175 Jahre Borromäusverein

Vom Dienst am „guten Buch” zum Dienstleister für die Katholische Büchereiarbeit

von Prof. Dr. Siegfried Schmidt

Mit 175 Jahren zählt der Borromäusverein im Jubiläumsjahr 2020 zu den ältesten unter den zahlreichen katholischen Vereinen und Verbänden, die mit Sitz und Stimme im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZDK) vertreten sind. Aktuell stellt sich der Verein auf seiner Webseite als „eine Einrichtung der Katholischen Kirche und ein engagierter Dienstleister“ vor, der „mit Kompetenz einen Überblick über den Medienmarkt verschafft und […] als Bildungsvermittler zur Seite steht.“ Sein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Katholischen Öffentlichen Büchereien, für die er zusammen mit 15 diözesanen Fachstellen aus dem Bundesgebiet außerhalb Bayerns Angebote entwickelt.1

Gegründet wurde dieser 1845 im rheinischen Bonn als „Verein vom Heiligen Karl Borromäus zur Förderung des katholischen Lebens und zur Begünstigung guter Schriften und Bücher”. Schon dieser erste offizielle Name verweist auf die völlig anderen Zeitumstände in der Mitte des 19. Jahrhunderts2.  Während der sogenannten „Kölner Wirren“ hatte die Inhaftierung des Kölner Erzbischofs durch die preußische Obrigkeit im Jahre 1837 unter rheinischen Katholiken für eine große Unruhe gesorgt. Zugleich war dieser massive staatliche Eingriff eine Initialzündung für vielfältige, auch von katholischen Laien ausgehenden Bestrebungen, das Selbstbewusstsein der katholischen Bevölkerung zu stärken und das katholische Leben zu erneuern. So ging es den Gründungsvätern des Borromäusvereins um den Landrat des Siegkreises, Freiherr Max von Loë, und den Kölner Gerichtsrat August Reichensperger vorrangig um die „Förderung des katholischen Lebens“. Unter mehreren Ideen, wie man dies am besten erreichen könnte, setzte sich schließlich der vor allem von Reichensperger in die Debatte eingebrachte Vorschlag durch, hierfür auf die Begünstigung und Verbreitung guter Schriften zu setzen. Freiherr von Loë, der stattdessen die Barmherzigen Schwestern vom hl. Karl Borromäus aus dem französischen Nancy zur Stärkung der Krankenpflege ins Rheinland holen wollte, steuerte bei der Vereinsgründung, so die historische Überlieferung, den Vereinsnamen bei. Modern gesprochen, also eine Win-Win-Situation zwischen Reichensperger und von Loë: der eine liefert das Konzept und der andere den Vereinsnamen. Auf diese Weise wurde ein norditalienischer Reformbischof, der hl. Karl Borromäus (1538-1584), der nach dem Konzil von Trient viel für die Vertiefung des Glaubenslebens in seiner Diözese Mailand getan hatte, fortan zum Patron der katholischen Büchereiarbeit in Deutschland.

 

Gelungener Start

Schon unmittelbar nach der Vereinsgründung beschloss man ein sehr tragfähiges, rückblickend muss man sagen, nahezu geniales Arbeitskonzept. Dieses bildete für rund 150 Jahre die Basis für alle Aktivitäten des Borromäusvereins: Die preisgünstige Vermittlung von Schriften und Büchern an die in Ortsvereinen zusammengeschlossenen, nur einen geringen jährlichen Beitrag zahlenden Mitglieder zum Eigenbesitz und der Aufbau und die Förderung örtlicher Borromäusbüchereien aus den Erträgen und Überschüssen, die im Zuge dieser Buchvermittlung erwirtschaftet wurden. Ähnliche Konzepte gab es durchaus auch bei anderen gesellschaftlichen Gruppen und Vereinen, die sich im 19. Jahrhundert die Buchverbreitung auf die Fahnen geschrieben hatten. Aber keine andere Organisation hat diese Idee so konsequent, dauerhaft und erfolgreich umgesetzt.

