der hund ist immer hungrig

Was hat der Dichter zu der Corona-Pandemie zu sagen? Die Frage ist berechtigt, geht aber in die falsche Richtung. Der zweite Gedichtband von Anja Kampmann beginnt mit einer poetischen Szene im Papstpalast Avignon. 1348, die Pest wütet, der hund ist immer hungrig und Clemens VI. überlebte zwischen zwei Feuern im Hirschzimmer, ein Jagdfresko betrachtend. Es ist auf dem Umschlag von Anja Kampmanns Band abgebildet. Der Hund taucht öfters in den Gedichten auf, als Bote aus der Unterwelt, als Jagdgehilfe, als geklonter Drogenhund. Tierwelt und Umwelt sind hier anders als wir sie wahrzunehmen gewohnt sind: Gebirge altern, Vieh verdurstet, Farn vertrocknet. Die Dichterin gibt uns ein Geleit in eine Zukunft nach Pandemie und Klimawandel. Es sind Verse an die Nachfahren, Verse über ein Später, das sich jetzt schon abzeichnet. Verse aber ohne jeden Kassandraton. Zum Erkennen reicht ein Blick in kluge Zukunftsessays (z.B. von Roger Willemsen, der in den Anmerkungen am Ende des Bandes erwähnt wird) und natürlich zuallererst ein geduldiges Lesen. Anja Kampmann gibt uns dafür sperrige, unruhige, manchmal verstörende, oft erhellende Bilder. Wer, wenn nicht die Dichterin, kann da vorangehen und das „schicksallied der wünsche“ singen. Keine leichte, aber sehr lohnende Lektüre.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

der hund ist immer hungrig

der hund ist immer hungrig

anja kampmann
Carl Hanser Verlag (2021)

118 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 603965
ISBN 978-3-446-26753-4
9783446267534
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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