Goethe und Carl August

Der Untertitel "Wechselfälle einer Freundschaft" stimmt den Leser schon ein auf das Verhältnis von Johann Wolfgang Goethe und Herzog Carl August. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der mittleren und der letzten gemeinsamen Goethe und Carl August Lebensspanne der beiden; der emotionale Anfang der Beziehung ist leider nicht im Blick. Vielmehr rollt Sigrid Damm ihre Untersuchung vom Ende her auf, vom Tod des Fürsten. Mit viel Einfühlungsvermögen und sehr genauer Beobachtung zeichnet sie das nicht spannungsfreie Verhältnis zwischen dem Vorgesetzten und dem "Bediensteten", dem Politiker und dem Künstler, dem Machtmenschen und dem Beobachter. Carl August spricht von innigster Seelenverbindung, sogar von einer Art Ehe, kritisiert Goethe aber auch ungeniert deutlich, zeigt sich mitunter ohne Verständnis für ihn. Goethes "Flucht" nach Italien spricht ja auch für sich. Immer wieder erscheinen die beiden gleichsam als Antipoden. Und trotzdem sind sie eng verbunden, stehen auch innerlich einander sehr nahe. Viele Informationen reihen sich aneinander, sehr viele wörtliche Zitate, besonders aus Briefen fließen ein; deshalb hat man beim ersten Lesen der sieben Kapitel eher den Eindruck einer Sammlung von Einzelbeobachtungen. Die unsichere Bedeutung der einen oder anderen Äußerung oder Handlung der historischen Personen nutzt Sigrid Damm dazu, den Leser gelegentlich mit Fragen zu aktivieren. Weitgehend neu ist ihr verständnisvoller Blick auf zwei alternde Freunde. Für die Zeichnung des komplexen Verhältnisses dieser beiden Persönlichkeiten gebührt Sigrid Damm Dank und Anerkennung.

Bernhard Grabmeyer

Bernhard Grabmeyer

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Goethe und Carl August

Goethe und Carl August

Sigrid Damm
Insel Verlag (2020)

319 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 958219
ISBN 978-3-458-17871-2
9783458178712
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Li
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