Die Vereinsidee zeigte rasch erfreuliche Anfangserfolge: Startete man in den Gründungsjahren 1845/46 mit rund 9.500 Mitgliedern, die in knapp 100 Ortsvereinen zusammengeschlossen waren, so konnte man 25 Jahre später, 1870, auf 54.103 Mitglieder in 1.471 Ortsvereinen verweisen. Diese verteilten sich auf 35 Diözesen im Deutschen Reich und darüber hinaus auch im deutschsprachigen Ausland3

 

Widrige Bedingungen

Doch dann folgte das Jahrzehnt des „Kulturkampfes“: Der vor allem von Reichskanzler Otto von Bismarck geschürte Konflikt zwischen Preußen bzw. dem Deutschen Reich und der Katholischen Kirche führte zu vielerlei Einschränkungen des katholischen Vereinslebens und zu rückläufigen Mitgliederzahlen. Interne Schwierigkeiten kamen hinzu: Der Bonner Theologieprofessor Franz Xaver Dieringer (1811-1876), Gründungsmitglied und Vereinsvorsitzender, musste sich 1871 als Landpfarrer in seine hohenzollerische Heimat zurückziehen. Er hatte sich gegen das beim Ersten Vatikanischen Konzil verkündete Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes ausgesprochen.

Zwar erholten sich ab den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts die Mitgliedszahlen langsam wieder; dennoch „dümpelte“ der Borromäusverein in den folgenden beiden Jahrzehnten eher vor sich hin. Die personell sehr schwach besetzte Zentrale in Bonn konnte kaum inhaltliche Anstöße für die Ortsvereine geben. Dies sollte sich erst ändern, als um 1900 die Impulse, die die sogenannte „Bücherhallenbewegung“ für das Volksbüchereiwesen in Deutschland gab, im Verein aufgegriffen wurden.

 

Neuer Schwung

Eine Intensivierung der Auswahl- und Besprechungsarbeit, die Gründung einer eigenen Zeitschrift ab 1900 (Borromäusblätter/Die Bücherwelt), die neben bibliothekarischen Fachaufsätzen und bibliothekspraktischen Themen auch literaturkritische Artikel enthielt, die Öffnung der Borromäusbüchereien für Nicht-Vereinsmitglieder und die Schaffung erster moderner Musterbüchereien vor allem im städtischen Umfeld sind Beispiele für diesen Aufschwung, den der Verein im Wettbewerb mit anderen Trägern der Volksbüchereiarbeit nun nahm. In der 1900 neu formulierten Vereinssatzung fokussierte man sich nun ganz auf die „Begünstigung, Förderung und Verbreitung guter Schriften erbauenden, belehrenden und unterhaltenden Inhalts.“ Und um genügend Platz für alle diese Aktivitäten und für das wachsende Buchgeschäft zu haben, wurde 1913 der bisherige Standort der Zentralstelle am Bonner Münsterplatz aufgegeben und ein stattlicher, im späten Jugendstil errichteter Neubau am Wittelsbacherring in der Weststadt bezogen.

Die Verstetigung dieses Aufschwungs ist eng mit den Namen zweier katholischer Priester verbunden, die kurz nacheinander in jungen Jahren in der Zentralstelle tätig wurden, und die über Jahrzehnte hinweg bis in die Mitte der 50er Jahre die Geschicke des Vereins in führenden Positionen leiteten: Der von der unteren Nahe stammende Prälat Johannes Braun (1879-1958), der 1909 als Sekretär eingestellt wurde und von 1934-1955 als Direktor an der Vereinsspitze stand, sowie der im Schwarzwald geborene, fünf Jahre jüngere Msgr. Dr. Albert Rumpf (1884-1978), der 1912 nach Bonn kam und von 1922 bis zu seinem Ruhestand 1958 das Amt des Generalsekretärs inne hatte. Rumpf war dabei eher ein intellektueller Vordenker, der wichtige Beiträge zum Selbstverständnis und zum Bildungsauftrag der katholischen Büchereiarbeit lieferte. Braun hingegen etablierte sich als eine in katholischen Kreisen gut vernetzte, umtriebige, reisefreudige und damit stets auch vor Ort in den Diözesen präsente Führungskraft, die sich den Verein zu ihrem alleinigen Lebensinhalt gemacht hatte. Innerkirchlich achtete er scharf darauf, dass keine  andere katholische Organisation dem Borromäusverein seine Rolle als „Platzhirsch“ der katholischen Volksbildungsarbeit mit dem Buch streitig machte4.

