Muttersohn

Im vergangenen Jahr erschien Martin Walsers Novelle "Mein Jenseits", ein poetisches Glaubensbekenntnis. Um die Novelle herum hat Walser nun, wie angekündigt, einen Roman aufgebaut, ein Werk der epischen Mystik. Das ist, Muttersohn um es gleich zu sagen, eine literarisch bedenkliche Tat, die dem Leser einiges zumutet. Im Mittelpunkt des Romans steht Anton Percy Schlugen, ein Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik in Südwestdeutschland. Der Leiter der Klinik, Professor Augustin Feinlein, ist ein ausgesprochen religiös musikalischer Mensch, der seinem Lieblingspfleger deshalb nicht nur Latein, sondern auch das Orgelspiel beibringt. Hinzu kommt ein schweigsamer Patient, der Motorradfahrer, politischer Redner, Suizidkandidat, Briefpartner von Percys Mutter Fini ist, die ihren Sohn ohne Zutun eines Mannes, so heißt es, empfangen hat. Doch auf eine Romanhandlung mit Figurenentwicklung und Dialogen wartet der Leser vergebens. Percy, der "Jesus vom Bodensee", erscheint als ein "Engel ohne Flügel", als vaterloser "Mutter-" und Mariensohn, der ein Leben in der reinen Gegenwart und statt der Kritiker (die "Heruntermacher") nur die Zustimmenden liebt. In diesem "Religionstheater" gibt es von Böhme und Seuse inspirierte Worte aus der Mystik und schöne Aphorismen ("Glauben, das ist eine Gleichung, die nie aufgeht"), aber inmitten absurder Einfälle (ein Motorradverein, der das Bike als "Erlösung" preist und die Losung ausgibt, den Nächsten statt sich selbst zu hassen), religiöser Reden und hoher seelischer Leidensfrequenzen ist das für einen guten Roman einfach zu wenig. So bleibt ein gemischter Eindruck: als mystischer Roman missglückt, allein der Mittelteil "Mein Jenseits" lohnt das Lesen. Über den "schüchternen Versuch, Religion und Literatur einander auf erträgliche Weise anzunähern" (so der Autor in einem Interview), hätte man lieber einen zünftigen Walser-Essay gelesen.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Muttersohn

Muttersohn

Martin Walser
Rowohlt (2011)

504 S.
fest geb.

MedienNr.: 345237
ISBN 978-3-498-07378-7
9783498073787
ca. 24,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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