Frühling

Es sind 39 Sekunden, die Christian noch hat, bevor er sich gemeinsam mit seiner jüdischen Freundin erlöst, was für ihn nur durch den Freitod möglich ist. Angelehnt an die Sprachgewalt und Motive aus Dantes Göttlicher Komödie Frühling nähert sich der Protagonist dem Ufer ins Jenseits und lässt rückblickend das Leben Revue passieren. Es ist das bürgerliche Leben als Sohn eines ehemaligen KZ-Arztes aus Dachau und Bruder eines Jugendlichen, der seine Familiengeschichte aufgedeckt hat und nur mit selbstgewähltem Tod damit fertig wurde. Es sind Sprachfetzen, die durch eine Interpunktion entstehen, sodass der Leser, will er sie nicht ignorieren, nur stammelnd lesen und verstehen kann. Erfindet sich der Autor nach seinen bekannten Romanen völlig neu oder teilt er die Meinung, dass Schöne Literatur nach dem Nationalsozialismus so nicht mehr denkbar ist? Gleich der Walpurgisnacht in Goethes Faust wird der beanspruchte Leser in metaphorische Ebenen geführt, die den Schrecken der Vergangenheit, Buße und Erlösung ineinanderschwimmen lassen. Nachdem die Geschichte einer karrierewilligen Ehe und eines bürgerlichen Lebens scherbenhaft dargelegt ist, bestimmt das Wassermotiv den Fortgang der Novelle und verläuft, wenn auch sprachlich experimentell, parallel zu Dantes beschriebenem Übergang ins Jenseits. So wie am Schluss Christian nicht mehr existieren wird, so löst sich die Sprache auf. Geschehen und Text bilden eine verstörende Einheit, wie es das Thema kaum anders zulässt. Anspruchsvoll und außergewöhnlich.

Christine Vornehm

Christine Vornehm

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Frühling

Frühling

Thomas Lehr
Hanser (2019)

139 S.
fest geb.

MedienNr.: 918045
ISBN 978-3-446-26173-0
9783446261730
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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