Nooteboom legte, erzählt er, einen Arm um ihn. Als der Filmemacher Werner Herzog einen Experten suchte, der den Delftern die Angst vor den 10.000 Ratten nehmen sollte, mit denen am Drehort des Vampirfilms Nosferatu (1979) die Stadt überschwemmt werden sollte, schrieb er ein Gutachten.

Ein Musikstück sagt am Ende nicht unbedingt mehr als 1.000 Worte. Maarten 't Hart erzählt als Realist, mit einem teils traurigen, teils humorvollen, aber nie verklärendem Blick auf die Welt. Mit Bach und Beethoven ist Trauer zwar leichter zu tragen. Aber es gilt auch oft, wie es am Anfang von Unterm Scheffel heißt:  „Man kann mit Musik niemanden zum Lachen bringen“. Michael Braun

 


Der Autor

Michael Braun ist Literaturreferent der Konrad-Adenauer-Stiftung, apl. Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität zu Köln und medienprofile-Rezensent.

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Bildnachweis

Fotos in der Banner-Collage:

Maassluis: De Grote Kerk vom Hafen aus gesehen - Michielverbeek / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)

Maarten 't Hart: © Sven Paustian mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags

Fotos im Text:

Maarten 't Hart: Krimidoedel Dr. Jost Hindersmann auf wikimedia, cc BY 3.0

Maassluis: bertknot, maassluis (42) bei flickr.com, cc BY-SA 2.0