Sie mussten nach links gehen

"Der Krieg ist vorbei. Ihre Suche fängt gerade erst an." So titelt der amerikanische Verlag bei Erscheinen von Monica Hesses neuem Roman in den Medien. Damit beschreibt er exakt die Situation der 18-jährigen Hauptfigur Sie mussten nach links gehen Zofia Ledermann, die sich 1945, nachdem sie Auschwitz-Birkenau und Groß-Rosen überlebt hat, auf die Suche nach ihrem kleinen Bruder Abek macht. Den hat sie das letzte Mal in Auschwitz gesehen. Sie weiß, dass der Rest ihrer jüdischen Familie, ihre Eltern, ihre Großmutter und ihre Tante nicht mehr leben, denn anders als sie und ihr Bruder, die nach rechts geschickt wurden, sind diese bei ihrer Ankunft sofort vergast worden: "Sie mussten nach links gehen". So auch der Titel des Romans. Tod und Massenmord offenbaren sich in einer kleinen Richtungsangabe. Immer noch unvorstellbar. - Hesse vermag es in ihrem klug konstruierten Roman, das Schicksal der Überlebenden vorstellbar zu machen. Sie konfrontiert die Leser/-innen mit den Zuständen nach dem Krieg, der zwar vorbei war, der Antisemitismus aber leider nicht. Auf der Suche nach ihrem Bruder muss Zofia absurde, schmerzvolle Situationen erleben. Sowohl in ihrer polnischen Heimatstadt Sosnowiec, in der sie eine Nachbarin mit den Worten: "Ehrlich gesagt, habe ich gar nicht erwartet, dass einer von euch zurückkommt", (S.45) begrüßt und eine Hakenkreuzfahne in einen Blumentopf steckt. Aber auch in Deutschland. In dem Lager Föhrenwald, in dem die Überlebenden als sogenannte displaced persons unterkommen und nach möglichen Familienmitgliedern suchen, befand sich ursprünglich ein Gelände der Firma I.G. Farben. Zofia erinnert sich … Zofia ist auf der Suche nach ihrem Bruder und fragt sich, wieviel Wahrheit sie dabei verkraften kann. Wie soll man weiterleben? Was will man wissen? Was kann man (sich) verzeihen? Hesse hält die Spannung, indem sie die Ich-Erzählerin Zofia als unzuverlässige Erzählerin auftreten lässt. Aus Selbstschutz hat diese immer wieder Erinnerungslücken, zu denen sie sich allerdings auch bekennt. Woran sie sich allerdings immer erinnern kann, ist, dass, sie ihrem Bruder ein heimliches Familien-ABC in die Kleidung gestickt hat. Von A für Abek bis Z für Zofia. Dazwischen alle Buchstaben des Alphabets, verbunden mit Namen von Verwandten oder Erinnerungen aus dem Familienleben. Trotz aller Traurigkeit erzählt Hesse von Hoffnung und Neuanfang. - Eine unbedingte Empfehlung.

Anna Winkler-Benders

Anna Winkler-Benders

rezensiert für den Borromäusverein.

Sie mussten nach links gehen

Sie mussten nach links gehen

Monica Hesse ; aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Stoll
cbj (2020)

444 Seiten
fest geb.

MedienNr.: 601948
ISBN 978-3-570-16602-4
9783570166024
ca. 18,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: J
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