Schutzzone

Als Kind verbrachte Mira 1994 ein paar Monate in Bonn bei der Familie eines Diplomaten, der sie sehr beeindruckt hatte. Nach dem Studium arbeitet sie für die Vereinten Nationen, zuerst in New York am Schreibtisch, dann kam sie in Schutzzone Burundi nach dem Bürgerkrieg zum Einsatz. Zur Vorbereitung einer Wahrheitskommission führte sie Gespräche im ganzen Land, besuchte ein Flüchtlingslager und traf einen Offizier, der grausiger Massaker verdächtigt wurde, zu dem sie sich aber persönlich hingezogen fühlte. Ihre Verwaltungsberichte sind eher hoffnungsvolle Auslegungen denn Spiegel der Realität. 2017 verhandelt sie im Hotel Beau-Rivage am Genfersee mit Vertretern aus Zypern über einen Frieden auf der Insel. In Genf trifft sie Milan wieder, ihren "Bruder" aus Bonn. Er ist ebenfalls für die UNO tätig, aber im Gegensatz zu Mira verheiratet und mit Kind, was sie nicht daran hindert, eine Affäre zu beginnen. - In diesem wenig positive Stimmung verströmenden Roman voller Gedanken und Haltungen verschwimmen immer wieder vermeintlich klare Grenzen, etwa zwischen politisch und privat, entgleiten beruhigende Sicherheiten. "Je länger ich ... arbeitete, desto weniger wusste ich, was ich ... von den Vereinten Nationen [halten sollte], ... ob ich noch daran glaubte, an diese schwerfällige Weltgemeinschaft mit all ihren Missverständnissen, aber an was sonst" (S. 263). Auch formal findet sich diese Komplexität in Sätzen, die oft über lange Strecken nur mit Kommata verbunden oder so angereichert sind, dass sie große Aufmerksamkeit beim Lesen erfordern. Keine leichte, aber empfehlenswerte Lektüre. (Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019)

Barbara Sckell

Barbara Sckell

rezensiert für den Borromäusverein.

Schutzzone

Schutzzone

Nora Bossong
Suhrkamp (2019)

332 S.
fest geb.

MedienNr.: 927912
ISBN 978-3-518-42882-5
9783518428825
ca. 24,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: SL
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