Moderner Heiliger

Der heilige Karl Borromäus und seine Bedeutung für die Gegenwart

Im Februar 2020 fand in Lugano eine Tagung statt, die sich gleichzeitig als Intensivwoche an die Studenten der Theologischen Fakultät und zahlreiche interessierte Gäste richtete: „Der heilige Karl, eine europäische Gestalt: seine Aktualität für das dritte Jahrtausend“. In den Blick genommen wurden dabei verschiedene Gesichtspunkte aus dem Wirken von Karl Borromäus, aber auch seine beachtliche und wenig bekannte Rezeption im englischen Sprachraum. Die Vorträge waren auf Italienisch und zum Teil auf Englisch. Eine Veröffentlichung wird derzeit vorbereitet.
Den Vorträgen gingen Grußworte der politischen Autoritäten voraus (von Seiten des Schweizer Kantons Tessin und der Stadt Lugano). Der Vertreter der Stadt Lugano (Mitglied der liberalen Partei) hob ganz am Beginn den Einsatz des Heiligen in der Notsituation der Pest hervor: als die Seuche ausbrach, flohen viele weltliche Funktionäre aus Mailand, während Karl Borromäus von einer Visitationsreise sehr bewusst in das Epizentrum der Epidemie zurückkehrte, um dort den bedrängten Menschen an Leib und Seele zu helfen. Sein Beispiel wirkt bis heute zumal in der gegenwärtigen Situation, in der wir weltweit mit der Pandemie des Corona-Virus konfrontiert sind.
    

Karl Borromäus ist in vielfacher Hinsicht ein aktueller Heiliger. Geboren wurde er am 2. Oktober 1538 in der Burg von Arona am Lago Maggiore. Die adelige Familie „Borromeo“ findet ihre Ursprünge in der Nähe von Florenz, aber die Vorfahren unseres Heiligen väterlicherseits waren schon seit dem Ende des 14. Jahrhunderts in Mailand ansässig. Sein Vater Gilberto war sehr religiös, betete das Stundengebet im gleichen Umfang wie die Priester und war überaus großzügig gegenüber allen Menschen in Not. Seine Mutter, Margherita von Medici, die ebenfalls einer adeligen Familie in Mailand entstammte, starb bereits, als Karl neun Jahre alt war, gab ihm aber ein leuchtendes Beispiel lebendiger Frömmigkeit und praktizierter Nächstenliebe.
    
Margherita von Medici war eine Schwester des Kardinals Giovanni Angelo von Medici, der 1559 Papst wurde und sechseinhalb Jahre lang, bis 1565, als Nachfolger Petri die Weltkirche leitete. Das wichtigste Ergebnis seines Pontifikates ist der erfolgreiche Abschluss des Konzils von Trient im Jahre 1563. An diesem Erfolg konnte auch der hl. Karl mitwirken, den sein Onkel schon im Januar 1560 nach Rom gerufen und zum Kardinalstaatssekretär ernannt hatte. 1559 war Karl erst 21 Jahre alt, hatte aber bereits in Pavia das Studium des weltlichen und kirchlichen Rechtes mit dem Doktorat abgeschlossen. Zunächst pflegte er noch einige mondäne Hobbies, wie etwa die Jagd, für die er eigens Rassehunde aus Deutschland importierte. Sein Lebensstil war durchaus von Frömmigkeit geprägt, aber gleichzeitig entsprach es der privilegierten Situation seiner adeligen Herkunft. Einen radikalen Wandel vollzog Karl, als sein älterer Bruder Federico im November 1562 plötzlich schwer erkrankte und starb. Da Federico der Stammhalter der Adelsfamilie war und keine männlichen Nachkommen hinterlassen hatte, wünschten die Familie Borromeo und auch der Onkel Karls, Papst Pius IV., dass der Heilige aus dem klerikalen Stand ausscheiden und heiraten sollte. Karl war durch den Tod seines Bruders tief erschüttert. Die Vergänglichkeit alles Irdischen stand ihm deutlich vor Augen. Um den Willen Gottes für seine eigene Situation zu schließen, widmete er sich dem Gebet und legte sich strenge Bußübungen auf. Im Sommer 1563 machte er die Ignatianischen Exerzitien. Sie endeten mit der Entscheidung, sich Gott für das geistliche Leben zur Verfügung zu stellen. Am 17. Juli 1563 wurde er zum Priester geweiht. Er pflegte einen freundschaftlichen Kontakt mit dem hl. Philipp Neri, dem wichtigsten Heiligen Roms im 16. Jahrhundert. Ein weiterer wichtiger Einfluß kam von dem portugiesischen Erzbischof von Braga, dem Dominikaner Bartholomäus de Martyribus, der auf dem Konzil von Trient ein wirkmächtiges Bild des Bischofsamtes entworfen hatte. Der Bischof ist ein Vertreter Christi des guten Hirten, der in seinem Bistum zu wohnen hat und sich mit ganzem Herzen persönlich um die ihm anvertrauten Gläubigen kümmern muss. Am 7. Dezember 1563, dem Festtag des hl. Ambrosius (Bischof von Mailand im 4. Jh.), empfing Karl selbst die Bischofsweihe, gerade vier Tage nach dem Abschluss des Konzils von Trient. Am 12. Mai 1564 ernannte Papst Paul IV. ihn zum Erzbischof von Mailand.
    


