Mittelmäßiges Heimweh

Wie immer in den Romanen von Wilhelm Genazino ist die Erzählhandlung scheinbar sehr einfach, fast banal. Ein langsam alternder Mann kämpft sich durch seinen beruflichen wie privaten Alltag und verfängt sich da immer mehr in einem Mittelmäßiges Heimweh Gestrüpp an Lebensuntüchtigkeit, Lebensüberdruss, absurden Überlebensstrategien und surrealen Wahnvorstellungen. In diesem Roman verliert die Hauptfigur ganz am Anfang eher beiläufig ein Ohr, später dann auch noch einen kleinen Zeh. Diese Verluste will er nun mit geradezu artistischen Manövern vor seiner Umwelt verbergen. Aber verstecken will er vor allem auch - vor sich selbst und vor den anderen - seine mehr als komplizierten Beziehungen zu Frauen, die immer zwischen extremem erotischen Verlangen und vollkommener Bindungsunfähigkeit hin und her schwanken. Von diesen Gefühlsaufwallungen wird auch der Leser in der Beurteilung dieses Buches ständig ergriffen. Da stehen sensibelste, wie mit einer Pinzette aufgeschriebene Alltagsbeobachtungen und geniale Worterfindungen ("Liebesruine", "innere Arbeitslosigkeit", "Bescheidenheitsangeber") neben banalsten, oft auch peinlichen Reportagen aus dem Intimleben der Hauptfigur. So fällt es auch schwer, diesen Roman uneingeschränkt zu empfehlen. Meisterhaft im Sezieren des Alltagsempfindens eines in unserer Gesellschaft sicherlich weit verbreiteten männlichen (!) Durchschnittsangestellten, aber schwer erträglich in der Schilderung banalster alltäglicher Überlebenszwänge eines zu Liebe und wirklicher Zuwendung letztlich unfähigen Mannes. Aber vielleicht ist gerade das ja auch der geheime Leitfaden durch alle Romane von Wilhelm Genazino.

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Mittelmäßiges Heimweh

Mittelmäßiges Heimweh

Wilhelm Genazino
Hanser (2007)

188 S.
fest geb.

MedienNr.: 269138
ISBN 978-3-446-20818-6
9783446208186
ca. 17,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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