 

Stetige Professionalisierung

Nachdem in Deutschland der Schwung der Bücherhallenbewegung in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg erst einmal erlahmt war, sahen die Volksbüchereien generell für lange Zeit ihre wichtigste Aufgabe darin, Volksbildungsarbeit zu leisten. Der Borromäusverein betrachtete dabei die Vermittlung und Festigung einer katholischen Weltanschauung als sein oberstes Bildungsziel. Buchangebot und Buchauswahl standen unter dieser Prämisse. Die Bibliothekar*innen hatten dabei selbstverständlich einen geistigen Führungsanspruch gegenüber ihren Leser*innen. Das Vereinsgabengeschäft sollte vor allem dem Zweck dienen, dass die Mitglieder sich über die Jahre eine katholische Haus- und Familienbücherei aufbauten. Als „gutes Buch“ galt vor allem ein Werk, das in diesem Sinne als Bildungsmittel eingesetzt werden konnte. Im Bereich der Erzählenden Literatur konnte daher der Roman eines katholischen Schriftstellers, der unter literaturkritischen Aspekten als dürftig einzuschätzen war, in höchsten Tönen gelobt werden, wenn er nur die richtige Moral verbreitete. Ein intensiver Kampf gegen den sogenannten „Schmutz und Schund“ bildete die andere Seite dieses Einsatzes für das gute Buch.


Mit dieser Arbeit bewegte sich der Borromäusverein fast ausschließlich innerhalb des „katholischen Milieus“, auch wenn manche Borromäusbüchereien in jenen Jahren bereits prinzipiell Nicht-Mitgliedern und Leser*innen anderer Konfessionen offen standen. Aber zugleich postulierte Braun den Anspruch, der Büchereiarbeit anderer Träger von katholischer Seite etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen und versuchte diesen Anspruch energisch umzusetzen. Dies bedeutete eine Professionalisierung der Arbeit, etwa durch die ab 1911 jährlich abgehaltenen einwöchigen Schulungskurse für Büchereileiter und -mitarbeiter. Zeitweilig kamen bei diesen auch als „Herbstkurs“ bekannten Tagungen 600 – 700 Personen nach Bonn. 1921 gründete der Verein eine eigene Büchereischule in der Absicht, hauptamtliches Personal vor allem für seine eigenen Büchereien heranzubilden. In den 20er Jahren wurde in der Zentrale zusätzlich eine Fernleihbibliothek eingerichtet, die Bücher vorhalten sollte, die man zwar nicht unbedingt in den örtlichen Büchereien anbieten wollte, deren Vorhandensein man aber dennoch für notwendig erachtete. Als zu dieser Zeit die Buchclubs boomten, rief man mit der Bonner Buchgemeinde eine eigene Buchgemeinschaft für den „gebildeten katholischen Leser“ ins Leben. Die Besprechungsarbeit büchereigeeigneter Werke wurde durch die ab 1925 zunächst in unregelmäßiger Folge unter dem Titel „Das Neue Buch“ erscheinenden Titellisten mit Kurzbesprechungen intensiviert.

