Lass uns die Nacht

Polen besitzt eine außergewöhnlich große Tradition an Lyrikerinnen und Lyrikern. Herbert, Zagajewski oder Szymborska seien hier nur stellvertretend für viele andre genannt. Gedichte der 1963 in den Masuren geborenen Autorin sind Lass uns die Nacht bislang noch nicht in die deutsche Sprache übersetzt worden. Bei einer ersten Lektüre fällt das fast vollständige Fehlen von Anspielungen auf Geschichte oder auch auf Menschen auf. Weit und breit kein Anzeichen von einem "Ego-Zentrismus", der häufig in modernen Gedichten zu finden ist. Stattdessen sind Naturbilder fast in jedem Gedicht zu finden: Licht, Schatten, Meer, Wald, Pflanzen, Vögel, Insekten, Wind und Gras. Eine der Gesellschaft, der realen Welt abgewandte, gar esoterische Poesie? Wer sich jedoch in Ruhe meditierend auf diese Texte einlässt, wird diese schnell dahingesagten Vorurteile mit jedem Gedicht mehr vergessen. "Es ist", wie die Übersetzerin in ihrem Nachwort schreibt, "die Verbindung von Alltäglichem und Transzendentem, die diese Gedichte stark macht." Und wir finden hier auch ganz wunderbar zarte Liebesgedichte. "Wenn ich wieder zu Tau und Wolken werde, werde ich atmen/ durch dich". Und in den letzten Zeilen des letzten hier veröffentlichten Gedichts bemerken wir dann doch das poetische Echo des aktuellen Zeitgeschehens: "Alles ist unter Kontrolle - solange der Tod aus den Fernsehnachrichten sickert/ auf den Grund des Sonntagabends sinkt/ und dort haltmacht, weit weg von unseren Füßen./ Solange wir nicht merken, dass wir träumen."

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Lass uns die Nacht

Lass uns die Nacht

Marzanna Kielar ; aus dem Polnischen von Renate Schmidgall
Carl Hanser Verlag (2020)

Edition Lyrik Kabinett bei Hanser ; Band 46
123 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 969045
ISBN 978-3-446-26754-1
9783446267541
ca. 20,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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