Gott wohnt im Wedding

Bereits im Jahr 1890 wurde das mehrstöckige Haus in der Utrechter Straße gebaut. Die Bewohner waren von jeher einfache Leute, Arbeiter, kleine Angestellte, Dienstboten. Das Haus "erzählt" eingangs mancher Kapitel selbst Gott wohnt im Wedding von den Zeitläuften und von seinen Bewohnern. Es geht vor allem um die 1918 geborene Gertrud Romberg und ihren einstigen Freund Leo Lehmann. Leo und dessen Freund Manfred waren Juden und lebten während der Nazizeit im Untergrund, Gertrud gehörte zu denen, die sie immer wieder unterstützten. Manfred wurde von der Gestapo aufgegriffen und blieb seitdem verschwunden. Leo überlebte den Krieg; er wanderte nach Palästina aus und kommt als Greis mit seiner Enkelin wieder nach Berlin. Ein Treffen mit Gertrud zögert er bis zuletzt hinaus. Er ist der Meinung, Gertrud hätte Manfred an die Gestapo verraten. Das Haus ist mittlerweile zu einem Spekulationsobjekt geworden und wechselt mehrfach den Besitzer. Die maroden Räume werden vorübergehend zum Unterschlupf von Gestrandeten; häufig sind es Wanderarbeiter. - Die Autorin, bekannt durch ihren großartigen DDR-Roman "Machandel" (BP/mp 14/968), erzählt hier von vielen Verlierern, Verratenen, Ausgegrenzten, Verfolgten. Es sind teilweise Überlebende des Holocaust, die sich immer noch Drangsalierenden ausgesetzt sehen und im Gestrüpp der Bürokratie verzweifeln. Und gerade Sinti und Roma bekommen hier eine Stimme. Ein Buch mit sehr eindringlichem Erzählton, gehaltvoll, mit viel Tiefgang, aber nie belehrend und schon gar nicht pathetisch. Im Anhang werden die wichtigsten Hausbewohner mit einer kurzen Biografie dargestellt. Ein Buch, das für aufgeschlossene Leser ein großer Gewinn ist. Gut einsetzbar.

Erwin Wieser

Erwin Wieser

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Gott wohnt im Wedding

Gott wohnt im Wedding

Regina Scheer
Penguin-Verl. (2019)

415 S.
fest geb.

MedienNr.: 596018
ISBN 978-3-328-60016-9
9783328600169
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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