Als die Weimarer Republik unterging, war der Borromäusverein zu einem Riesen in der Landschaft des Volksbüchereiwesens herangewachsen. In 5.021 Ortsverbänden waren knapp 188.000 Mitglieder organisiert. Und in den 5.333 statistisch erfassten Borromäusbüchereien befanden sich 4,76 Mio. Bücher, mit denen insgesamt fast 10,4 Mio. Ausleihen erzielt wurden. Einer erstmals 1933/34 publizierten Reichsstatistik ist zu entnehmen, dass ungefähr jedes dritte Buch, das in einer Volksbücherei ausgeliehen wurde, aus einer Bücherei des Borromäusvereins stammte. Ein 1934 zum 90-jährigen Gründungsjubiläum publizierter Bildband stellt so etwas wie eine Leistungsschau des Vereins dar5.

 

Schwierige Jahre

Zugleich stand dieser Riese in jenen Jahren ein Stück weit auf tönernen Füßen. Denn die Erträge aus den Mitgliedsbeiträgen und Buchverkäufen hatten besonders seit der Weltwirtschaftskrise nicht mehr Schritt gehalten mit den zunehmenden Kosten der erweiterten Dienstleistungen der Zentrale. Pikanterweise retteten verschiedene, eigentlich gegen den Verein gerichtete Maßnahmen in den Anfangsjahren des NS-Staates seine 1933 desolaten Finanzen; so vor allem die Bestimmung, dass ab 1935 nur noch Vereinsmitglieder sich Bücher in den nunmehr gezwungenermaßen Pfarrbüchereien genannten Einrichtungen entleihen durften. Das brachte dem Verein zahlreiche zusätzliche Mitglieder. Durch eine Satzungsänderung hatte sich dieser 1934 eng an das Erzbistum Köln angebunden, in der Hoffnung, geschützt durch das Reichskonkordat, auch unter den Nationalsozialisten weiterarbeiten zu können. Ein Unterfangen, das anfangs leidlich gelang, aber seit Kriegsausbruch immer schwieriger wurde, da der Staat sich endlich eines missliebigen Konkurrenten in der Volksbüchereiarbeit entledigen wollte. Ein Erlass schränkte die Büchereien ab 1941 auf katholisches und religiöses Schrifttum ein. Da zugleich die Trennlinie zwischen Erlaubtem und Unerwünschtem bewusst in der Schwebe gehalten wurde, war damit ein Tor geöffnet für Bestandssäuberungen, Konfiszierungen und willkürliche Durchsichten der Gestapo vor Ort. Die Zentralstelle des Vereins, die zunehmend selbst um ihr Überleben kämpfen musste, konnte den örtlichen Büchereien, die man jetzt stärker als Einrichtungen der Pfarreien betrachtete, bei den nun eintretenden Substanzverlusten immer weniger helfen.
Aber der Verein hat die für ihn höchst schwierigen Jahre überstanden und konnte im August 1945 sogar in einer der allerersten öffentlichen Veranstaltungen in Bonn nach dem Krieg sein 100-jähriges Bestehen im notdürftig hergerichteten Borromäushaus feiern. Die große Jubel-Festschrift für die ersten 100 Jahre des Vereins erschien allerdings erst fünf Jahre später6.

Belegschaft des Borromäusvereins im Krieg ca. 1943

Frische Impulse

Der Wiederaufbau der katholischen Volksbüchereiarbeit verlief in den Nachkriegsjahren, betrachtet man die statistischen Kennzahlen, zunächst erfolgreich. 1957 hatte man wieder die Werte der frühen 30er Jahre erreicht oder gar übertroffen, obwohl sich das Arbeitsgebiet des Vereins nun im Wesentlichen nur noch auf die außerbayerischen Diözesen der jungen Bundesrepublik beschränkte. Doch inhaltlich Erich Hodick 1995 versuchte man an die Arbeit der erfolgreichen Weimarer Jahre anzuknüpfen: Das Ziel unserer Bucharbeit liegt fest und tief in unserem katholischen Glauben begründet, wir können nicht aus falsch verstandener Modernität davon abweichen, so formulierte 1956 eine Fachstellenleiterin diese Rückbesinnung auf alte Konzepte. Mit diesen geriet man angesichts des Aufbruchs, den das kommunale öffentliche Büchereiwesen durch seine Orientierung am Vorbild der angloamerikanischen Public Libraries mit ihrer Freihandaufstellung und der Abkehr von der Bildungsbücherei erfuhr, jedoch zunehmend ins Hintertreffen.

