Eine Handvoll Anekdoten, auch opus incertum

Selten hat Hans Magnus Enzensberger, einer der einflussreichsten deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Krieg, über seine Biographie erzählt oder geschrieben. Er ist bekannt als politischer Publizist, als Reiseschriftsteller, Eine Handvoll Anekdoten, auch opus incertum als Lyriker, Autor von Kurzgeschichten, Herausgeber von verschollenen Büchern. Jetzt, kurz vor seinem 90. Geburtstag, schreibt er endlich auch ausführlicher über seine frühe Kindheit, seine Eltern, Onkel, Tanten und Lehrer. In M., dem Protagonisten des Buches, kann man leicht den Autor Enzensberger erkennen. Aber in den allerletzten Zeilen des Buches versucht er, sich auch gleich ein wenig von dieser Person zu distanzieren. "Wenn er über sich selber schreibt, schreibt er über einen anderen. In dem, was er schreibt, ist er verschwunden." Beim Leser aber verfängt dieses intellektuelle Versteckspiel nicht sonderlich, weil alle hier erzählten Anekdoten zu leicht als Episoden aus den frühen Lebensphasen des Autors erkennbar sind. Sehr konventionell und keineswegs intellektuell verspielt, wie man es sonst von ihm kennt, reiht der Autor eine Anekdote nach der anderen. Großeltern, Eltern, Geschwister, Haupt- und Nebenfiguren, Nachbarn, Lehrer, Mitschüler werden in allen ihren Eigenarten, Schrulligkeiten, manchmal auch Bösartigkeiten vorgestellt. Die einzelnen Geschichten sind selten länger als zwei Seiten und immer mit dazu passenden Bildern illustriert. Und das schönste an diesen Geschichten: sie reizen die Leser immer in dem Erinnerungsbuch seines eigenen Lebens nach ähnlichen großen und kleinen Geschichten zu suchen, mit denen er vielleicht besser verstehen kann, warum er so geworden ist, wie er nun mal ist. Heldengeschichten findet man bei Enzensberger nie, dafür umso mehr Alltagsanekdoten von Menschen, die sich mehr oder weniger unspektakulär durch das Leben schlagen. Man liest dieses Buch gerne, weil es so ganz und gar ohne jedes Pathos, ohne jeden Zeigefinger, ohne jeden klagenden Verweis auf die früher besseren Zeiten auskommt.

Carl Wilhelm Macke

Carl Wilhelm Macke

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Eine Handvoll Anekdoten, auch opus incertum

Eine Handvoll Anekdoten, auch opus incertum

Hans Magnus Enzensberger
Suhrkamp (2018)

239 S. : Ill. (z. T. farb.)
fest geb.

MedienNr.: 595865
ISBN 978-3-518-42821-4
9783518428214
ca. 25,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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