Etüden für eine alte Schreibmaschine

Bei der Lektüre der Gedichte von Lars Gustafsson hält man immer irgendwann inne. Man liest seine Verse, die oft sehr alltäglichen Dingen und Situationen gewidmet sind. Eine keineswegs schwierige Lektüre und doch stellt man sich Etüden für eine alte Schreibmaschine immer die klassische Frage, was der Autor damit sagen will? Neugierig macht ein Gedicht mit dem Titel "Entwurf für eine Religionsstunde": "Gott befindet sich also/ wenn man den Theologen früherer Zeiten glaubt/ in einem Zustand ewiger Seligkeit und kann daher von menschlichem Leid nicht berührt werden./ Das ist ja schade. Sonst/ hätte er ja etwas lernen können./ Nicht zuletzt über seine Tätigkeit.//" Gustafsson ist kein Theologe, sondern kann sich als neugieriger Schriftsteller auch ein ganz naives, fast kindliches Bild von Gott machen. Er zweifelt dessen Existenz nicht direkt an, bezieht sich nur auf "Theologen früherer Zeiten", die Gott als fern von menschlichem Leid gesehen haben. Alles bleibt in vagen Andeutungen, mit denen sich dann die Leser dieses Gedichts beschäftigen müssen. Und handelt es sich hier überhaupt um ein Gedicht? Wer von Gedichten schöne Reime, heitere Wortspiele und aufmunternden Trost erwartet, wird keinen Zugang zu den Gedichten von Lars Gustafsson finden. Seine Gedichte sind immer feine und leise Anregungen, die Welt anders zu sehen, als man sie zu kennen glaubt. Weit verbreitet ist die Meinung, moderne Lyrik sei schwer zu verstehen. Auf die Gedichte von Gustafsson trifft dieses Vorurteil nicht zu. Sie sind leicht zu lesen und trotzdem haben sie einen langen Nachhall. (Übers.: Verena Reichel)

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Etüden für eine alte Schreibmaschine

Etüden für eine alte Schreibmaschine

Lars Gustafsson
Hanser (2019)

67 S.
fest geb.

MedienNr.: 921226
ISBN 978-3-446-26167-9
9783446261679
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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