Schnappschüsse

Ein "Schnappschuss" ist eine schnelle, oft sehr vom zufälligen Augenblick abhängige spontane Wahrnehmung, für Schriftsteller steht dabei nicht das mit der Kamera aufgenommene Bild im Vordergrund, sondern der im Notizheft Schnappschüsse festgehaltene Alltagsmoment. Das kann dann auch den Anstoß für größere literarische Arbeiten geben. Neben seinen Romanen und großen zeithistorischen Essays schreibt Claudio Magris schon seit vielen Jahren auch kürzere Zeitungskolumnen, überwiegend für den Mailänder "Corriere della Sera". Eine Auswahl davon ist in diesem aus Anlass seines 80. Geburtstages veröffentlichten Bandes zusammengestellt. Wir erfahren zum Beispiel von einem in Moskau errichteten Denkmal für einen gewaltsam getöteten Straßenköter. Oder wir sind zusammen mit dem Autor sprachlos erstaunte Zeugen eines sich stumm anstarrenden Paares in einem Lokal. Warum muss man sich beim gemeinsamen Essen unbedingt unterhalten? In Berlin entdeckt der Autor einen Wandgraffiti, der dazu auffordert, "niemals zu lesen". Eine Provokation? Aber haben denn die großen Meister der Menschheit wie Jesus von Nazareth, Sokrates, Buddha jemals selber eine Zeile geschrieben, die man dann lesen konnte? - Diese "Schnappschüsse" sollte man aber auf jedem Fall lesen, weil der Autor hier meisterhaft zeigt, wie man noch aus der scheinbar banalsten Alltagssituation eine zum Nachdenken anregende Beobachtung schafft. Der Alltag ist voller Wunder, kleiner Tragödien und bizarrer Begegnungen - man muss sie nur neugierig wahrnehmen und zu verstehen suchen. (Übers.: Ragni Maria Gschwend)

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Schnappschüsse

Schnappschüsse

Claudio Magris
Hanser (2019)

185 S.
fest geb.

MedienNr.: 921199
ISBN 978-3-446-26174-7
9783446261747
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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