Der eiserne Gustav

Schon die Geschichte dieses Romans, der 1938 erstmals veröffentlicht wurde, wird zum Spiegel der deutschen Geschichte des 20. Jh. Als Hans Fallada seinen Roman veröffentlichen wollte, zwangen die Nationalsozialisten ihn zu umfangreichen Der eiserne Gustav Änderungen. Auch an einer späteren Veröffentlichung in der DDR wurden politisch motivierte Änderungen vorgenommen. Da das Originalmanuskript verloren gegangen ist, ließ sich die ursprüngliche Fassung nur durch umfangreiche Archivstudien rekonstruieren. Ein ausführliches Nachwort der Fallada-Expertin Jenny Williams gibt eine gute Einordnung in den komplexen Fall. Doch was machte den Roman so interessant für die beiden deutschen Diktaturen, dass die Regime versuchten, den Text an die jeweilige Weltanschauung anzupassen? Die Handlung spielt zwischen 1914 und 1924. Das Deutsche Kaiserreich ist dem Untergang geweiht, die Kriegsverluste und Reparationszahlungen sind immens und die Bemühungen, eine Demokratie in Deutschland der 1920er Jahre zu etablieren, sind von Gewalt und Unsicherheit geprägt. Mit anderen Worten, es ist jene Zeit, in der rechte wie linke politische Strömungen versuchen, das Machtvakuum zu füllen, welches das untergegangene Kaiserreich hinterlassen hat. Die Probleme und Konflikte dieser Zeit projiziert Fallada auf die Familie Gustav Hackendahls. Hackendahl ist Droschkenkutscher in Berlin, kann aber der Konkurrenz des Automobils nicht mehr standhalten. Um ein Zeichen zu setzen, unternimmt er mit seiner Droschke eine Reise nach Paris und zurück. Fallada verarbeitete in diesem Roman eine Begebenheit, die vier Jahre nach der erzählten Zeit des Romans stattfand. Anhand des Schicksals der Familie Hackendahl beschreibt er die Entwicklungen in Deutschland vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Der Leser wird mitgenommen auf eine sehr intensive und spannende Reise in diese Zeit des Umbruchs. Wie in anderen Romanen des bekannten Schriftstellers immer mit Blick auf den 'kleinen Mann' und die 'einfache Frau'. Auch 80 Jahre nach Erstveröffentlichung liest sich "Der eiserne Gustav" hervorragend und ist somit nicht allein für historisch oder literarisch interessierte Leser eine Empfehlung. Historiker wünschten sich eventuell noch den Schluss von 1938 als Anhang, den "Nazi-Schwanz" wie es Fallada selbst nannte.

Sebastian Heuft

Sebastian Heuft

rezensiert für den Borromäusverein.

Der eiserne Gustav

Der eiserne Gustav

Hans Fallada ; herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Jenny Williams
aufbau (2019)

831 Seiten : Illustrationen
fest geb.

MedienNr.: 598419
ISBN 978-3-351-03760-4
9783351037604
ca. 26,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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