Statt etwas oder der letzte Rank

Das Cover mit dem leeren Bilderrahmen drückt es sehr treffend aus: Ein weitgehend handlungsloser Roman. Die wenigen kleineren unzusammenhängenden Episoden bilden nur den melancholischen Subtext für die vielfachen Reflexionen der Statt etwas oder der letzte Rank Erzählerfigur über ihr Leben (und es fällt schwer, dahinter nicht den Autor selbst zu vermuten): Oftmals variiert und voller kalkulierter Widersprüche: "Auch ich wäre gern gut gewesen. (...) Ich wollte böser sein (...)" (S. 83), oftmals voll dunkler Metaphern, deren Sinn nur zu erahnen ist. Selbstzweifel peinigen ihn: "Ich hing an mir. Und konnte durch nichts beweisen, dass ich das wert war" (S. 169). Oft finden sich geradezu flagellantische Selbstbezichtigungen: Er nennt sich "krankhaft ichbezogen" (S. 125) oder: "Ich war ein steuerlos treibendes Schiff, hin und her geworfen von Stürmen jeder Art" (S. 85). Er hatte sich immer so verhalten, wie man es von ihm erwartete, z.B. in der Liebe, zu der die "Fälschung der Gefühle" gehört: "die Fähigkeit, mit der Unwahrheit ein Glückskunstwerk zu schaffen"(S. 69). "Und dieses Gefühl, er sei mit Tränen gefüllt, und die wollten heraus" (S. 28). Aber andererseits schon im ersten Satz und dann laufend wiederholt die Bekräftigung: "Mir geht es ein bisschen zu gut" (S. 9). Warum? Vielleicht, weil er mit seinen - immer wieder apostrophierten - Gegnern Frieden geschlossen hat und sogar ihrer Feindschaft als Bestätigung seiner Bedeutung erlebt ("Rank": die Wendung, die der Verfolgte nimmt, um dem Verfolger zu entgehen). - Es ist ein Text, der über keine konsistente Handlung verfügt, den man auch nicht verschlingt, der aber den aufgeschlossenen Leser in seiner unbedingten Ehrlichkeit berührt und in seiner Widersprüchlichkeit, seinem Gedankenreichtum und in seiner bildmächtigen Musikalität fasziniert. Sprachlich brillante Konfessionen eines großen deutschen Schriftstellers voller (Alters-)Weisheit, von düsterer Dunkelheit und zuweilen existentieller Klarheit: Ecce homo! Es muss aber auch gesagt werden: dies ist kein Buch für den Massengeschmack.

Helmer Passon

Helmer Passon

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Statt etwas oder der letzte Rank

Statt etwas oder der letzte Rank

Martin Walser
Rowohlt (2017)

170 S.
fest geb.

MedienNr.: 844089
ISBN 978-3-498-07392-3
9783498073923
ca. 16,95 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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