Millennium

Der Bußgang König Heinrich IV. nach Canossa war der entscheidende Schritt in das neuzeitliche Europa. So sieht es jedenfalls der britische Historiker Tom Holland. Denn die Emanzipation der Kirche gegenüber der staatlichen Gewalt Millennium habe letztlich zur Trennung beider Sphären geführt. Wie in der Spätantike und im frühen Mittelalter zuerst die Kirche in die Abhängigkeit der weltlichen Gewalt und schließlich des deutschen Kaisertums geriet, wie sich dann aber das Papsttum immer mehr aus dieser Umklammerung löste und welche Rolle in diesem komplexen Prozess die Endzeiterwartungen unter Theologen, Fürsten und auch unter den einfachen Gläubigen Europas gespielt haben, zeigt Hollands hoch zu lobendes Buch. Dieses hebt sich in zweifacher Hinsicht vom Gros der Mittelalter-Literatur ab: Es ist ein Meisterwerk historischer Erzählkunst, das solide historische Forschung in die Darstellung der Dramatik des Weltgeschehens umzugestalten weiß, ohne reißerisch oder oberflächlich zu sein; und es maßt sich nicht völlige historische Objektivität an, sondern respektiert fremde Verstehenshorizonte. So wird z.B. eine deutliche Zäsur gesetzt zwischen den Erwartungen und Ängsten, die sich mit dem Jahr 2000 verbunden haben, und jenen, die eine Gesellschaft um das Jahr 1000 hatte, für die das Kommen des Antichristen nur Anzeige der ersehnten baldigen Weltenherrschaft Christi war. Auf diese Weise vermag Holland, dem Mittelalter ganz neue, ungewohnte Aspekte abzugewinnen. - Für historisch Interessierte sehr zu empfehlen!

Richard Niedermeier

Richard Niedermeier

rezensiert für den Sankt Michaelsbund.

Millennium

Millennium

Tom Holland
Klett-Cotta (2009)

502, [16] S. : Ill. (überw. farb.), kt.
fest geb.

MedienNr.: 563545
ISBN 978-3-608-94379-5
9783608943795
ca. 30,00 € Preis ohne Gewähr
Systematik: Ge
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