Kritik üben

Der New Yorker Filmkritiker A.O. Scott nähert sich in einem langen, erfrischend theoriearmen und dabei fast süffigen Essay dem Wesen der Kritik. Weder sei Kritik das Arbeitsergebnis von hoch spezialisierten Professionellen, noch Kritik üben ein unbestimmter Reflex auf künstlerische Äußerungen. Vielmehr sei sie etwas, das der Kunst relativ nahe steht, meint Scott. Immerhin kommunizierten Künstler und ihre Werke selbst miteinander, indem sie beispielsweise auf ähnlichen Traditionslinien aufbauen oder sich mit benachbarten Künsten auseinandersetzen. Kunst interpretiere stets Kunst, so der Autor, setze sie fort, korrigiere, verbessere und wiederhole sie. Damit liege ihr ein nicht zu unterschätzender Anteil an kritischem Umgang inne. Scotts Bild von Kritik, das er in zahlreichen Anekdoten, Film- und Literaturzitaten sowie in mehreren fiktiven Dialogen mit einem Gesprächspartner, der ihn zu konkreten Stellungnahmen zum Thema herausfordert, nach und nach entwirft, ist ein ebenso sinnliches wie sinnstiftendes. Es ähnelt weniger dem Stereotyp vom scharfen, gar vernichtenden Urteil, sondern eher einem inhaltlich fundierten freundlich-freundschaftlichen Ratschlag, mit dem eine Möglichkeit geschaffen wird, Ordnung in das überbordende Kunst- und Kulturangebot zu bringen und sich dabei gleichzeitig von den häufig viel lauteren Meldungen der PR und der Werbung abzusetzen. Das Buch ist beileibe keine Lektüre nur für Berufsleser! Empfohlen ab mittleren Beständen für Menschen, die sich gerne mit Literatur und Kunst auseinandersetzen.

Thomas Völkner

Thomas Völkner

rezensiert für den Borromäusverein.

Kritik üben

Kritik üben

A. O. Scott
Hanser (2017)

315 S.
fest geb.

MedienNr.: 588836
ISBN 978-3-446-25467-1
9783446254671
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Li
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