Biografie

Erpressung wegen Exhibitionismus treibt den Ich-Erzähler in die Flucht aus Berlin ins elterliche Prag und nach Israel, während sein Freund, der Millionärssohn Noah Forlani, aus seinen Lebenslügen als Ehemann und Gutmensch durch Biografie eine fingierte Entführung im Sudan schleicht und Karubiner zu einer Fahrt ins ukrainische Buczacz bewegt. Aus dem kleinen Ort wurden einst ihre Vorfahren von den Nazis verjagt. Das ist der rote Faden, der ab der ersten Seite in tausend Abschweifungen, Vorhers und Nachhers, nachvollziehbaren und sprunghaften Assoziationen zerfasert. Das eine Wort, das eine Bild führt zum nächsten und umkreist Hunderte von Seiten das Selbstbefinden von zwei Männern, die gewollt oder ungewollt, ihr jüdisches Erbe mit sich tragen. Schier jedes Klischee über Juden und angebliches jüdisches Verhalten wird ausschweifend, genauer: in mehrfachen verstreuten Wiederholungen zelebriert. Freilich ist dieser Erzählduktus nicht neu - und vor allem urjüdisch. Antisemitismus hat ein Rezensent Biller vorgeworfen und durchaus mit einschlägigen Werkzitaten belegt. Er greift zu kurz, denn was ist Antisemitismus bei einem Juden anderes als Selbsthass. Das könnte Billers Motiv sein, es gibt schließlich explizit die Nebenfigur des "Selfhater" Smelnyk. Aber auch eine andere Spielart ist denkbar: das ihm aufgrund seiner Herkunft erlaubte Werfen mit braunem Schlamm. Mit der leisen Erwartung, dadurch kämen gleichfarbige Flecken auf den Westen der Beworfenen zum Vorschein? Das Spiel mit übermäßigen Anleihen aus der jiddischen Diktion, wie die Verballhornung des in Israel gebräuchlichen weiblichen Vornamens Orit zu Oritele, deuten in diese Richtung des Herauskitzelns latenter Geisteshaltung. Die Neigung zur Provokation darf man Biller seit dem Skandal um seinen Roman Esra samt richterlichem Verkaufsverbot nicht absprechen. Und wenn, Biller provoziert gut. Mit Wut und Witz, mit unausgesprochener Sehnsucht und mit Trauer um Verlorenes. Und tiefen Einblicken in das vom freiwillig oder unfreiwillig Jüdischsein geprägte Selbstverständnis. Am prägnantesten und zugleich anrührendsten ist es ihm in der formelhaften Anrufung Gottes gelungen, der der Nachsatz folgt: "den es nicht gibt", und dem unkommentierten Baruch HaSchem. In dem Rundumschlag durch die Befindlichkeiten seiner Hauptakteure sind eine Vielzahl von Geistesblitzen, von mit grotesker Logik getragene Schlaglichter und Querverbindungen auf das Jüdischsein versteckt. Doch sie verglimmen folgenlos in den ermüdenden Beschreibungen erektiler (Dys-)Funktion. Dick, Dudek oder Schmock kriegen's ab: die vernachlässigende Mutter im Prag der 60er, die polnischen Kindermädchen unter der Überwachungskamera der Eltern, die aberwitzigen Versuche, Papas Geld unter die Leute zu bringen ... - Die vielen Fäden der jüdisch-europäischen Geistesgeschichte, des jüdischen Selbstverständnisses und unzweifelhaft die fortdauernden Auswirkungen der Shoah lassen sich nicht in wenigen Seiten abhandeln, doch 900 Seiten machen noch kein Opus magnum.

Pauline Lindner

Pauline Lindner

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Biografie

Biografie

Maxim Biller
Kiepenheuer & Witsch (2016)

892 S.
fest geb.

MedienNr.: 584799
ISBN 978-3-462-04898-8
9783462048988
ca. 29,99 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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