Niederungen

In dem Werk "Niederungen" (1982) beschreibt Herta Müller das Leben der rumäniendeutschen Minderheit in einem namenlosen Dorf im Banat aus der Sicht eines heranwachsenden Mädchens. Schonungslos und nahezu emotionslos schildert Niederungen die Autorin die Engstirnigkeit, Intoleranz, Spießigkeit, Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft der Bewohner, die am liebsten unter sich bleiben wollen, wodurch es unvermeidlich zu inzestuösen Verbindungen kommt. Die Väter werden meist als Säufer und gewalttätige Tyrannen dargestellt, die Mütter als verbrauchte und bigotte Hausfrauen. Eine Gemeinsamkeit finden sie nur in der Erziehung der Kinder, die geprägt ist von Unterdrückung und Einschüchterung, verbunden mit einem stark ausgeprägten und überall verbreiteten Aberglauben. So wachsen diese in einer bedrückenden Atmosphäre von Angst und Tristesse auf. Trotz aller Trostlosigkeit versteht es die Autorin dennoch, auch vereinzelt humorvolle Passagen in das Werk einzubringen, wenn sie z.B. die höchst amüsante Unterhaltung zweier vorpubertärer Kinder schildert. - Die schonungslose Darstellung der Banater Schwaben in ihren Dörfern hat Herta Müller viele Anfeindungen von ihren Landsleuten eingebracht. Daneben führte die enthaltene Kritik an dem kommunistischen Unterdrückungssystem Ceaucescus dazu, dass das Werk in Rumänien 1982 nur in einer zensierten Fassung erscheinen durfte und dass sie vielen Schikanen des Geheimdienstes Securitate ausgesetzt war. Uns liegt nun die unzensierte und überarbeitete Originalfassung vor. Sicher wird nicht jeder Leser von dieser Lektüre begeistert oder fasziniert sein. Eine gute Bücherei sollte aber das Erstlingswerk einer deutschsprachigen Literatur-Nobelpreisträgerin unbedingt in ihren Beständen führen.

Edith Schipper

Edith Schipper

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Niederungen

Niederungen

Herta Müller
Hanser (2010)

172 S.
fest geb.

MedienNr.: 326704
ISBN 978-3-446-23524-3
9783446235243
ca. 16,90 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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