Das ökumenische Konzil von Trient war abgeschlossen, aber damit war sein Erfolg noch nicht gesichert. Es brauchte auch eine kluge und mutige Umsetzung aus dem Geist eifrigen Glaubens. Karl Borromäus gab dabei ein leuchtendes Beispiel, das in der Folgezeit von vielen anderen Bistümern nachgeahmt wurde. Unser Heiliger hatte einen sehr praktischen Sinn und wusste die Erfordernisse seiner Zeit auch in rechtliche Weisungen umzusetzen, die in einer Zeit des Niederganges einen Weg bahnten zur Erneuerung der Kirche. Das Vorbild waren ihm dabei die großen Heiligen, wie etwa der hl. Ambrosius und Papst Gregor VII., der die Eigenständigkeit der Kirche gegenüber den weltlichen Autoritäten zur Geltung gebracht hatte. Sein Reformwerk war kein Programm des kirchlichen Umsturzes, sondern nahm Maß an den besten Beispielen der kirchlichen Überlieferung.
    
Am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils (1965) Holzbüste im Archiv des Borromäusvereins schenkte Papst Paul VI. allen dabei anwesenden Bischöfen ein Exemplar der Biographie unseres Heiligen aus der Feder seines langjährigen Sekretärs, Carlo Bascapè (auf Lateinisch, mit italienischer Übersetzung und einem hervorragend ausgearbeiteten Apparat von Fußnoten und Anhängen, 1983 in zweiter Auflage erschienen). Paul VI. war selbst als Erzbischof von Mailand Nachfolger des hl. Borromäus gewesen und wollte der Weltkirche ein Beispiel vor Augen stellen für die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Biographie von Carlo Bascapè, des damaligen Bischofs von Novara, erschien bereits 1592, also 18 Jahre vor der Heiligsprechung Karls im Jahre 1610. Gedruckt wurde sie nicht in Mailand, denn den dort regierenden spanischen Behörden war der tatkräftige Bischof noch in mancher Hinsicht ein Dorn im Auge. Auch in Rom galt der Druck als politisch unkorrekt. Sie erschien freilich in Ingolstadt, also im katholischen Bayern, dessen Herzog das Reformwerk Karls überaus schätzte. Als Vorbereitung auf die oben genannte Tagung habe ich dieses eindrucksvolle Standardwerk lesen können. Wenn nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil alle Bischöfe sich das darin enthaltene Vorbild zu Herzen genommen hätten, dann hätten wir zweifellos eine Blüte des katholischen Glaubens erlebt, so wie es sich die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. gewünscht hätten. Doch ist es noch nicht zu spät: auch heute können Heilige durch ihr Vorbild Anregungen geben und durch ihre himmlische Fürbitte helfen, dass die winterliche Situation des Glaubens abgelöst wird von einem neuen Frühling. Natürlich ist jede Zeit verschieden, aber die Herausforderungen der Vergangenheit bieten stets manche Ähnlichkeiten mit der Gegenwart.
    
Das umfassende Reformwerk des hl. Karl Borromäus spiegelt sich in den beiden bereits von ihm selbst zuerst publizierten „Acta Ecclesiae Mediolanensis“ aus dem Jahre 1582. Weit verbreitet ist vor allem die 1599 von seinem Vetter und Nach-Nachfolger als Erzbischof von Mailand Federico Borromeo erstellte Ausgabe (mit ausgiebigen Indices), während die letzte kritische Edition von Achille Ratti veröffentlicht wurde, dem späteren Papst Pius XI. Die „Acta“ wurden vielfach nachgedruckt und galten als Vorbild für eine fruchtbare Anwendung des Konzils von Trient.
    Als Beispiel sei genannt die Förderung der Bruderschaften. Es gab auch schon vorher Vereinigungen engagierter Laien, aber Karl Borromäus hat diesen Bereich machtvoll gefördert. So gründete er zahlreiche Bruderschaften der christlichen Lehre: deren Mitglieder kümmerten sich um die Katechese von Kindern und Erwachsenen. Die Bruderschaften vom allerheiligsten Sakrament halfen mit, die Eucharistie in das Zentrum des kirchlichen Lebens zu stellen. Die Rosenkranzbruderschaften förderten das gemeinsame Gebet, indem sie aus der Perspektive der Gottesmutter das Leben Jesu betrachteten.
    