Ende Mai 1955 hatte Prälat Braun, von dem neue Impulse nicht mehr zu erwarten waren, im Alter von fast 76 Jahren auf Anordnung des Kölner Erzbischofs Kardinal Frings seinen Direktorposten räumen müssen. Die Amtszeit seines Nachfolgers, Dr. Leo Koep (1914-1964; Direktor des Vereins von 1956-1961), reichte nicht aus für die immer dringendere inhaltliche Neuausrichtung. Immerhin ist es das Verdienst Koeps, für eine Modernisierung der Lektoratsarbeit gesorgt zu haben. Unter ihrem langjährigen Leiter Dr. Hans Bemmann bewegte sich diese mehr und mehr aus einer katholischen Engführung heraus und öffnete sich der zeitgenössischen Gegenwartsliteratur. Auch Werke eines Schriftstellers wie Heinrich Böll konnten schließlich ihren Platz in katholischen Büchereien finden.
Es war die Maxime des langjährigen Direktors Dr. Franz Hermann (1904-1993; Direktor von 1961-1980) die Büchereiarbeit des Vereins endgültig aus dem katholischen Milieu heraus zu führen. Hermann wollte, wie er einmal sagte, nicht länger gefangene Fische pflegen, sondern Fische fangen. Tatkräftig unterstützt wurde er dabei vor allem durch Erich Hodick (1931-2017), der als 32-jähriger 1963 in das Amt des Generalsekretärs des Vereins berufen wurde und von 1988-1996 selbst als erster Nicht-Kleriker Vereinsdirektor war. Hodick entwickelte rasch ein gutes Gespür für bibliothekspolitische Themen und wurde zu einem gewieften Bibliothekspolitiker. Mit Nachdruck vertrat er die Interessen der kirchlichen Büchereien im Bibliothekswesen der Bundesrepublik Deutschland.

 


Neue Strukturen

Das Ringen um ein neues Selbstverständnis katholischer Büchereiarbeit fand 1968 seinen vorläufigen Abschluss: Auf dem Essener Katholikentag, der mit seinem Leitwort „Mitten in dieser Welt“ die Unruhe und Aufbruchstimmung im gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben aufgriff, wurde der neue Markenname Katholische öffentliche Bücherei (KÖB) geprägt und das neue Signet (vier stilisierte Bücher) der Öffentlichkeit vorgestellt. Damit waren die Grundlagen geschaffen für mindestens drei weitere Jahrzehnte erfolgreicher katholischer Büchereiarbeit, die sich erst ab der Jahrtausendwende wieder verstärkt neuen Herausforderungen stellen musste.

