Terror und Traum

Seinen absoluten und fürchterlichen Höhepunkt erreichte der stalinistische Terrorismus im Jahre 1937. Zwischen dem Juli dieses Jahres und dem November 1938 wurden mindestens 1,5 Millionen Menschen Opfer der willkürlichen, oft äußerst Terror und Traum brutalen Verfolgung des stalinistischen Geheimdienstapparates. Auf genau diese Monate konzentriert sich die große Studie von Karl Schlögel. Ihm geht es dabei nicht nur um die Erinnerung an diesen terroristischen Furor, der auch schon von vielen anderen Literaten und Historikern dargestellt worden ist, sondern um eine detaillierte Rekonstruktion der Moskauer Stadtgesellschaft in jener Zeit. So untersucht der Autor etwa die Moskauer Adressbücher des Jahres 1936 - 1938 und kann damit sehr genau Namen von unter Stalin verschwundenen Bürgern identifizieren. Aber Schlögel belässt es nicht nur bei einer Erinnerung an diese dunkelsten Seiten der Moskauer und russischen Geschichte im 20. Jh. Ihm geht es auch um die Träume der russischen Menschen in jener Zeit, wie sie sich etwa im Kino, im Theater, in den Konzertsälen gezeigt haben. So spiegelt Schlögel den Terror Stalins immer in den Träumen der Sowjetbürger und sieht die Unterhaltungsbedürfnisse des Volkes nie losgelöst von der brutalen Machtpolitik des kommunistischen Apparates. Es hat lange gedauert, bis der "Zivilisationsbruch von Moskau 1937" in seiner ganzen horrenden Bedeutung bis heute (Beispiel: Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit) bei uns zur Kenntnis genommen wurde. Zusammen mit dem ebenfalls in diesem Jahr erschienenen Band "Die Flüsterer" von Orlando Figes (BP 08/777) liegen jetzt zwei große Studien gegen das Vergessen des Stalinismus vor.

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Terror und Traum

Terror und Traum

Karl Schlögel
Hanser (2008)

811 S. : zahlr. Ill., Kt.
fest geb.

MedienNr.: 297177
ISBN 978-3-446-23081-1
9783446230811
ca. 34,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ge
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