Karte der Mauer - Webcyss, The Fall - Lear 21, Bernauer Strasse, Blick auf Eberswalder Strasse, Grenzanlage Wedding/Prenzlauer Berg 1973 - Karl-Ludwig Lange

Mauerfall und Wiedervereinigung in der Literatur

Vom glücklichsten Volk der Welt und den Erfahrungen seiner Bewohner

Mit dem Trabi durch „ein weites Feld“ der Wenderomane, an der Nikolaikirche vorbei zu "Kindermund und Schneckenmühle", führt Sie unser Autor zu den „Simple Storys“, der Silvesterfeier hin zum "Wahnsinn" der „Mauer auf Mauer zu“ Zeiten. Haben Sie die Stichworte neugierig gemacht? Viel Vergnügen bei der Lektüre und schreiben Sie uns wie es Ihnen gefallen hat. Ihre Ulrike Fink, Redaktion

von Thomas Völkner

„Es ist unmöglich. Man kann das 'glücklichste Volk der Welt' nicht ignorieren. Keine Chance, den ganzen Tag schon nicht.“ Der Westberliner Kriminalbeamte Hans Dieter Knoop schaut aus dem Fenster seiner Schöneberger Wohnung, beobachtet die Kundgebung, auf der Willy Brandt sein „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ ins Mikrofon raunzt, hört die Jubelrufe der Landsleute aus Ost und West und auch die ersten Schmähungen jener Polit-Aktivisten, denen das schwarz-rot-goldene Pathos am Tag nach der Maueröffnung schon überhand nimmt. Knoop ist überrascht von der riesigen Freude, dem Zustrom der Ostberliner und der sich Bahn brechenden Kauflust. Als es plötzlich an der Tür klingelt, kommt es für Knoop noch schlimmer: „Plötzlich war meine Bude voll mit lauten, begeisterten Menschen, die alle behaupteten, irgendwie mit mir verwandt zu sein. Dabei hätte ich schwören können, keinem von denen jemals begegnet zu sein. Bis auf die alte Tante Erna, Rentnerin aus Ostberlin. Ich hatte sie des Öfteren zum Aldi-Markt begleitet, wo sie sich eindeckte mit Kaffee, Tempotaschentüchern und anderen Dingen des täglichen Bedarfs, die im Osten wohl Mangelware waren. Jetzt hatte diese Tante Erna ihre ganze Sippe mitgeschleppt. Der reine Horror. Ich wurde umarmt und geküsst wie ein verlorener Bruder.“

Eine riesige Materialfülle


Hans Dieter Knoop ist eine Figur aus „Wunderland“ von Oliver G. Wachlin. Der Kriminalroman spielt in den Wochen unmittelbar nach dem Mauerfall, als die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen vor allem in Berlin, an der Nahtstelle des Kalten Krieges, förmlich zu greifen waren. Wachlin nutzt die Möglichkeiten des Genres, um einige Facetten des Veränderungsprozesses im Rahmen einer spannungsgeladenen Story vorzuführen: Mögliche Eingriffe der vier Besatzungsmächte in die laufenden Ereignisse, latente Gefahr eines bewaffneten Widerstands der DDR-Staatssicherheit, Radikalisierung einzelner politischer Gruppen und einiges mehr. Hinzu kommen natürlich die spektakulären, emotional aufgeladenen Bilder von Flüchtlingen, Trabbi-Kolonnen, Schlangen vor den Banken und Feuerwerkslichter über dem Brandenburger Tor.

25 Jahre nach den historischen Ereignissen bieten deutsche Teilung, Mauerfall, Währungsunion, Wiedervereinigung und Lebenserfahrungen im größer gewordenen Deutschland der erzählenden Literatur eine riesige Materialfülle. Dabei wurde der von Teilen des Literaturbetriebs in den 1990er Jahren vehement geforderte „Wenderoman“ inzwischen glücklicherweise zu den Akten gelegt. Damals herrschte die Vorstellung, ein namhafter Autor könne die einzigartigen Erfahrungen der Deutschen in einem sinnstiftende Roman nachzeichnen und ihnen so dauerhaft eine Bedeutung verleihen. Mittlerweile wird zwei, drei Nummern kleiner gedacht, geschrieben und rezipiert. Versatzstücke der Historie tauchen in allen literarischen Formen und Genrens auf: Es gibt Familiengeschichten, die das gesamte 20. Jahrhundert umfassen und in denen die Wende nurmehr ein Wendepunkt unter mehreren ist. Es gibt tragische Storys über Schuld, die in einem Gesellschaftssystem aufgeladen und im anderen beglichen wird. Es gibt an Sozialreportagen grenzende Beobachtungen von „Wendeverlierern“ und „Wiedervereinigungsgewinnlern“, und manchmal werden solche Storys auch ins Groteske gedreht. Es gibt Plots, in denen den Überresten der DDR, ihren Geistern oder Wiedergängern nachgespürt wird. Und natürlich liefert das angesammelte Faktenwissen über den ostdeutschen „Unrechtsstaat“ eine Fülle von Ansatzpunkten für Texte der Genres Krimi und Thriller.