KÖB – überall für alle und Lesen – Spielen – Leute treffen, zwei Slogans aus diesen Jahrzehnten drücken treffend aus, wie die Verantwortlichen katholische Büchereiarbeit nun sahen: Als ein wohnortnahes, auf kurzen Wegen zu erreichendes Angebot in möglichst vielen Pfarrgemeinden, das sich nicht nur auf die Ausleihe von Büchern beschränkte, sondern auch andere Medien bereit hielt und Treffpunkt und Begegnungsort sein wollte. Die Bücherei sollte, so Hodick, für den Informationsleser, den Bildungsleser und den literarischen Leser gleich brauchbar sein. Das „K“ stand nicht länger für eine Engführung der Bestände auf das, was mit dem katholischen Glauben vereinbar war, sondern für ein Angebot mit Profil, für eine sich an christkatholischen Werten orientierende Medienvermittlung. Damit verbunden war zugleich die Bereitschaft, gerade im ländlichen und kleinstädtischen Raum bei Bedarf durch Absprachen oder vertragliche Regelungen die Literaturversorgung für die gesamte Zivilgemeinde zu übernehmen.
Mit der inhaltlichen Neuausrichtung ging zugleich eine tiefgreifende strukturelle Veränderung katholischer Büchereiarbeit einher: Die ehemaligen Vereinsbüchereien wurden jetzt überall als Einrichtungen in Trägerschaft der jeweiligen Pfarrgemeinde begriffen. Bis Mitte der 60er Jahren waren in nahezu allen Diözesen unterschiedlich leistungsstarke diözesane Büchereifachstellen entstanden, die die örtlichen Büchereien ideell und finanziell unterstützten und einheitliche Arbeitsweisen sicherstellten. Auf Bundesebene7 arbeiteten die Fachstellen in einer Bundesarbeitsgemeinschaft mit dem Borromäusverein zusammen. In Sachausschüssen wurden z.B. Konzepte für die Aus- und Fortbildung der zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen entwickelt (Basis-12, Kirchliche Büchereiassistent*innen), gemeinsame Werbemittel konzipiert, Rahmenverträge mit Büchereidienstleistern und Lieferanten ausgehandelt oder bibliothekspolitische Grundsatzpapiere erarbeitet; vielfach auch in Kooperation mit dem bayerischen St. Michaelsbund.

Innerhalb dieser Strukturen wurde der Borromäusverein mehr und mehr zu einem Dienstleister für die Katholischen Öffentlichen Büchereien. Im ideellen Bereich nahm er die überregionale bibliothekspolitische Vertretung der KÖBs wahr, bot weiterhin seine Lektoratsdienste für die Medienauswahl in den Büchereien an, organisierte bistumsübergreifende Aus- und Fortbildungsangebote und stand z.B. auf Anfrage bei Büchereiplanungen und -umbauten zur Verfügung. In seinem wirtschaftlichen Teil lieferte er aus seinem Lager unter dem Slogan Alles aus einer Hand nicht nur die auf Wunsch ausleihfertig bearbeiteten, mit Buch- und Zettelkarten und später auch mit Datensätzen versehenen Medien für die Büchereien aus, sondern darüber hinaus alles, was für den Büchereibetrieb sonst erforderlich war: vom individuell hergestellten Büchereistempel bis hin zu Luftballons für das nächste Büchereifest. Weiterhin betrieb er auch mit dem sogenannten Vereinsgabengeschäft die Vermittlung von Medien zum Eigenbesitz. Die Büchereien, die hier aktiv waren, erhielten aus den Umsätzen jährliche Gutschriften, mit denen sie in Bonn zweckgebunden zusätzliche Medien für ihren Bestand bestellen konnten. Im Jahreslauf war hierbei die Weihnachtsbuchausstellung die größte Aktion. In zeitweilig bis zu 4.000 Pfarreien wurde eine Auswahl von 200 verschiedenen Titeln aus allen Bereichen gezeigt und zum Verkauf angeboten: Da mussten innerhalb kurzer Zeit mehrere Millionen Exemplare bewegt und durch die Lande geschickt werden. Und dennoch: Für die allermeisten Büchereien war die „Gabenvermittlung“ schon lange nicht mehr die Basis der Mittel für den Bestandsaufbau, sondern allenfalls ein nettes Zubrot zu den Geldern, die die Pfarrgemeinde und die Diözese regelmäßig zu diesem Zwecke bereitstellten. Und die Erträge aus all diesen wirtschaftlichen Aktivitäten reichten immer weniger aus, die ideellen Dienstleistungen des Vereins mit zu finanzieren. Hier war man auf Zuschüsse der Deutschen Bischofskonferenz  angewiesen, die über den Verband der Diözesen Deutschlands gewährt wurden.