 


Die größte seelsorgliche Herausforderung im Leben des hl. Karl war, so scheint es, der Ausbruch der Pest im Jahre 1576. Als der spanische Statthalter die Stadt verließ, die Adligen auf ihre Landgüter flohen, unternahm der Erzbischof von Mailand alles in seiner Macht Stehende, um der Seuche zu begegnen. Er war kein Arzt, aber unterrichtete sich über die damals neuesten Kenntnisse in der Medizin, um die notwendigen hygienischen Maßnahmen umsetzen zu können. Er hat sich freilich nicht in seinem bischöflichen Palast verbarrikadiert, sondern hat jede Woche alle Pestkranken persönlich besucht und ihnen die Kommunion gespendet. Im Anschluss daran hat er sich desinfiziert, aber sein Handeln erforderte großen Mut. Vor alldem machte er sein Testament, denn er wusste, dass er sein Leben aufs Spiel setzte. Seine Priester wies er an, während der Quarantäne durch die Straßen Mailands zu gehen, um (in gebührendem Abstand) den Menschen am Eingang der Häuser die Gelegenheit zu geben, das Bußsakrament und die Kommunion zu empfangen.
    
Der hl. Karl war vor allem an dem ewigen Heil der ihm anvertrauten Menschen interessiert, ohne dabei die Sorge für das irdische Wohl und die Gesundheit zu vergessen. Als die Mailänder Monate lang in ihren Häuser eingeschlossen waren, ließ er die Glocken siebenmal täglich läuten zum Gebet (tagsüber alle zwei Stunden). Dabei ließ er an die Leute Hefte verteilen, die für dieses Gebet eine Hilfe boten. Vor der Quarantäne veranstaltete er drei große Prozessionen vom Dom zu den Kirchen des hl. Ambrosius, des hl. Nazarus und dem Marienheiligtum Unsere Lieben Frau von den Wundern beim hl. Celsus. Die Frauen und Kinder blieben zu Hause, um Ansteckungen zu vermeiden. Die etwa 10.000 in der Stadt verbliebenen Männer hingegen unternahmen eine lange Prozession in Zweierreihen, die durch einen Abstand von drei Metern voneinander getrennt waren. Der hl. Karl und der Klerus nahmen barfuß an der Prozession teil mit einer Schlinge um den Hals als Zeichen für das drohende Todesurteil durch die Pest. Der hl. Karl trug ein großes Kreuz und die Reliquie eines Kreuzesnagels, die Kaiser Konstantin nach Rom gebracht hatte.
Das Ziel der dritten Prozession war die Marienkirche, die schon im Jahre 1485 Schauplatz eines großen Wunders war: während der damaligen Pest, die über 100.000 Mailänder hinwegraffte (also die Mehrheit der Bevölkerung), beteten 300 Menschen vor einem Marienbild aus der Zeit des hl. Ambrosius. Auf einmal sahen die Menschen, wie das Marienbild sich plötzlich belebte: Maria schob den Vorhang beiseite und zeigte den Menschen das Jesuskind. Dieses Wunder, das von einer gründlichen Befragung der Zeugen beglaubigt wurde, markierte das Ende der Pest.
    
Der hl. Karl wusste von diesem Ereignis ebenso wie von den drei Bußprozessionen in Rom zur Zeit des hl. Papstes Gregor des Großen mit dem Bild der Gottesmutter aus Santa Maria Maggiore, der „Salus Populi Romani“. Auch Papst Franziskus hat am 15. März 2020 dort gebetet. Die Bußprozessionen des hl. Karl haben nicht zur Ausbreitung der Pest beigetragen, aber den Familienvätern eine übertriebene Angst genommen und mit dem Gebet den Himmel bestürmt. Einige Wochen später hörte die Pest nach und nach auf, und im nachfolgenden Jahr kam es zu großen Kundgebungen des Dankes gegenüber dem dreifaltigen Gott und der Fürsprache der seligen Jungfrau.

Ausgewählte Literatur: Hedwig Bach, Karl Borromäus, Bonn 1984; F.A. Rossi di Marignano, Carlo Borromeo, Milano 2010.



Der Autor

Prof. Dr. Manfred Hauke lehrt an der Theologischen Fakultät Lugano (Schweiz).