Georg

Im Januar ist die Autorin 70 Jahre alt geworden. In ihrem Erinnerungsbuch "Georg" aber begegnen die Leser*innen ihr selbst zumeist nur als Kind. Barbara Honigmann hat die Lebensgeschichte ihres Vaters, des jüdischen Journalisten Georg Georg Honigmann, puzzleartig aus Erinnerungsschnipseln, Briefen, Geheimdienstakten und Zeitkolorit zusammengesetzt. Das Werk verdankt seine Bedeutung weniger der anekdotenreichen Beschreibungsprosa als der Auslegung der bemerkenswerten Biografie des Georg Honigmann. Seine Tochter studiert die Bruchlinien, um zu verstehen. Es handelte sich um ein Jahrhundertleben (1903 bis 1984) mit Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeit, in dem sich gleich mehrere Ideologien und Systeme auf sinnfällige Weise kreuzten und verdichteten. Die Autorin nennt es ein "Zwischen-den-Stühlen-Sitzen": mit seiner jüdischen Herkunft blieb der hochintelligente Journalist und Theatermann uneins; in seiner Exilheimat England wurde er vom britischen Geheimdienst observiert. Den DDR-Staatssozialisten galt der am Aufbau des Kommunismus beteiligte Russensympathisant als allzu bürgerlich. Nie und nirgendwo fand er damit eine Heimat, weder beruflich noch privat. Vier Ehen, zahllose Affären und berufliche Neuorientierungen zuhauf waren Ausdruck eines von langen Depressionen, der ein oder anderen Hochstapelei und einiger Virilität geprägten, haltlosen Lebens voller Widersprüche. - Für einen an der Geschichte des 20. Jh. und biografisch interessierten Leserkreis mit Gewinn zu lesen.

Gudrun Schüler

Gudrun Schüler

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Georg

Georg

Barbara Honigmann
Hanser (2019)

156 S.
fest geb.

MedienNr.: 918082
ISBN 978-3-446-26008-5
9783446260085
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Li
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