An den Streit über „Ein weites Feld“ wurde anlässlich der positiven Aufnahme von Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ noch einmal erinnert. Einigen gilt Tellkamps Sittengemälde aus dem bürgerlichen Milieu im Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch als die bessere Herangehensweise an einen sinnstiftenden „Wenderoman“. Allerdings endet die Handlung des „Turms“ mit dem Tag des Mauerfalls, es wird hier also vornehmlich eine Geschichte des Untergangs der DDR präsentiert.

Drei Figuren stehen im Mittelpunkt der breit angelegten Handlung: Der am Anfang noch minderjährige Christian Hoffmann, der Arzt werden möchte, zuvor aber den Militärdienst absolvieren muss, in dessen Verlauf er sich strafbar macht und ins Gefängnis der Nationalen Volksarmee gesteckt wird. Daneben Christians Vater, der Chefarzt Richard Hoffmann, der sich aufgrund einer weit zurückliegenden Denunziation erpressbar gemacht hat. Schließlich Christians Onkel, der Verleger Meno Rohde, in dessen Tagebucheinträgen die Bedeutung von Kunst und Kultur in der DDR reflektiert wird. Alle drei Hauptfiguren müssen am Ende der Geschichte angesichts der Demonstrationen im Wendeherbst 1989 Farbe bekennen.

Kindermund und Schneckenmühle


Sommer 1989. Der 14-jährige Jens fährt mit anderen Kindern und Jugendlichen nach Sachsen ins Ferienlager. Organisiert wurden solche Reisen von Betrieben, bei denen die Eltern beschäftigt waren. Jens ist nicht zum ersten Mal mit von der Partie. Aber in diesem Sommer wird einiges anders sein als zuvor. Radikale Veränderungen sind dabei, die langjährigen Routinen hinwegzufegen. Das gilt für Jens selbst, der – die Pubertät lässt grüßen – manches neu betrachtet und empfindet. Und es gilt für den Staat, in dem er lebt und wo es schon in naher Zukunft keine Betriebsferienlager mehr geben wird.

Während in „Schneckenmühle“ die Mauer vorerst noch stehen bleibt, fällt sie im Comic-Roman „Kinderland“ tatsächlich. Und sie tut dies zeitlich so ungünstig, dass Mirco, der Protagonist der Geschichte, um ein großes Vergnügen gebracht wird, auf das er gegen den erbitterten Widerstand seiner Schule hingearbeitet hatte. Am 10. November 1989 sollte endlich das von ihm organisierte Tischtennis-Turnier über die Bühne gehen. Doch dann muss er mit den Eltern und der kleinen Schwester einen spontanen Ausflug nach Westberlin unternehmen. Vom Begrüßungsgeld, das jedem DDR-Bürger zustand, kauft er einen Tischtennis-Schläger – ein zunächst nur kleiner Trost, der im weiteren Verlauf der Story aber zu einer wichtigen Versöhnung führt.


In „Kinderland“ erzählt der Autor-Zeichner Mawil (bürgerlich Markus Witzel) auf 300 Seiten vor allem vom DDR-Schulalltag während der Wendewochen. Auch hier erscheinen die Umwälzungen inmitten zahlreicher Bezüge zum DDR-Alltag eher beiläufig. Sie sind jedoch deutlicher herausgearbeitet als bei Jochen Schmidt: Da tauchen einzelne Lehrer nicht mehr zum Unterricht auf, offensichtlich weil sie in den Westen gegangen sind. Mircos Eltern engagieren sich in der kirchlichen Friedensbewegung, während sein Freund Torsten von der alleinstehenden Mutter großgezogen wird, weil sein Vater in Westberlin lebt. Mirco, der gleichzeitig bei den Jungpionieren und den Messdienern mitmacht, erfährt schmerzlich den Spagat zwischen staatstreuer Anpassung und individualistischer Selbstbehauptung.

Der westliche Blick


„Silvester hält nie, was es verspricht.“ Dieser abgeklärte Befund könnte als Motto über dem Roman „Freispiel“ von Andreas Platthaus stehen. Was die Silvesternacht 1989/90 den Protagonisten  allerdings versprechen soll, bleibt undeutlich. Es sind ein paar 20-jährige, die sich am letzten Tag des Wendejahres '89 weit im Westen der alten Bundesrepublik in ihre Autos setzen und sich auf den Weg nach Berlin machen. Leicht diffuse Gedanken, durchaus unbedarft formuliert, werden zu den Antriebsfedern der Tour: „Ein letztes Mal in zwei verschiedenen deutschen Staaten feiern, denn – das hört man ja überall im Westen – bald ist es mit der DDR sowieso vorbei.“ Es sind Vorstellungen von jungen Erwachsenen, die die Wahrheiten über Politik und Gesellschaft angesichts der epochalen Veränderungen noch nicht verstanden haben, die sich das gerade Erlebte ein Stück weit zusammenreimen und am Ende doch meistens mit sich selbst beschäftigt sind.