 


Weitere Herausforderungen

In dieser Situation befand sich der Borromäusverein, als im September 1995 das 150-jährige Gründungsjubiläum in einem großen Festakt in der Stadthalle Bonn-Bad Godesberg rückblickend gewürdigt wurde. Keiner der zahlreichen Redner nahm damals in seinen Grußadressen bereits das Wort „Internet“ in den Mund. Niemand konnte erahnen, wie dieses sich rasch ausbreitende globale Datennetz mit seinen vielfältigen, neu entstehenden Dienstleistungen binnen kurzer Zeit die Welt auf den Kopf stellen würde. Und dabei war dieser sich anbahnende epochale Medienwandel nur eine Herausforderung, der sich die katholische Büchereiarbeit in den letzten beiden Jahrzehnten stellen musste. Die weiter an Bedeutung verlierende und in immer größeren pastoralen Räumen denkende Kirche stellt eine mindestens ebenso fundamentale Zäsur für die bisherige Arbeit dar.
Letztlich hat der Borromäusverein als Dienstleister für die katholische Büchereiarbeit bis heute nur überlebt, weil er im letzten Vierteljahrhundert in einem schmerzlichen Prozess viel Ballast abgeworfen hat und jetzt nur noch mit leichtem Gepäck unterwegs ist. Der Aufgabe des Sanierers musste sich vor allem Rolf Pitsch (*1957) stellen, der von 1996 bis 2012 den Vereinsgeschäften vorstand. Dazu gehörten die Aufgabe einzelner ideeller Dienstleistungen z.B. durch Schließung der Fernleihbibliothek und zuletzt der Fachhochschule für das öffentliche Bibliothekwesen, der vereinseigenen Büchereischule (2003), das Outsourcing der Lagerhaltung an einen externen Dienstleister (2005), das mit dem Abbau von rund 30 Arbeitsplätzen in der Zentrale verbunden war, sowie die komplette Auslagerung des wirtschaftlichen Verkaufs- und Beratungsgeschäfts zusammen mit 25 weiteren Mitarbeiter*innen in die borro medien GmbH (2009), die 2012 an den Paderborner Bonifatius-Verlag verkauft wurde. Somit wurde zuletzt auch das Vereinsgabengeschäft aufgegeben. Aber wer braucht noch eine kleine Buchausstellung vor Ort, wenn im Netz jederzeit alles verfügbar ist? Das traditionsreiche Borromäushaus am Wittelsbacherring wurde rund 100 Jahre nach seiner Errichtung ebenfalls an den Bonifatius-Verlag veräußert, der es seinerseits 2019 an die Gemeinnützige Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe mbh weiterverkauft hat. Der bv. ist heute in diesem Gebäude nur noch einer unter weiteren kirchlichen Mietern.

 

