Verschwunden

Man will es gar nicht glauben, aber das kleine Büchlein, das so hübsch und idyllisch daherkommt, ist ein echter Kracher. Zugegeben, der Titel "Verschwunden" legt nahe, dass Colum McCann hier keine leichte Strandlektüre Verschwunden abgeliefert hat, aber dass diese schmale Erzählung einem tatsächlich und wahrhaftig Herzklopfen beim Lesen bereitet, ist doch bemerkenswert. "Yes McCann can!" möchte man sagen, denn der Ire ist nichts weniger als ein Könner auf der langen Strecke (siehe seine Romane wie "Die große Welt", "Der Tänzer", "Zoli") und eben auch auf der kurzen, wie diese Erzählung eindrücklich unter Beweis stellt. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein 13-jähriger Junge ist am Strand des irischen Städtchens Galway verschwunden und während Suchmannschaften fieberhaft nach dem Verbleib des taubstummen Adoptivkindes suchen, durchlebt seine Adoptivmutter Rebecca eine Hölle aus Angst, Selbstvorwürfen, Verzweiflung und immer wieder aufkeimender Hoffnung. Meisterhaft schildert der Autor das Innenleben dieser Frau während im Außen das Meer eine nicht minder beeindruckende zweite Hauptrolle spielt. Mal poetisch leise, mal kraftvoll laut schmetternd - eines ist sicher: Während McCann die Handlung vorantreibt, peitscht er auch den Leser durch alle aufbrausenden und wieder verlandenden Wellen des Geschehens. Die Lektüre ein Genuss wie ein kalter Schauer, der einen zwar unsanft und unbarmherzig, dafür aber umso eindrücklicher wachrüttelt. (Übers.: Dirk van Gunsteren)

Susanne Holzapfel

Susanne Holzapfel

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Verschwunden

Verschwunden

Colum McCann
Dörlemann (2016)

Edition Kattegat
92 S. : Ill.
fest geb.

MedienNr.: 585070
ISBN 978-3-03820-030-7
9783038200307
ca. 15,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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