Das Glück meines Bruders

Der Ich-Erzähler Botho, sein Bruder Arno und dessen Freundin Anja machen sich auf den Weg in das belgische Dörfchen Doel an der Nordseeküste. Dort hatten die Brüder früher mehrmals ihre Sommerferien bei den Großeltern verbracht, nun soll dieser Das Glück meines Bruders Ort verschwinden und für eine Hafenerweiterung Platz machen. Dies ist der Hintergrund für die sehr lebensnah erzählte Geschichte einer komplizierten Bruderbeziehung, die ihren absoluten Höhepunkt in einer Szene auf dem nächtlichen Friedhof des schon aufgelassenen Ortes erfährt. Die Brüder schonen sich nicht mit gegenseitigen Vorwürfen. Alles, was seit Kindertagen schlummert, kommt hoch. Die Herkunft aus einfachen Verhältnissen und die unterschiedliche soziale Entwicklung der Brüder bietet genügend Anlass zu Hass, Unverständnis und Streit. Einiges wird in der Folge aufgearbeitet, seelische und körperliche Grausamkeiten aus der Vergangenheit müssen aber unbearbeitet bleiben, zumal die Großeltern nicht mehr am Leben sind, sondern auf eben diesem Friedhof liegen. - Die Aufrichtigkeit beider Brüder in ihren lebhaften Diskussionen ist für den Leser beeindruckend. Kein Konfliktherd wird ausgeschlossen. In der Frage nach Gott wird die tiefe Existenzkrise Bothos sichtbar. Mit einer überraschend offenen und kritischen Selbstreflexion in Form eines Briefes an seinen Bruder schließt Botho die Erzählung ab und überlässt den Leser seinen eigenen Gedanken. Die erzählte Geschichte und der neue Schreibstil des jungen Autors mit meist langen Sätzen und Absätzen halten den Leser in Atem. Es ist ein beachtlicher Beitrag zur Gegenwartsliteratur.

Armin Jetter

Armin Jetter

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Das Glück meines Bruders

Das Glück meines Bruders

Stefan Ferdinand Etgeton
Beck (2017)

239 S.
fest geb.

MedienNr.: 863361
ISBN 978-3-406-71181-7
9783406711817
ca. 19,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
Diesen Titel bei der ekz kaufen.