Über die Lippen

Man kann Albert Ostermaiers neuen Gedichtband auf zwei verschiedene Weisen lesen. Entweder nimmt man die Gedichte als das, als was sie angekündigt sind: als Liebesgedichte über Emotionen, Leidenschaften, Liebesleid und Lust, Hingerissenheit Über die Lippen und Sehnsucht. Dann hat man Verse in konsequenter Kleinschreibung, ohne Punkt und Komma, die aus dem abgegriffenen Wortschatz der Liebe immer wieder kleine Perlen bergen, etwa in dem Gedicht über das unfassbare "herz" oder über die "verausgabung" des Liebenden, der nur die Geliebte gewinnen will, sonst nichts. Man kann aber auch der Leseanleitung im Klappentext des Buches folgen und eines der schönsten Bücher über Liebe, die "Fragmente einer Sprache der Liebe" von Roland Barthes (1977 erschienen) zur Hand nehmen. An dessen Sprachszenen orientiert sich Ostermaiers Buch, inhaltlich und auch formal. Barthes inszeniert die Ausdrucksweisen des liebenden Subjekts in Grundsituationen von der "Abhängigkeit" über "Klatsch" und "Kleidung" bis zum "Verbergen"; und Ostermaier bedient sich dieser Figuren in den Gedichttiteln mit großer Kunstfertigkeit und gewinnt poetische Einsichten in die Liebe, die man bei Roland Barthes nur in ihrer Existenz, nicht in ihrer Essenz wahrnehmen kann. Empfehlenswert, aber keine ganz leichte Kost.

Michael Braun

Michael Braun

rezensiert für den Borromäusverein.

Über die Lippen

Über die Lippen

Albert Ostermaier
Suhrkamp (2019)

95 S.
fest geb.

MedienNr.: 597298
ISBN 978-3-518-42863-4
9783518428634
ca. 22,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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