Aus der Perspektive der namenlosen Ich-Erzählerin, die mit Thomas, dem Alphamännchen der Gruppe liiert ist, erfährt man die Stationen der Reise: Eine lange Autofahrt, die Ankunft im Haus des Onkels im Berliner Südwesten, der Marsch zum menschenleeren Alexanderplatz, einige Momente des Feierns am Brandenburger Tor und dann – sicher am interessantesten – die Bekanntschaft mit vier mindestens doppelt so alten Ostberlinern, mit denen sie in Pankow den Rest der Nacht verbringen. In dieser Privatfeier prallen Erfahrungswelten und Lebenskonzepte aufeinander: Auf der einen Seite westliche Wohlstandskinder, die in der Schlussphase des Kalten Krieges aufgewachsen sind, auf der anderen die Ostdeutschen, die genauso alt sind wie ihr untergehender Staat. Einerseits das Auftreten in Siegerpose, wenn auch lang nicht so lautstark wie einige Politiker und Unternehmer in den Folgejahren, andererseits eine Mischung aus Verteidigung der Errungenschaften in der DDR, gepaart mit Resignation und aufkeimenden Existenzängsten: „Begreifst du nicht, was das für uns bedeutet? Was hier auf dem Spiel steht? Wir verlieren vielleicht alles. Und du, du willst dir hier die Sonne ins Gesicht scheinen lassen. Das Kapitalistenkindchen möchte in Ruhe gelassen werden, weil es andere Probleme hat. Aber unsere Probleme werden auch eure werden.“

Wahnsinn!

Der Fall der Mauer, die Berlin mehr als 28 Jahre trennte und die sinnbildlich für die gesamten Grenzanlagen zwischen den deutschen Staaten steht, wurde von den Zeitgenossen, besonders von jenen, die damals unerwarteterweise die Grenze überqueren oder Landsleuten von der anderen Seite begegnen durften, oft spontan mit Aussprüchen wie „Das ist irre!“ oder „Wahnsinn!“ kommentiert. Was gestern noch als unvorstellbar galt, war plötzlich möglich. Entsprechend atemlos, direkt und vorläufig unreflektiert fielen die Reaktionen aus. Den gefühlten Irrsinn und die empfundenen wahnsinnigen Geschehnisse fängt Thomas Brussig in seinem satirischen Roman „Helden wie wir“ ein, der nicht vergessen werden sollte. Bei Brussig behauptet der Ich-Erzähler Klaus Uhltzscht in einer irren Selbstüberschätzung, er habe mir seinem aufgrund einer Operation riesigen Genital für die Öffnung der Mauer gesorgt. Überhaupt sei die DDR genau während seines gut 20-jährigen Lebens Stück für Stück verkümmert und untergegangen.

Eine radikale Personalisierung – auch das eine Möglichkeit, dem epochalen Wendepunkt der deutschen Geschichte literarisch beizukommen.

Thomas Völkner
Juli 2014

 

Bildhinweise

Kopfbild
Karte der Mauer - Webcyss  Creative-Commons-Lizenz

The Fall -  Lear 21 at en.wikipedia

Bernauer Strasse, Blick auf Eberswalder Strasse, Grenzanlage Wedding/Prenzlauer Berg 1973 - Karl-Ludwig Lange Creative-Commons-Lizenz

andere Bilder
Trabi -  burts - André Stöhr, Dresden Creative-Commons-Lizenz

Günter Grass im Gespräch mit Wolfgang Herles - Magiers-Urheber Blaues Sofa from Berlin, Deutschland

Bautzner Landstraße auf dem Weißen Hirsch mit dem zweiten Gasthof Weißer Hirsch (l.) gegen Ende des 19. Jahrhunderts - gemeinfrei

Nikolaikirche 2010 -  JesterWr Creative-Commons-Lizenz

diezahlpi-Mario Heinemann-pixelio.de 2006

Kinderland - reprodukt verlag

Dresden im April 1982, Prager Straße - Bundesarchiv Bild 183-1982-0413-007, Dresden, Prager Straße, Springbrunnen CC-BY-SA-3.0-de, ADN-ZB Ulrich Häßler 13.4.82 Dresden

31. Dezember 1989: Ein bewegendes Jahr endet mit der größten Silvesterparty, die Deutschland je gesehen hat: Hunderttausende feiern den Jahreswechsel rund ums Brandenburger Tor. Die Bilder gehen um die Welt © 2014 Presse- und Informationsamt der Bundesregierung

bunte Mauer: Dieses Bild wurde 1986 von Thierry Noir am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg fotografiert. Man sieht eine Grenzstreife der DDR - Noir aus der deutschsprachigen Wikipedia Creative-Commons-Lizenz

Berlin, Grenzübergang Bornholmer Straße -  Bundesarchiv, Bild 183-1989-1118-028 / CC-BY-SA