Der Stotterer

Der Ich-Erzähler berichtet aus dem Gefängnis heraus über sein Leben und wendet sich dabei an den Anstaltspfarrer, der ihm einen Posten in der Gefängnisbibliothek verschaffen soll. Schon als Kind hat er - aus einer streng gläubigen Der Stotterer Familie stammend, die einer Sekte anhing - seine Unfähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, mit Schreiben kompensiert und gelernt, "unter fremdem Namen so zu formulieren, dass kein Leser an der gefälschten Autorschaft zweifelte". Nachdem er das Literaturstudium aufgegeben hat, eröffnet er mit zwei Freunden eine - betrügerische - Partnervermittlung. Ein weiteres Arbeitsfeld ist eine Art Enkeltrick: Er schreibt lange Briefe an eine "Oma", die ihm schließlich ihr Geld anbietet, wobei er überzeugt ist, dass er etwas Gutes getan hat, nämlich etwas Interessantes in ihr Leben zu bringen. Doch das geht schief und er wird verhaftet. Am Ende seiner Haftzeit überlegt er, was er danach machen wird: nur als Schreiber tätig zu sein, würde ihn "unterfordern". Es gelingt ihm, einen Verleger zu interessieren, für den er seine Memoiren verfassen soll. Die Schriftstellerei ist für ihn "der einzige Beruf, in dem man gelobt wird, wenn man gut gelogen hat". - Der Autor, vor allem bekannt durch seine jüdischen Familiensagas "Melnitz" (BP 06/326) und "Gerron" (BP/mp 12/114), hat hier einen brillant und geistreich formulierten Roman über einen raffinierten, unsympathischen Hochstapler geschrieben, der jedoch überaus klug über das Schreiben und dessen Wirkungen nachdenkt. Für anspruchsvolle Leser ein großes Vergnügen!

Ileana Beckmann

Ileana Beckmann

rezensiert für den Borromäusverein.

Der Stotterer

Der Stotterer

Charles Lewinsky
Diogenes (2019)

409 S.
fest geb.

MedienNr.: 596001
ISBN 978-3-257-07067-5
9783257070675
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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