Aktuelle Situation

Mit seinen 10 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern konzentriert sich der Borromäusverein unter der Leitung seines Geschäftsführers Guido Schröer (seit 2015) in seinen ideellen Dienstleistungen vor allem auf eine wertorientierte Mediensichtung durch das Lektorat (Zeitschrift medienprofile, Internetangebote) und auf die Durchführung von Bildungsangeboten für Büchereimitarbeiter*innen in enger Kooperation mit dem St. Michaelsbund. Daneben nimmt er weiterhin bibliothekspolitische Aufgaben wahr. Für das wirtschaftliche Verkaufsgeschäft wurde 2017 eine Kooperation mit der ekz.bibliotheksservice GmbH in Reutlingen eingegangen. Akzente setzte der Verein im letzten Jahrzehnt zudem mit seinen literarischen Aktivitäten und mit Projekten zur Leseförderung wie der Aktion „Ich bin BibFit“ und „Wir sind LeseHelden“, einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Programm „Kultur macht stark“ geförderten Maßnahme. Auch die Onleihe, das Ausleihen von Ebooks, Hörbüchern und E-Magazinen wurde in den letzten Jahren für die Katholischen Öffentlichen Büchereien im Projekt libell-e ermöglicht. In der Zeitschrift für katholische Bücherei- und Medienarbeit, BiblioTheke, wird regelmäßig über die Aktivitäten des Vereins sowie über bibliothekarische und kirchliche Entwicklungen berichtet.
Die Fortführung dieser notwendigen und sinnvollen Aufgaben durch eine zentrale Instanz auch in den kommenden Jahren hängt wesentlich von der Frage ab, ob die Deutsche Bischofskonferenz bei sinkenden Kirchensteuereinnahmen weiterhin kontinuierlich bereit ist, dem Borromäusverein die für diese Arbeit nötigen Gelder bereit zu stellen. 22.598 engagierte, vorwiegend ehrenamtliche Mitarbeiter*innen in rund 2.200 lebendigen Katholischen öffentlichen Büchereien sind nach wie vor auf diese Dienstleistungen des Borromäusvereins angewiesen. Zugleich sichert sich eine Kirche, die sich vielerorts ganz aus der Fläche zurückzieht, so niederschwellige Begegnungsorte, an denen sie weiterhin für viele Menschen erfahrbar bleibt.



Prof. Dr. Siegfried Schmidt ist stellvertretender Leiter der Diözesanbibliothek in Köln. Er war von 1986-2001 selbst im Borromäusverein tätig und ist ihm seitdem weiterhin als Referent für Fortbildungsveranstaltungen des bv. und Rezensent für die medienprofile verbunden.


1Vgl.: www.borromaeusverein.de/borromaeusverein/wir-ueber-uns/
2Zur Frühgeschichte des Borromäusvereins im 19.Jh. vgl. vor allem: [Erich Hodick:] Der Borromäusverein und seine Geschichte. In: Hedwig Bach: Karl Borromäus. Leitbild für die Reform der Kirche nach dem Konzil von Trient. Ein Gedenkbuch. Köln: Wienand-Verl. 1983, S. 159-175. – Der Beitrag ist zwar anonym mit „Generalsekretariat des Borromäusvereins“ gezeichnet, dürfte aber aus der Feder des langjährigen Generalsekretärs und späteren Direktors des Vereins, Erich Hodick  stammen.
3Vgl. ebd., S. 163-164.
4Der Verf. hat verschiedene Fachaufsätze zu unterschiedlichen Aspekten der Vereinsgeschichte im 20. Jahrhundert publiziert. Die nachfolgenden Ausführungen stützen sich für den Zeitraum bis in die 70er Jahre des 20 Jh.s vor allem auf: Siegfried Schmidt: Der Bildungsbegriff in der katholischen Büchereiarbeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: Leipziger Jahrbuch für Buchgeschichte 21(2013) S. 273-304 sowie: Siegfried Schmidt: Prälat Johannes Braun (1879-1958) und die Bonner Zentralstelle des Borromäusvereins 1933-1945. In: Volksbibliothekare im Nationalsozialismus. Handlungsspielräume, Kontinuitäten, Deutungsmuster. Hrsg. von Sven Kuttner u. Peter Vodosek. (Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Bd. 50). Wiesbaden: Harrassowitz 2017, S. 145-162. – Die weiteren Entwicklungen werden vor allem aus der eigenen Beobachtung heraus geschildert.
5Vgl.: Katholische Volksbüchereien des Borromäus-Vereins. Festgabe zum 90jährigen Bestehen des Vereins. Mit einem Geleitwort von Albert Rumpf. Bonn: Borromäusverein 1934. 56 S. – Digitale Ausgabe im Internet
6Wilhelm Spael: Das Buch im Geisteskampf. 100 Jahre Borromäusverein. Bonn: Borromäusverein 1950. 403 S., Ill.
7Das Bundesland Bayern blieb hiervon weiterhin ausgenommen, es blieb das Arbeitsfeld des Sankt Michaelsbundes in München.