Kintsugi

Kintsugi ist der Name für die Kunst, Risse in Porzellan mit Gold zu reparieren. Miku Sophie Kühmels erster Roman überträgt dieses Handwerk auf menschliche Beziehungsgeflechte. Ein Paar zieht sich für ein Wochenende ins Ferienhaus Kintsugi an einem See zurück, um seine zwanzigjährige Beziehung zu feiern. Max ist Professor für Archäologie, Reik ein viel beachteter Künstler. Hinzu kommen Tonio, ein Pianist, und seine studierende, von ihm zusammen mit dem homosexuellen Paar aufgezogene Tochter Pega. Woraus andere eine Zimmerschlacht oder ein Melodram gemacht hätten, entwickelt Kühmel einen Ensembleroman. Zwischen den vier Personen, die da zusammen kochen, essen, sprechen, wachsen Spannungen, und zwar stets dann, wenn Komfort in Bequemlichkeit, Intimität in Zutraulichkeit, Toleranz in Gleichgültigkeit überschlagen. Jeder schleppt eine eigene Geschichte mit sich, und eine Master-Story gibt es nicht, kann es auch nicht geben. Und als sich am Ende Max' und Reiks Trennung anbahnt, sind da auf einmal, wo Splitter und Brüche waren, vergoldete Adern, Zeichen gut vernarbter Wunden. Auch sprachlich ist das überzeugend, in intensiven Beschreibungen von Gefühlszuständen und zupackenden Dialogen. Etwas überstrukturiert, aber thematisch erhellend wirken die japanischen Kapitelüberschriften, mit denen die wechselnden Sichtweisen der Figuren in ein "Labyrinth von Zeichen und Körpern" getaucht werden. Kurzum, ein sehr gelungenes Debüt, ausgezeichnet mit dem Ponto-Preis und auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Diese Autorin, 1992 in Gotha geboren, wird man sich merken müssen.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Kintsugi

Kintsugi

Miku Sophie Kühmel
Fischer (2019)

295 S.
fest geb.

MedienNr.: 598224
ISBN 978-3-10-397459-1
9783103974591
ca. 21,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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